Wird Hohenschönhausen ein neuer Hotspot für die Kunst?

Kreatives Quartier

26.05.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Hohenschönhausen. Timmy, der schwarzgraue Mischlingshund, liegt zusammengerollt auf seinem Lagerplatz und genießt den Schlaf der Gerechten. Der 16-jährige Rüde, der mit drei Jahren aus dem Tierheim zu seinem Herrchen kam, begleitet Mathias Roloff fast täglich ins Atelier in der Genslerstraße 13. Dort, im 6. Stock eines Plattenbaus, hat der Maler und Grafiker seit vier Jahren einen etwa 40 Quadratmeter großen Raum gemietet. Das Haus gehörte einst ebenso wie das benachbarte Gebäude Nr. 13a dem Operativ-Technischen Sektor der DDR-Staatssicherheit. Nun bilden beide die ID (Intelligence Department) Studios, Inhaber ist die Immonen-Group. Wo einst Spionagegerät entwickelt, gebaut und gewartet wurde, wirken inzwischen 270 nationale und internationale Künstler. Es sind Maler und Bildhauer, Architekten und Designer, Fotografen und andere Kreative. Die ID-Studios, die sich direkt gegenüber der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen befinden, bilden einen der größten Studio-Komplexe in Berlin – und sind außerhalb der Fachwelt trotzdem immer noch ziemlich unbekannt. Anders als beispielsweise in den BLO-Ateliers an der Kaskelstraße oder in den ehemaligen Gewerbegebäuden in der Herzbergstraße, die nun von Künstlern genutzt werden, gab es bis jetzt dort kaum Events, die Publikum anziehen. In den Studios in Alt-Hohenschönhausen wurde bisher vor allem gearbeitet. Für die Berliner Art Week im September 2018 plant eine Gruppe internationaler Künstlerinnen und Künstler nun aber doch, erstmals ihre Türen für das kunstinteressierte Publikum zu öffnen. Zudem ist eine kuratierte Gruppenausstellung in einem großen Ausstellungsraum geplant.

Kein bloßes Abbild der Wirklichkeit

Mathias Roloff, verheiratet und Vater einer vierjährigen Tochter, hat sich selbst einen straffen Zeitplan auferlegt. Jeden Werktag ist er ab 8.30 Uhr für mindestens sechs Stunden in seinem Atelier, ohne Störungen durch Telefonklingeln und eintreffende E-Mails. „Damit schaffe ich mir sowohl den Freiraum für meine Familie als auch für meine Kunst“, sagt er. Der 38-Jährige Berliner hat Malerei und Grafik an der Universität der Künste Berlin (UdK) studiert und das Studium als Meisterschüler von Professor Volker Stelzmann abgeschlossen. Er arbeitet figürlich, aber nicht naturalistisch: „Meine Bilder sind kein bloßes Abbild der Wirklichkeit“, sagt er. Grundlage ist meist die Zeichnung, der Übermalungen folgen, erneut Zeichnung, Wegwischen. Mit solcherart Schichtungen erreicht er eine Plastizität, die Stimmungen und Erscheinungen besonderen Ausdruck verleihen. In seinem Atelier gibt es Dutzende von Leinwänden – bereits fertiggestellte Bilder, zunächst beiseite gestellte und Entwürfe. Farbtöpfe und Pinsel stehen auf einem Werkstatttischchen, es riecht nach Lösungsmitteln.

Weitere Ateliers entstehen

Mathias Roloff, der in Alt-Hohenschönhausen aufgewachsen ist und noch immer dort wohnt, sagt, dass der Ortsteil ein guter Platz für Künstler ist. „Hier ist es nicht so trubelig wie in den Szenebezirken, man kann sich gut auf seine Arbeit konzentrieren.“ Er konstatiert aber auch, dass der Ortsteil unter Kreativen inzwischen immer gefragter wird. In den ID-Studios herrscht nahezu Vollvermietung. Nun soll praktisch um die Ecke, an der Lichtenauer Straße 51, ebenfalls nahe der Gedenkstätte, ein weiteres Atelierhaus entstehen. Die Kunstwerkstätten Hohenschönhausen wollen ebenfalls einen Plattenbau aus der Stasi-Zeit für Kreativtätigkeiten herrichten, eine Bauvoranfrage an das Bezirksamt wurde im Februar dieses Jahres gestellt. Und in der 1910 erbauten „Villa Heike“ an der Freienwalder Straße, bauen sich junge Architekten und Künstler, die das denkmalgeschützte Haus 2016 erworben hatten, Lofts und Ateliers. Auch dieses Gebäude, errichtet als Geschäfts- und Wohnhaus des Maschinenfabrikanten Richard Heike, das später ebenfalls von der Stasi genutzt wurde, befindet sich quasi nur einen Steinwurf von den ID Studios entfernt.

Eines der spannendsten kreativ-kulturellen Gebiete

„Zusammen mit der Gedenkstätte entwickelt sich hier eines der spannendsten kreativ-kulturellen Quartiere in Berlin“, sagt Mathias Roloff, der seit Ende 2017 auch Mitglied im Lichtenberger Kulturbeirat ist. Was dort aber fehle, seien Punkte, wo sich die Kreativszene und Besucher treffen können, „schöne Cafés oder Biergärten“, sagt der Künstler. „Aber vielleicht kommen die ja auch noch.“

Kunsthaus 360° im Plattenviertel

Während sich Alt-Hohenschönhausen mit seinen Villen, Gründerzeit- und 30er-Jahre-Häusern in den letzten Jahren zu einem begehrten Wohnstandort entwickelt hat, in dem gegenwärtig auch viele nicht gerade preiswerte Neubauwohnungen entstehen, leben in den Plattenbauten von Neu-Hohenschönhausen vor allem Menschen, die weniger begütert sind. Doch auch diese sollen Möglichkeiten haben, ihre kreativen Seiten zu entdecken und zu pflegen. Deshalb wurde im vergangenen Jahr, unterstützt vom Bezirksamt Lichtenberg, am Prerower Platz 10 in einer ehemaligen Bankfiliale das „Kunsthaus 360°“ geschaffen. Einer der Mitinitiatoren war Mathias Roloff, der in der Lichtenberger Jugendkunstschule unterrichtet und auch im Jugendtreff Die Arche an der Degnerstraße Kurse gibt. Seit Beginn dieses Jahres hat der Verein Klinke 94 e.V., wo Roloff Vorstandsmitglied ist, die Trägerschaft des Kunsthauses übernommen: „Wir bieten Kurse, Workshops, kleine Events aller Art“, erzählt er. Die niedrigschwelligen Angebote sollten Menschen Mut machen, sich auszuprobieren, sagt er. Roloff weiß, wovon er spricht: Schließlich hat er selbst auch mit Kursen in Jugendfreizeitstätten und dann im Alter von 13 Jahren in der Jugendkunstschule begonnen. „Jeder sollte die Chance haben, seine Talente zu entwickeln“, begründet er sein Engagement.

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden