Bezirk holt DDR-Pläne wieder hervor:

Kulturhaus für Hohenschönhausen?

13.08.2018, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Hohenschönhausen. Noch ist es eine Idee, konkrete Vorstellungen gibt es keine – und doch dürfte der Vorschlag für Aufmerksamkeit sorgen: Zwischen dem Bahnhof Hohenschönhausen und dem Linden-Center könnte ein Kulturhaus entstehen. „Das wäre ein Gewinn für den Kiez“, sagt Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke).

Die Wende kam dazwischen

Pläne für ein solches Haus gab es bereits vor dem Fall der Mauer: Damals entstand auf den einstigen Rieselfeldern von Hohenschönhausen ein junger Ostberliner Stadtbezirk: Angesichts fehlender Wohnungen musste Platz für Familien geschaffen werden. Am 9. Februar 1984 legte Staats- und Parteichef Erich Honecker den Grundstein für das Viertel. Ziel: 35.000 neue Wohnungen, dazu Kitas, Schulen, Kaufhallen, Dienstleistungszentren und ein Kulturhaus. Sogar ein eigenes Rathaus sollte am Prerower Platz entstehen. Doch die politische Wende machte die Pläne zunichte. Weder Kultur- noch Rathaus wurden jemals verwirklicht. Nur das 1995 eröffnete Linden-Center verlieh der Gegend ein wenig großstädtisches Flair, nebenan entstand vier Jahre später ein Multiplex-Kino. Die Flächen dazwischen aber sind bis heute trostlos wirkende Grundstücke ohne Nutzung und Konzept. Anders sah das im benachbarten Marzahn aus, wo noch rechtzeitig mit der Wiedervereinigung das Freizeitforum an der Marzahner Promenade fertiggestellt wurde.

Dass der Bezirk nun einen für viele Bewohner der Großsiedlung lang gehegten Traum verwirklichen könnte, hat einen banalen Grund: Aktuell stellt die Verwaltung im Rahmen der Kulturentwicklungsplanung alles auf den Prüfstand – ermittelt Kulturstandorte ebenso wie den Bedarf ein möglichen Einrichtungen. „Die Idee mit dem Kulturhaus entstand im Rahmen des Strategieprozesses, sie ist aber als solche erst einmal auch nur in den Raum gestellt“, sagt Daniela Bell, die Leiterin des Amtes für Weiterbildung und Kultur. Daher gebe es aktuell auch keine konkreten Ansätze.

Bezirk könnte hohe Miete sparen

Argumente für den Bau eines Kulturhauses gibt es aber gleich mehrere. „2024 endet der Mietvertrag für die Anna-Seghers-Bibliothek im Linden-Center“, sagt Michael Grunst, der nicht nur Bezirksbürgermeister, sondern auch Kulturstadtrat ist. Und der Kontrakt hat es in sich: Jedes Jahr überweist der Bezirk der ECE-Gruppe als Betreiberin des Einkaufszentrums eine halbe Million Euro Miete. Viel Geld für eine Bücherei, die zu einer der größten ihrer Art in Berlin gehört: Über vier Etagen erstreckt sich die Einrichtung auf einer Gesamtfläche von 2.300 Quadratmetern. Pro Jahr registriert die Anna-Seghers-Bibliothek mehr als 200.000 Besucher. Neben Büchern, DVDs und Zeitschriften ist die Bibliothek auch Veranstaltungsort für Ausstellungen, Konzerte und Vorträge.

Dass Bezirksbürgermeister Michael Grunst die Idee umsetzen will, daraus macht er keinen Hehl. Er plant bei der Vergabe der nächsten Senatssondermittel aus Haushaltsüberschüssen das Projekt „Kulturhaus“ anzumelden. „Für Hohenschönhausen ist das eine wichtige infrastrukturelle Entscheidung“, sagt er. Außerdem könne der Bezirk viel Geld sparen.

Keine Kunsthalle nach SPD-Wunsch

Eine deutliche Absage richtet der Bezirksbürgermeister hingegen an die beiden SPD-Ortsvereine von Alt- und Neu-Hohenschönhausen. Die hatten vorgeschlagen, im Zentrum von Neu-Hohenschönhausen Platz für eine Kunsthalle zu schaffen, wie sie der Kunstsammler Axel Haubrok derzeit im Gewerbegebiet Herzbergstraße plant. Weil er dort aber auf den Widerstand der bezirklichen Stadtentwicklungsabteilung stößt, gibt es Zoff – zwischen dem Investor, aber auch innerhalb des Bezirksamtes. Ein runder Tisch soll am 21. August einberufen werden, um die Wogen zu glätten (oder aber das Projekt zu Grabe zu tragen). Wie berichtet, überlegt Haubrok ernsthaft, dem Bezirk den Rücken zu kehren. Die SPD hingegen sieht im Zentrum von Hohenschönhausen eine gute Gelegenheit, sich anzusiedeln. „Von dem SPD-Vorschlag halte ich nichts“, sagt Grunst. Schließlich sei es nicht Aufgabe irgendeiner „Kreisleitung“, einem Investor Standorte vorzuschreiben, erklärt der Bezirksbürgermeister mit leicht sarkastischer Anspielung auf die einstige Planwirtschaft in der DDR. Hinzukommt, dass ein Investor für das Areal bereits Pläne für ein neues, urbanes Zentrum hat – jenes Areal, das die SPD nun im Auge hat. Im Klartext hieße dies, dass der alte Investor hinschmeißt. Davon jedoch weiß Grunst nichts.

 

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