Stadtrand bleibt beim Carsharing weiter außen vor

Mietwagen Mangelware

12.06.2018, Marcel Gäding

Fotos: Birgitt Eltzel (1), Drive now (2)

Lichtenberg/Marzahn-Hellersdorf/Berlin. Nach dem Theater ins Mietauto steigen und bequem nach Hause fahren – seit 2012 ist das über Carsharing in Berlin möglich. Allerdings sind auch sechs Jahre nach dem Start des Projekts die Außenbezirke der Stadt noch abgeschnitten. Die großen Carsharing-Anbieter aber wollen ihr „Geschäftsgebiet“ nicht erweitern. Das sorgt für Kritik bei Bezirkspolitikern.

Berlin gehörte 2012 zu den ersten Städten weltweit, in denen Kunden ihre Mietwagen direkt auf der Straße buchen können. Das Prinzip klingt einfach: Statt mit dem eigenen Auto zu fahren, stehen überall in der Stadt kompakte Autos. Wer sich zuvor bei den jeweiligen Anbietern angemeldet hat, erfährt über sein Smartphone den Standort des nächsten freien Fahrzeuges. Das Mobiltelefon ist gleichzeitig der Schlüssel zum Mietauto. Abgerechnet wird nach Minuten. Ist das Ziel erreicht, stellt man den Wagen am Straßenrand wieder ab und gibt ihn für nachfolgende Nutzer frei. Auf ihren Internetseiten werben die Anbieter vollmundig. Sie versprechen Flexibilität und eine zeitlich unbegrenzte Verfügbarkeit. So weit, so gut.

Konzentration auf die Innenstadt

Doch von der neuen mobilen Freiheit profitieren nicht alle. Vor allem die Bewohner in den Außenbezirken Berlins haben das Nachsehen, weil sich das „Geschäftsgebiet“ der Carsharing-Betreiber im Kern auf die Innenstadt konzentriert. Ausnahme sind Spandau und Teile von Treptow-Köpenick. Gegen einen Aufschlag können die Mietwagennutzer ihre Fahrzeuge dort nach Gebrauch ebenfalls abstellen. Wer aber abends von der Staatsoper Unter den Linden zum Helene-Weigel-Platz oder zum S-Bahnhof Wartenberg fahren will, muss auf ein Carsharing-Auto verzichten.

„Nicht abhängen lassen“

Für Alexander Herrmann, den Vorsitzenden der Marzahn-Hellersdorfer CDU-Fraktion, ist diese Geschäftspolitik unverständlich. Für ihn gehört Carsharing ebenso zu einer gut funktionierenden Infrastruktur wie die Radwegenetze oder die öffentlichen Verkehrsmittel. Daher müssten Anreize geschaffen werden, auf Fahrten mit dem eigenen Auto zu verzichten oder erst gar kein eigenes Auto in der Stadt zu besitzen. „Carsharing wäre eine Alternative“, sagt Herrmann. Statt die Außenbezirke von dem Angebot auszuschließen, wünscht sich Bjoern Tielebein, Chef der Linksfraktion in Marzahn-Hellersdorf, mehr Mut von den Carsharing-Unternehmen. „Wir sollten uns nicht abhängen lassen.“

Keine Pläne für Ausweitung

Eine richtige Handhabe gibt es jedoch gegenüber den Anbietern nicht. „Wir haben keinen Einfluss auf die Geschäftspolitik der Carsharing-Unternehmen“, sagt Matthias Tang, der Sprecher der Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr. „Wir bemühen uns, bei allen größeren Neubauvorhaben Carsharing-Konzepte sowie Ladeinfrastruktur für Elektroautos mit zu planen und zu berücksichtigen.“ Auf Nachfrage teilt der Anbieter „car2go“ mit, dass auf der Grundlage verschiedener Faktoren fortlaufend sinnvolle Anpassungen des Geschäftsgebiets evaluiert würden. „Je höher die Bevölkerungsdichte, je besser ausgebaut der ÖPNV und je höher der Quartiersmix aus Arbeit, Freizeit und Wohnen an einem Ort ist, desto höher ist die Nachfrage nach free-floating Carsharing“, erklärt Nikolai Worms von „car2go“, um dann aber gleich jede Hoffnung zu zerstreuen: „Derzeit gibt es keine konkreten Pläne, das Geschäftsgebiet in Berlin auszuweiten.“ Auch Anbieter DriveNow geht in diese Richtung: „Eine größere Ausweitung in weiter entfernte Außenbezirke ist derzeit nicht angedacht“, sagt Sprecher Niklas Merk. Wichtig sei, eine wirtschaftliche Auslastung zu gewährleisten. „Hierzu müssen gewisse Parameter gegeben sein.“ Dazu gehörten unter anderem die Einwohnerzahl- und -dichte sowie die gegebene Mobilitäts-Infrastruktur. „Daher konzentrieren wir uns zunächst auf verdichtete Innenstadtbezirke, in denen diese Bedingungen in der Regel erfüllt werden.“

CDU-Politiker will Feldversuch

CDU-Politiker Herrmann gibt dennoch nicht auf. Er schlägt für Marzahn-Hellersdorf einen Feldversuch vor. „Dabei könnten wir herausfinden, wie hoch der Bedarf ist“, sagt der Fraktionsvorsitzende. Denkbar wäre, Parkplätze in der Nähe von U- und S-Bahnhöfen verstärkt als Stellflächen für Carsharing-Fahrzeuge zu nutzen. Die Unternehmen zu verpflichten, ist jedoch keine Option. „Wir können daher immer wieder nur drängeln“, sagt Linksfraktionschef Bjoern Tielebein.

Viel Erfolg dürfte dieses Ansinnen jedoch nicht haben. Bereits im Dezember 2017 hatte die BVV Lichtenberg auf Initiative der CDU-Fraktion einen Antrag beschlossen, einen festgeschriebenen Anteil von Carsharing-Angeboten auch in Lichtenberg vorzuhalten. Getan hat sich in der Angelegenheit jedoch bis heute nichts.

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