Geplatzter Traum

Mein Freund, der Weihnachtsbaum

22.12.2013, Birgitt Eltzel

Foto: Birgitt Eltzel

Es ist mal wieder so weit, das Fest steht kurz bevor und noch immer haben viele die eine drängende Frage nicht abschließend geklärt: Baum oder nicht Baum? Und falls erstere positiv beschieden wird: Welchen nehmen wir bloß?

Denn längst schon ist auch das Aufstellen des Weihnachtsbaumes mehr als nur ein alter Brauch.
Dessen Ursprünge liegen je nach Lesart bei den alten Römern: Bekränzung der Häuser mit Lorbeerzweigen; heidnischen Stämmen: Tannenzweige im Haus sollten die bösen Geister abhalten und der Hoffnung auf den Frühling Ausdruck geben; oder dem Christentum: Laut Wikipedia hat schon 1419 ein mit Naschwerk, Früchten und Nüssen geschmückter Christbaum in Freiburg gestanden.

Spiegel unseres Selbstbildes
Der Baum soll schließlich auch ein wenig unsere Persönlichkeit ausdrücken, ist quasi ein Spiegel unseres Selbstbildes. Während Sparsame schon vor Jahren einen Kunstbaum im Baumarkt erworben haben, der alljährlich hervorgeholt wird, stellen Traditionalisten natürlich nur einen echten ins Zimmer. Wer da auch noch ökologisch korrekt vorgehen möchte, sieht zu, dass der Baum nicht nur nicht mit Pestiziden behandelt wurde, sondern möglichst auch in der Region aufwuchs. Und am Besten noch eigenhändig dort geschlagen wurde, natürlich nur unter Aufsicht der Forstleute und nicht heimlich auf eigene Faust. Allerdings wachsen in den Berliner und Brandenburger Forsten vor allem märkische Kiefern. Weshalb in manchen Berliner Wohnungen auch solche ein kurzes Fest-Gastspiel geben – was bei echten Christbaumkennern aus dem Erzgebirge, aus Thüringen und Bayern eine Gänsehaut vor lauter Gruseln beim Anschauen hervorruft. Am beliebtesten ist in Deutschland laut Schutzgemeinschaft Deutscher Wald die Nordmanntanne, gefolgt von Blaufichte, sonstigen Fichten und Edeltanne. 29,1 Millionen Weihnachtsbäume stehen nach ihren Angaben jedes Jahr in deutschen Wohnzimmern.

Das Lametta-Trauma
Den richtigen Schmuck braucht der Baum, gern “die Tanne” genannt, obwohl es oft gar keine ist, natürlich auch. Ganz in Weiß oder mit einfarbigen Accessoires, gut aufeinander abgestimmt, schlicht grün (nur mit Naturdingen wie Zapfen, getrockneten Hagebutten und harten, nicht mehr essbaren  Backwaren verziert) oder bunt und glitzernd vor lauter Kugeln – der Vielfalt sind da keine Grenzen gesetzt. Nur Eines scheint glücklicherweise aus der Mode gekommen: Lametta. Erinnert sich noch einer an die mit den dünnen Streifen aus Silberpapier behangenen Monster aus den 1960er- oder 70er-Jahren? Und wie man als Kind unter elterlicher Aufsicht nach dem Dreikönigstag die blöden Fäden sorgsam wieder abnehmen musste, damit sie, gut verwahrt übers Jahr, zum nächsten Fest wieder verwendet werden konnten? Wer das erlebt hat, hat ein Trauma fürs Leben und die feste Entschlossenheit: Lametta kommt mir nie ins eigene Haus.

Durchsichtiges Plastik mit Styropor
Natürlich gibt es auch die Modernisierer. Wie die Kollegin, die sich alljährlich ein etwa 50 Zentimeter hohes Bäumchen aus rosa Plüsch auf den Schreibtisch stellt. Wir haben es auch versucht: Im vergangenen Jahr standen auf unserer Terrasse zwei Christbäume 2.0: Aufblasbar aus durchsichtigem Plastik, mit Styroporkügelchen innen, die als Schnee gedeutet werden konnten. Sah gar nicht mal so schlecht aus. Leider hatte in diesem Jahr, als wir sie aus dem Keller holten, wo sie zusammengefaltet geruht hatten, einer der Bäume ein unreparables Loch. Der andere zerplatzte laut beim Aufpusten, weil wir etwas Technik zu Hilfe genommen hatten. Deshalb gibt es nun wieder einen Traditions-Baum, natürlich eine Nordmanntanne, praktischerweise gleich beim Einkauf im Supermarkt miterstanden.

“Ist doch schließlich Weihnachten”
Für manche, insbesondere die junge, urbane Generation ist der Baum, egal ob traditionell oder 2.0, allerdings schlichtweg eines: Kitsch feinster Güte. Nie würde der Sohn, der seine Freizeit gern in den angesagten Clubs der Stadt verbringt, auf die Idee kommen, einen Christbaum in seiner Wohnung aufzustellen. Was ihn freilich nicht hindert, beim Fest-Besuch im Elternhaus selbigen fachmännisch zu begutachten, um wie jedes Jahr dann festzustellen: “Früher hatten wir aber einen Schöneren und viel Größeren. Ihr könnt euch ruhig ein wenig mehr anstrengen, ist doch schließlich Weihnachten.”

 

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