Kunst in Unterkünften für Geflüchtete

Wenn Träume fliegen könnten

16.05.2019, Regina Friedrich

Fotos: Regina Friedrich

Marzahn-Hellersdorf/Lichtenberg. Die zehn Modularen Unterkünfte (MUF) in Berlin werden zu Kunstateliers. „Residenzpflicht“ heißt das internationale Kunstprojekt, in dem zehn Künstlerinnen und Künstler in diesem und im nächsten Jahr in zehn Berliner Flüchtlingseinrichtungen arbeiten werden.

Auf dem Hof der Flüchtlingsunterkunft Wittenberger Straße in Marzahn steht seit zwei Wochen ein leuchtend gelbes Wohnatelier. Daneben ist das halb verkleidete Gerippe eines kleinen Flugzeuges zu sehen. Ein junger Mann im Hoodie werkelt daran, sägt Holzleisten zurecht und verschraubt sie. Der syrisch-deutsche Künstler Manaf Halbouni ist der erste „Artist in Residence“, der im Rahmen des Projektes „Residenzpflicht“ an einem Kunstobjekt arbeitet. Er baut ein Flugzeug aus Holz.

Nach Idee der Künstlergruppe msk7

„Residenzpflicht“ entstand nach einer Idee der Künstlergruppe msk7. Zu ihr gehören Mona Babl, Kati Gausmann, Ricarda Mieth und Anja Sonnenburg. Finanziert wird es von den Senatsverwaltungen für Kultur und Europa sowie Stadtentwicklung und Wohnen. Die hatten einen Wettbewerb „Kunst am Bau“ in den MUFs initiiert, für den sich msk7 bewarb. Eigentlich galt es nur für eine Einrichtung, sie aber wollten in allen präsent sein. „Residenzpflicht“ wurde international ausgeschrieben. 205 Bewerber aus 53 Nationen haben Projektvorschläge eingereicht, aus denen eine Jury zehn auswählte. 2019 und  2010 werden je fünf Stipendiaten in je fünf MUF für einen Monat in einem mobilen Wohnatelier arbeiten, das jeweils mitwandert. Sie haben wie die Geflüchteten Residenzpflicht, das bedeutet, sich nur in einem von den Behörden festgelegten Bereich aufzuhalten. Sanitäreinrichtungen und Küchen der Einrichtungen können mitgenutzt werden in der Hoffnung, dass sich so erste Kontakte mit den Menschen dort ergeben. Die Künstlerinnen und Künstler wollen sie einerseits mit zeitgenössischer Kunst bekannt machen, andererseits sich mit ihnen über kulturelle Grenzen hinweg austauschen. Dabei ist Mitmachen ausdrücklich erwünscht.

Der Start des Projektes in der MUF in der Wittenberger Straße in Marzahn war nicht zufällig. Sie war die erste dieser Art Unterkünfte in Berlin und Manaf Halbouni der erste Künstler, der sich dafür bewarb.

Im Traum kann jeder fliegen

Nun also baut er ein Flugzeug. Das Gerüst lässt die zukünftige Form schon erkennen. Das Material bekam er teilweise umsonst vom Baumarkt, aus der Verschnittkiste. Teile des Grundgerüstes hat er aus Dresden mitgebracht. Die sächsische Hauptstadt ist derzeit sein Lebensmittelpunkt, wo er lebt und arbeitet. „The Flying Dreams“ nennt er sein Projekt. So ganz neu ist es nicht. „Das Flugzeugprojekt mache ich jetzt zum dritten Mal“, sagt er und bohrt eine Schraube ins Holz. „Die Idee entstand erstmals 2010 aus dem Wunsch heraus, wieder mal nach Damaskus fliegen zu können. Damals war noch kein Bürgerkrieg. Aber das ging nicht. Ich hatte kein Geld für ein Ticket und außerdem war die Einreise sowieso nicht möglich, weil ich den Militärdienst verweigert hatte.“ Damals wurden in Dresden viele Häuser saniert und so holte er sich Holzreste aus den Bauschuttcontainern und baute sich einen Flieger. „Da habe ich mich dann immer reingesetzt mit dem Gedanken, ich fliege jetzt nach Hause. Deshalb auch der Titel ‚The Flying Dreams’. Natürlich wird es nirgendwohin fliegen, aber der Gedanke ist da.“ Mit dieser Idee hatte er sich dann für das Projekt „Residenzpflicht“ beworben. „Die Menschen hier sind mit dem Traum gekommen, dort zu leben, wo es besser ist. Vielleicht werden manche von ihnen abgeschoben, ironischerweise im Flugzeug, obwohl sie im Boot gekommen sind. Aber den Traum, an einen besseren Ort zu gelangen, kann man ihnen nicht wegnehmen. Dieses Flugzeug hier, das nirgendwo hinfliegen kann, steht symbolisch dafür.“

Am 24. Mai soll es fertig sein

Zum Start des Projektes am 26. April kam auch Kulturstadträtin Juliane Witt (DIE.LINKE). Sie saß mit in der Jury, die über die Vergabe der Stipendien in die einzelnen MUFs entschied. Sie hatte sich unter dem Titel nicht so richtig etwas vorstellen können, bekannte sie, und wollte nun sehen, was es mit den fliegenden Träumen auf sich hat. Zur Begrüßung gab es ein Buch über Kunst im Bezirk.

Eigentlich wollte Manaf Halbouni mit Bewohnerinnen und Bewohnern an dem Projekt arbeiten. Aber die hatten wohl von der Aktion nichts mitbekommen, nur vereinzelt blieben sie stehen und fragten nach. Dafür waren die Kinder um so wißbegieriger: Was wird das? Warum ist es aus Holz? Kann ich auch mal sägen? „Ich werde ununterbrochen mit Fragen bombardiert“, sagt er lächelnd. „Das Hauptgerüst habe ich an einem Nachmittag aufgebaut. Die Kinder reichten mir die Schrauben und die Holzlatten, das war schon schön. Aber wenn man nicht aufpasst, passieren Fehler, deshalb mache ich also jetzt vormittags weiter.“ Allerdings immer noch allein. Er kennt das schon. „Wenn man im öffentlichen Raum arbeitet, dauert es immer eine Weile, bis Leute auf einen zukommen, das braucht seine Zeit. Ich werde beobachtet und sie reden auch schon untereinander.“

Die Umrisse sind schon gut zu erkennen. Als er das erste Mal ein Flugzeug baute, hatte er eine Messerschmitt im Kopf. Auch diesmal wird es ein Doppeldecker. Aber fehlt auf der einen Seite nicht ein Flügel? „Ja, auch ein Grund, warum man damit nicht fliegen kann.“ Am 24. Mai wird er das fertige Flugzeug präsentieren und es gibt Gelegenheit, mit ihm darüber zu sprechen.

Die Termine in Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg

Manaf Halbouni, 26.4. – 24.5.2019 ; MUF Wittenberger Straße 16, 12689 Berlin

Andrea Chirica, 31.5. – 28.6.19; MUF Paul-Schwenk-Straße 17, 12685 Berlin

Sebastian Acker, 13.9. – 1.10.19; MUF Wartenberger Straße 120 A-F

Pascal Mayet, 3.7. – 31.7.2020; MUF Albert-Kuntz-Straße 61-73, 12627 Berlin

Patrick Timm, 7.8. – 4.9.2020; MUF Rudolf-Leonhard-Straße 13 A-F, 12679 Berlin

Weitere Infos unter www.residenzpflicht.berlin
Blog: http://residenzpflicht.berlin/aktuelles/


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