Die Autorin Stefanie Röfke blickt auf ihre Kindheit in der DDR

Memorys – „Risse im Asphalt“

08.05.2019, Volkmar Eltzel

Fotos: Privatarchiv Stefanie Röfke

Marzahn. Treten große, unvorhersehbare Ereignisse auf, dann kann man sich oft ganz genau auch daran erinnern, wo und wobei man gerade war, als es passierte. Ein Phänomen, da das große Geschehen einen selbst zumindest nicht sofort und unmittelbar betraf. Das gilt im Bösen wie im Guten.

Stefanies Welt erzitterte

Stefanie Röfke war neun Jahre jung als die Mauer fiel und die so genannte Wende einleitete. Das kleine Mädchen, das mit Mama und Papa im 7. Stock eines Marzahner Hochhauses wohnte, verstand nicht genau, was da am 9. November 1989 vor sich ging. Aber sie sah ihre Eltern. Sah, wie sie gebannt die Geschehnisse am Fernseher mitverfolgten. Die Welt, in der Stefanie lebte, erzitterte. „Von diesem Moment an, der erst viel später in mein Bewusstsein rückte, landete Stück um Stück und Jahr um Jahr Vertrautes unter dem Richtschwert, wurde entsorgt oder bunt angepinselt…“, schreibt die heute 39-jährige Autorin in ihrem 2018 erschienenen Buch „Risse im Asphalt – Eine Kindheit im Sozialismus”. Nichts mehr war so, wie es vorher war.

„Wir sind Kuriosa der Weltgeschichte“

Die junge Frau lebt und arbeitet seit 2014 als freiberufliche Texterin, Autorin und Lektorin im englischen Yorkshire. Zuvor studierte sie Geschichtswissenschaften und Polonistik, volontierte in verschiedenen Verlagshäusern und machte sich anschließend mit der Text­agentur „Federstrich” selbstständig.

In ihrem 198 Seiten umfassenden, in der „Ich“-Form erzählten, dokumentarischen Buch nimmt sie uns Leser mit – zurück in die Jahre ihrer Kindheit. Vor der Wende, im DDR-Sozialismus. Zurück an den Ort, in das Hochhaus, das einmal ihr Zuhause gewesen war. Sie erzählt uns ihre kleine Geschichte im Spiegel der großen. Denn:

„Niemand lauscht unseren Erzählungen… in der Erinnerung glänzt vieles golden und was können wir schon berichten von einem Leben, das noch gar nicht richtig begonnen hatte. Wir sind Kuriosa der Weltgeschichte.“

„Plötzlich war mein bester Freund weg“

Wir erfahren von ihrem Umzug aus Prenzlauer Berg in die Marzahner Plattenbauwohnung, von teilweise strengen und aus heutiger Sicht absurden Erziehungsmethoden in der Kinderkrippe. Wir lesen von Stefanies bestem Schulfreund: Seine Eltern wollten nicht, dass er Jungpionier wird. Eines Tages blieb Stefanies Nachbarstuhl in der Schule plötzlich leer. „Einfach so, ohne ein Wort des Abschieds hatte sich mein bester Freund für immer aus meinem Leben gestohlen.“ Die Kindheitserinnerungen führen uns zu Pioniernachmittagen, ins Ferienlager, sie nehmen uns mit zum ergatterten FDGB-Urlaubsplatz, auf die Datsche der Großeltern und in den früheren Pionierpark in der Wuhlheide (heute Freizeitpark und FEZ).

Unnötiger Kunstgriff

2017 besucht Stefanie Röfke noch ein letztes Mal ihren alten Wohnblock, um „über Jahre achtlos verstreute Erinnerungen aufzusammeln und sie sorgsam in meinem Herzen zu verstauen.“ Denn am nächsten Tag verlässt sie ihre Heimat auf unbestimmte Zeit. Es folgt ein Kunstgriff, der so eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Oder die Schreiberin hätte ihn zumindest kenntlich machen müssen. Denn an den Klingelschildern des Hauseingangs Lilienstraße 21, so beschreibt die junge Frau, findet sie eine „dahingekritzelte Nachricht“ der Hausverwaltung, „dass dieses Wohnhaus am 18. April 2017… zum Abriss freigegeben wird.“ – Es gab in Marzahn keine Lilienstraße. Und zumindest die lang ansässigen Marzahner wissen, dass letztmalig 2007 ein Plattenbau-Wohnhaus im Rahmen des Programms Stadtumbau Ost rückgebaut wurde.

