Neuartiges Wohnprojekt am Nöldnerplatz - das Fahrradloft

Mit dem Fahrrad bis in die Wohnung

21.05.2014, Volkmar Eltzel

Foto: Andrea Scheuring (1,3), Volkmar Eltzel (2,4)

Die Idee hatte Lars Göhring als ihm bei einem Berlinbesuch wiederholt auffiel, dass es trotz der vielen Radfahrer in der Stadt an den meisten Wohnhäusern kaum sichere und wettergeschützte Abstellmöglichkeiten für Fahrräder gibt. „Wer ein halbwegs hochwertiges Rad hat, buckelt es oft durch enge Flure die Treppen hoch“, beobachtete der 37-jährige Architekt. Er hatte in Berlin studiert und war anschließend wegen der Arbeit nach Linz (Österreich) gezogen. „Aber das Heimweh trieb mich nach einigen Jahren an die Spree zurück“, sagt er. Zusammen mit seinem Freund und Geschäftspartner, Paul Wichert, ebenfalls Architekt in Linz, entwarf er dann einen Wohnkomplex, der für Viel-Fahrradfahrer besonders gute Bedingungen bieten soll. So entstand das Projekt Fahrradloft. Dass die Häuser automatisch auch kinderwagengerecht und barrierefrei sein werden, passt ins Gesamtkonzept. Garagen und Parkplätze sind nicht in den Entwürfen vorgesehen, „was nicht heißt, dass keiner der Bewohner ein Auto hat“, so Göhring. „Soweit ich weiß, gibt es in Deutschland bisher nichts Vergleichbares“, sagt er und erläutert das Projekt näher.

Jede Wohnung hat zwei Balkone
Zwei Häuser mit sechs Etagen für insgesamt 42 Wohnungen von 80 bis 150 Quadratmeter Wohnfläche, verteilt auf je drei bis sechs Zimmer werden gebaut, eines an der Lückstraße 69-71, mit Schallschutzfenstern, und eines an der Leopoldstraße 7-8. Dazwischen ein 2.000 Quadratmeter großer, gemeinschaftlich nutzbarer Garten. Jede Wohnung hat zwei Balkone, einen kleineren (18,5 m²) zum Abstellen von Fahrrädern und Kinderwagen zur Straßenseite, und einen großen (23,5 m²) Erholungsbalkon zur Gartenseite, der fast über die gesamte Hauslänge reichen soll. Ankommende Radfahrer können ebenerdig vorwärts in den Fahrstuhl hineinfahren und ihn durch eine zweite Tür auch vorwärts wieder verlassen. Der Aufzug hält direkt auf dem eigenen Fahrradbalkon, von dem aus man dann den Innenbereich der Wohnung betritt. „Bequemer geht es kaum“, sagt Göhring.

Grundrisse und Details wählbar
Obwohl Fernwärme anliegt, werden auf den begrünten Dächern gleich Leitungen für eine optionale Solaranlage verlegt. Insgesamt achte man darauf, dass ökologisch verträgliche Materialien verbaut werden, so der Projektleiter. Neben dem Gemeinschaftsgarten wird es auch einen Kulturraum für Veranstaltungen geben, der auch Nachbarn offen steht. Sogar an eine interne Fahrradwerkstatt ist gedacht. Grundrisse und weitere Gestaltungsdetails sind durch die künftigen Bewohner, die auch Eigentümer sind, frei wählbar und können auch im Nachhinein noch leicht verändert werden. Julia Schmidt (Foto), die im E-Commerce arbeitet, hatte eigentlich eine Vierraumwohnung eingeplant. Nun steht aber schon in drei Wochen Familienzuwachs ins Haus. „Es wird ein Mädchen“, sagt die werdende Mutter erwartungsfroh. „Vielleicht lasse ich doch noch eine zusätzliche Wand einziehen“, sagt sie. „Dann haben wir ein Zimmer mehr für das Baby.“ Momentan wohnt die 29-jährige noch etwas beengt in der Hagenstraße im Nibelungenviertel.

Die Lage ist perfekt
Sebastian Lindner (36) arbeitet im Medienbereich und wohnt noch in der Samariterstraße. Er wird mit seiner Partnerin Judith Schneider zusammenziehen, die sich in das Projekt gleich als Landschaftsarchitektin einbringt. Auch Architekt Lars Göhring, derzeit in Mitte wohnhaft, wird hier einziehen. „Damit ist garantiert, dass es bei dem Projekt weder schlechte Bauqualität noch Kostensteigerungen oder große Verzögerungen geben wird“, sagt er mit einem Augenzwinkern. 2011 hatte der Projektgründer das 3.100 Quadratmeter große Grundstück für das Vorhaben reserviert. „Es liegt perfekt“, schwärmt er, zwischen Lück-, Leopold- und Giselastraße. „Der S-Bahnhof Nöldnerplatz ist gerade so weit weg, dass es keine Geräuschbelästigung gibt und so nah, dass er in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar ist.“ Außerdem habe man zwei Buslinien quasi vor der Tür. „Und acht Kitas in unmittelbarer Umgebung“, ergänzt Julia Schmidt. Im Mai 2013 hatte die inzwischen gegründete Baugruppe GbR das Areal erworben, das zuvor mehrere Jahre brach lag, nachdem ein Gebrauchtwagenhandel weggezogen war. „Vor dem Weltkrieg standen hier schon einmal Wohnhäuser und ein sogenannter Kolonialwarenladen verkaufte Drogerieartikel“, weiß Göhring.

Gemeinschaft bietet Vorteile
Die beteiligten Familien kamen sich schnell näher. Beim ersten Spatenstich, bei Workshops und der Weihnachtsfeier 2013 fand man rasch gleichgelagerte Interessen. Gemeinschaftlichkeit wird groß geschrieben, wichtige Entscheidungen treffen alle zusammen. Auf monatlichen Sitzungen wird über den Projektstand informiert. „Die Gemeinschaft bietet viele Vorteile“ so der Architekt. Das Risiko, das beim Hausbau immer vorhanden sei, verteile sich auf mehrere Schultern. Außerdem sei man zusammen schlagkräftiger als ein einzelner Bauherr. Rund elfeinhalb Millionen Euro soll das Projekt insgesamt kosten. „Für Eigenkapital und Kreditaufnahme ist natürlich jeder selbst verantwortlich“, so Göhring, aber alle hätten sich für eine auf Baugruppen spezialisierte Bank entschieden. „Auch zu unseren künftigen Nachbarn wollen wir gute Beziehungen aufbauen“, meint Sebastian Lindner. So habe man Kontakte zum Forum Weitlingkiez, zu den BLO-Ateliers und dem Ortsverein des ADFC aufgenommen. Im kommenden Juni soll die Grundsteinlegung gefeiert werden und schon im Sommer 2015 will man einziehen.

 

 

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