Gedankenbrösel. Mit dem Smartphone kann man nicht nur posten

Sprich mit mir!

14.07.2019, Mike Abramovici

Foto: Birgitt Eltzel

Der Irrsinn fing an, als das Telefon auch Bilder machen konnte. Seitdem rennt die halbe Nation durch die Gegend und knipst, knipst, knipst. Früher musste man als Autofahrer vor allem aufpassen, keine Radfahrer umzufahren. Heute muss man noch mehr als sonst auf Fußgänger achten, die das Handy in der Hand, den Blick auf das Display gerichtet, rote Ampeln übersehen und gegen Laternen laufen. Viele Menschen bekommen bereits Schnappatmung, wenn sie nicht alle drei Minuten auf Facebook etwas posten können. Alle vertrauen nur noch ihrem Smartphone. Früher hat man aus dem Fenster geschaut, um nach dem Wetter zu sehen. Wenn es regnete, nahm man einfach den Schirm. Heute schauen wir in die Wetter-App, ob es denn auch wirklich regnet. Es dauert wohl nicht mehr lange, da legen wir das Ding in die Kloschüssel und analysieren nach getanem Werk, ob auch alles seine Richtigkeit hatte. Dann wird womöglich noch das Ergebnis  gepostet bei Facebook oder Instagram.

Wer will das eigentlich wissen, und warum?

Seitdem es diese merkwürdigen sozialen Medien gibt (ich weiß immer noch nicht, was daran sozial sein soll!) gibt es auch neue Berufe. Influencer, klingt wie eine Krankheit. Leute, die sich den ganzen Tag lang rumtreiben, irgendwelche Bilder in die Welt setzen, mit ihren Likes Marken verkaufen. Viele gehen auch nicht mehr normal laufen oder joggen. Nein, Leute fotografieren sich vor, während und nach dem Lauf. Dann wird gepostet: Geschafft! Wer will das eigentlich wissen, und warum? Natürlich gibt’s auch einige gute Tipps, das eine oder andere Konzert, ein gutes Restaurant, eine interessante Ausstellung. Aber wenn wir ehrlich sind, vieles, was wir so in die Welt hinaus posaunen, ist nur Bullshit.

Posten macht süchtig

Diese Dinge rauben uns die wirklich schönen Momente, kosten uns Zeit und tun eigentlich nichts für ein gutes Miteinander. Doch das Posten macht leider süchtig. Irgendwie sind wir fast alle betroffen, 90 Prozent der Menschen, denke ich. Insgeheim bewundere ich die Leute, die diesem ganzen Quatsch abgeschworen haben. Die das Smartphone abgeschafft haben, sich von Facebook und Co verabschiedeten und nur noch ein „normales“ Telefon benutzen.

Natürlich will ich die moderne  Technik nicht verteufeln. Die ist schließlich auch hilfreich. Beispielsweise, wenn man in einer fremden Stadt die Straßen nicht kennt und das Hotel sucht. Doch der Blick in eine Karte aus Papier ist eigentlich auch nicht so schlimm. Oder man fragt einfach jemand nach dem richtigen Weg…

Panik im Funkloch

Viele Menschen kriegen jedoch bereits Panik, wenn sie einen Netzausfall erleben oder ein Funkloch passieren. Man kommt nicht ins Internet, wie soll das Leben nur weitergehen? Doch das funktioniert auch, wenn man mal fünf Minuten keine Nachrichten von X, Y, Z bekommt, wenn keine bunten Bildchen auf dem Display erscheinen. Und falls dann Langeweile aufkommen sollte: Man kann auch altbewährte Techniken wieder mal ausprobieren. Ganz einfach miteinander reden. Zur Not kann man das auch mit dem Smartphone tun, wenn man sich nicht gerade gegenübersitzt. Das hat ja auch eine Telefonfunktion. Wie schon die letzte Silbe des Wortes besagt. Die lautet schließlich nicht ohne Grund „phone“.

 

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