Die Alte Börse Marzahn wird nun doch kein Atelierstandort

Künstler beenden Verhandlungen

20.11.2019, Regina Friedrich

Fotos: Birgitt Ezel (1-6), Regina Friedrich (7)

Marzahn. Die Alte Börse Marzahn auf dem Denkmalschutzensemble „Magerviehhof Friedrichsfelde“ steht zum Verkauf. Zu den Interessenten für das Gebäude mit seinem großen Veranstaltungssaal gehörte auch die Atelierhaus-Genossenschaft Berlin (AHGB), die dort Künstlerateliers einrichten wollte. Doch Hoffnungen, dass auf dem Areal an der früheren Beilsteiner Straße, die seit 2014 Zur Alten Börse heißt, wieder Künstler tätig werden, haben sich bisher nicht erfüllt. Denn den meisten Mitgliedern der Genossenschaft ist der geforderte Kaufpreis zu hoch.

Zahlreiche Interessenten bei besichtigungstermin

Zum Besichtigungstermin am Sonntag, 3. November, waren zahlreiche Besucher auf das geschichtsträchtige Gelände gekommen. 1903 als Handelszentrum für Schlachtvieh erbaut, war die Anlage die größte ihrer Art in Deutschland. Gehandelt und geschlachtet wurde dort bis 1945. Dann zog die Rote Armee ein, später die NVA, die den Komplex als Lager und Reparaturstützpunkt nutzte. Einige Bereiche wurden 1995 unter Denkmalschutz gestellt. 2013 begannen umfangreiche Sanierungen. Es entstand u.a. Marzahns erste Brauerei, die das Marzahner Börsenbräu kreierte. Auch Kreative aus dem Kunsthaus Tacheles und andere Künstler hatten sich dort –  für einige Zeit – niedergelassen. Inzwischen sind alle wieder weg.

Platz für 40 Ateliers und Werkstätten

Seit 2014 wird das historische Börsengebäude in der Mitte des Geländes als Veranstaltungslocation betrieben. Auf 2.500 Quadratmeter verfügt es über verschiedene Tagungsräume, einen großen Saal und Gastronomie in der „Alten Kantine“. Der Biergarten außen ist umgeben von alten Bäumen. „Top in Schuss, quasi wie ein Neubau, mit sehr schönen hohen Räumen“, schwärmt Christian Hamm, Vorstandsmitglied der AHGB. Der Architekt und Kulturmanager gehört zu den Initiatoren der 2015 gegründeten Atelier-Genossenschaft. „Platz wäre für rund 40 Ateliers und Werkstätten zwischen 10 und über 100 Quadratmeter Größe. Auch die Verkehrsanbindung ist gut.“

Tausende Künstler suchen Räume

Seit 2017 bietet die Atelierhaus-Genossenschaft Berlin (AHGB) 35 Künstlerinnen und Künstlern in Charlottenburg Nord Ateliers zu günstigen Konditionen. Der Bedarf ist jedoch weitaus größer. In einem Offenen Brief machte der vom Kultursenator berufene Ateliervergabebeirats für geförderte Ateliers und Atelierwohnungen im Oktober auf die prekäre Situation aufmerksam. Zum einen würden jährlich durch steigende Mieten und Verdrängung rund 350 Arbeitsräume verloren gehen, zum anderen aber im Rahmen der Berliner Arbeitsraumförderung zu wenig neue Räume geschaffen. (2018: 35 Ateliers, bis Oktober 2019: 71 Ateliers) Derzeit suchen zwischen 8.000 und 10.000 Bildende Künstlerinnen und Künstler in der Stadt nach bezahlbaren Arbeitsräumen.

Da mögen die Genossenschafts-Ateliers ein Tropfen auf dem heißen Stein sein, doch die Räume sind erschwinglich. Derzeit liegt die Kaltmiete im sogenannten Haus 1 in Charlottenburg bei knapp sechs Euro pro Quadratmeter. „Wir wollen unseren Mitgliedern langfristig günstige Räume anbieten, deshalb wurde die Genossenschaft gegründet“, erklärt Christian Hamm. „Durch das genossenschaftliche Prinzip werden diese Räume auch nachfolgenden Künstlergenerationen zur Verfügung stehen. Zudem sind Genossenschaften das einzige Modell, wo man ein inhaltliches Konzept auf Dauer durchhalten kann.“

Ausstieg aus den Verhandlungen in Marzahn

Der Kauf der „Alten Börse“ wäre für die Genossenschaft und auch für Marzahner eine Bereicherung gewesen. Aber daraus wird wohl nichts. Zwar konnte nach Gesprächen mit dem Eigentümer, der Alte Börse Marzahn GmbH, der Kaufpreis heruntergehandelt werden. Aber mit aktuell noch immer über zehn Euro pro Quadratmeter kalt war es den meisten Genossenschaftern dennoch zu teuer. Nur fünf Interessenten haben sich gemeldet. Und so verkündete die AHGB am 12. November auf ihrer Webseite, man habe schweren Herzens beschlossen, aus den Verhandlungen für das Gebäude auszusteigen. Man könne davon ausgehen, dass es in der Alten Börse kein AHGB Haus 2 geben wird.

Kulturstadträtin will sich einsetzen

Marzahn-Hellersdorfs Kulturstadträtin Juliane Witt (Linke) bedauert, dass der Verkauf nicht zustande kam. „Ich habe Herrn Hamm zugeraten: die tolle Stimmung im Haus, das Umfeld und der Garten mit der Tacheles-Aura. Die 40 Künstlerinnen und Künstler wären im Bezirk auch sehr willkommen gewesen. Aber andererseits ist die Straßensituation nicht gut und die Kosten sind zu hoch.“ Sie kennt Christian Hamm seit vier Jahren, beide haben gemeinsam mehrere Projekte verfolgt, bislang aber eben noch ohne den gewünschten Erfolg. „Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, ein Atelierhaus zu entwickeln“, sagt Witt. Sie werde dazu auch noch mal auf den Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und den Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) zugehen.

An wen das Börsengebäude nun verkauft wird, ist noch unklar. Die Alte Börse Marzahn GmbH des Investors Peter Kenzelmann verkündet auf ihrer Website lediglich, dass sich ab 2020 der Geschäftsinhalt verändern wird. Buchungen seien deshalb in diesem Jahr nur noch begrenzt möglich.

Bereits ab 2016 Geländeteile und Häuser veräußert

Bereits in den Jahren 2016 und 2017 hatte sich das Unternehmen von einem Großteil der Gebäude und der Flächen auf dem Börsengelände getrennt. Dort, wo es anfangs einen Gemeinschaftsgarten gab, steht nun das TRIO- Hotel  mit 1- bis 4-Zimmer-Appartements. Auf seiner Website wirbt es mit „individuellem Berlinaufenthalt“ und verweist auch auf die nahen gastronomischen Einrichtungen wie „Brauerei, Biergarten und Restaurant“. Doch im Börsengebäude finden nur noch selten Veranstaltungen statt, die Braustube ist geschlossen. Man darf gespannt sein, wie es auf dem einst hochgelobten Standort weitergeht, über den auch LiMa+ berichtete und den der Regierende Bürgermeister Michael Müller bei einem Besuch im Jahr 2015 als „echten Geheimtipp“ in Berlin bezeichnete. (mit el.)


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