Der Mahlsdorfer Peter Gotthardt komponierte mehr als 500 Filmmusiken

Ein Leben in vielen Tonarten

11.06.2019, Steffi Bey

Fotos: Steffi Bey

Mahlsdorf. Nein, als Star sieht er sich keinesfalls. „In solchen Dimensionen denke ich nicht“, macht Peter Gotthardt deutlich. „Musik ist mein Leben“, sagt er dann betont laut und lächelt ein wenig. Genau diese Bescheidenheit einerseits, aber ebenso diese deutliche Ansage spiegeln das, was der herausragende Komponist ist: Ein genialer Musiker, der mit Talent, Einfallsreichtum und mit handwerklicher Sicherheit sowie einem unverkrampften Herangehen, um jede Lösung ringt.

Lebensgefühl einer ganzen Generation

„Nimm doch Gotthardt – so hieß im Studio einst die Empfehlung – der macht was draus“, berichten die Regisseure Barbara und Winfried Junge („Die Kinder von Golzow“) über ihren Kollegen. Denn das Lebenswerk des 77-Jährigen lässt aufhorchen und erstaunen. Über 500 Filmmusiken schrieb der Mahlsdorfer Komponist in den vergangenen fünf  Jahrzehnten. Mit seiner populärsten Arbeit für den Streifen „Die Legende von Paul und Paula“ des Regisseurs Heiner Carow brachte er das Lebensgefühl einer ganzen Generation auf den musikalischen Punkt. Er ließ die damals noch unbekannten Puhdys seine komponierten Filmsongs „Geh zu ihr“ und „Wenn ein Mensch lebt“ einspielen und verhalf der Band mit zum Durchbruch.

Ganz sicher hätte das Liebesdrama von 1973 ohne Peter Gotthardt nie den Kultstatus erreicht. „Es war aber auch für mich eine ganz aufregende Phase“, erzählt der Musiker. Weil er selbst zu dieser Zeit „noch keine Ahnung von Rock und Pop hatte“. Schließlich ist Gotthardt klassisch ausgebildet, studierte an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Klavier und Komposition.

Unterwegs mit den Puhdys

Kurzentschlossen begleitete er damals die Puhdys zu einigen Konzerten, um ein Gefühl für dieses Genre zu bekommen. „Ich habe mich zunächst hineingehört und anschließend unter anderem sinfonische Elemente mit Collagen aus Klassik und Rock verbunden“, berichtet der Mahlsdorfer. Nach einem halben Jahr war das Werk fertig.

Gerne erinnert er sich an diesen Schaffens-Abschnitt. Während der Entstehung von „Paul und Paula“ sei wirklich viel passiert. So viel, dass für den erfolgreichen Komponisten feststeht, die Geschichten Drumherum einmal aufzuschreiben. Vorgenommen hat er sich das für 2021.

Manchmal ärgert er sich darüber, dass er  nur auf diesen einen Soundtrack reduziert wird und anderes in der öffentlichen Wahrnehmung dahinter verschwindet.

Filmmusikalisches Testament

Mit seinem „filmmusikalischen Testament“ brachte er jetzt eine Sammlung heraus, die seine Vielseitigkeit repräsentiert. Sie besteht aus sechs  unterschiedlichen CDs mit Musik für Kriminal- und Märchenfilme, mit leichter, elektronischer und Orchestermusik sowie mit Liedern für Filme.

Gerne erzählt er auch über andere Arbeiten, die er vor allem vor der Wende zum Klingen brachte. Dazu gehört der Dokumentarfilm „Studentinnen“, für den ihn beispielsweise 1965 der Regisseur Winfried Junge engagierte. Er komponierte ebenso für „Das Sandmännchen“ und für den DDR-Jugendfilm „Sieben Sommersprossen“. 1997 entstand zur TV-Produktion „Der Hauptmann von Köpenick mit Harald Juhnke die Filmmusik.

Die meisten Werke schrieb er zu Hause in seinem Arbeitszimmer. Dort stehen ein Klavier in der Mitte, ein großer Schreibtisch am Fenster und bis an die Decke reichende Schränke an den Wänden. Im Flur drängen sich jede Menge CDs in raumhohen Regalen. Peter Gotthardt hat sie alle schon gehört. Davon lässt er sich für neue Aufträge inspirieren. Sein Spektrum ist riesig und reicht von Kammer- und Orchesterwerken, Chansons und Opern bis hin zu geistlicher Chormusik. Vor fünf Jahren führten unter anderem die Leipziger Thomaner sechs- und siebenstimmige „Psalm-Gebete“ von ihm auf. Diese Stücke widmete er seiner Heimatstadt.

Nun Arbeit an einer Oper

Dass er inzwischen nicht mehr für „übliche Filmmusiken“ gebucht wird, kann er mittlerweile „ganz gut wegstecken“. Und taucht umso tiefer in andere Aufgaben ein: Arbeitet beispielsweise an einer Oper und würde gerne Orchestermusik für einen Stummfilm komponieren. Solche historischen Schwarz-weiß-Streifen haben es ihm angetan. Seit mehr als 25 Jahren kreiert er dafür Musik. Filmkunstfreunde können den Künstler im Berliner Zeughauskino erleben, wo er regelmäßig Stummfilme am Klavier begleitet. „Das mache ich für mein Leben gern, weil ich mich dabei zu den Wurzeln meines Berufs zurücktaste“, sagt der Komponist.

Dass er Ende vergangenen Jahres im Rahmen der Filmmusiktage in Sachsen-Anhalt den Ehrenpreis des Deutschen Filmmusikpreises erhielt, freute ihn dann doch.

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