Wohnhäuser wurden 2002 bis 2007 abgerissen

Insgesamt hat man zwischen 2002 und 2007 in Marzahn-Hellersdorf rund 4.300 Wohnungen und mehr als 142 Kitas, Schulen und andere Einrichtungen der sozialen Infrastruktur abgerissen. Die Gründe lagen im Wegzug und Rückgang der Bevölkerung. Dadurch kam es zu massivem Wohnungsleerstand. Er betrug bis zu 20 Prozent in manchen Gebieten der Großsiedlungen.

Zur Wahrung der Authentizität hätte der Abschiedsbesuch von dem Betonriesen auch in das korrekte Jahr und die tatsächliche Straße verlegt werden können. So bleiben Fragezeichen, ob nicht auch an anderer Stelle von der Realität ohne Hinweis abgewichen wurde. Wir haben keine gefunden.

Eine Reise mit verblasster Landkarte

Mit Erinnerungen ist es oft ein eigen Ding. Je länger Ereignisse zurückliegen, desto stärker wird unser Blick auf sie durch die Filter des später Stattgefundenen abgelenkt. Wir blicken mit dem Wissen und der Erfahrung von heute auf Vergangenes. Memorys werden durch Angelesenes eingefärbt. Das geht kaum anders und ist auch nicht schlimm. Auch Stefanie Röfke räumt auf späteren Seiten ein:

„Es fühlt sich an, als wäre ich plötzlich auf eine Reise gegangen, mit einer verblassten Landkarte, die nur ich selbst entschlüsseln kann. Je weiter mich ihre Pfade voranlocken, desto stärker vermengen sich Vergangenheit und Gegenwart.“ … „Meine Erinnerungen lassen sich nicht eins zu eins teilen und auch ich selbst kann mir ihrer nicht sicher sein.“
Das liest sich schonungslos ehrlich.

Versäumte Tränen

Zum Ende des Buches steht die Marzahnerin auf dem Balkon ihrer Kindheit, dort im siebten Stock des zum Abriss stehenden Gebäudes. Egal in welchem Jahr, egal in welcher Straße. Die Erinnerungen sowie der Schutt und Unrat im Haus schnüren ihr die Kehle zu. Der erwachsenen Frau wird klar, dass ein Riss in jungen Jahren ihr Leben in zwei Teile zertrennte.

Aus ihren „Augen rinnen versäumte Tränen herab, tropfen auf rauen Grund…“ In den Salzkristallen „spiegeln sich Fragmente, aus der Zeit gefallene Fetzen und lose Gedankenschnipsel… Meine Tränen verschmelzen mit dem steinernen Riesen und kühlen die feinen Risse in seiner Haut.“

30 Jahre nach dem Mauerfall

„Risse im Asphalt“ ist ein anrührendes Buch, das die Leser dazu anregt, Stefanie Röfkes Erinnerungen mit den eigenen zu vergleichen. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist es sinnvoller denn je, diese „Memorys“ mit anderen zu teilen und zudem auch jenen darüber zu erzählen, die nicht dabei waren. Denn es ist unsere Geschichte und unsere Erinnerung.

In ihrem Blog www.nordengland.net berichtet Stefanie Röfke regelmäßig von ihrem Alltag als Berlinerin im Norden Englands.
Hier ihre Facebook-Seite.

Leseempfehlung von LiMa+.
Risse im Asphalt – Eine Kindheit im Sozialismus
Autorin: Stefanie Röfke
198 Seiten, 205mm x 125mm, Broschur
1. Auflage – Berlin. Berlin Story Verlag 2018
ISBN 978-3-95723-141-3
14,95 Euro
www.berlinstory.de/verlag/risse-im-asphalt/


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