Kompetenzzentrum Großsiedlungen e.V. wirkt auch international

Gäste aus Australien und Brasilien

24.04.2019, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Hellersdorf. Was hat der kommunale Kindergarten des 15.000 Einwohner zählenden ukrainischen Städtchens Zhovkha mit Hellersdorf zu tun? Er ist eines der Pilotprojekte des Kompetenzzentrums Großsiedlungen e.V., das seinen Sitz im „Baukasten“ am U-Bahnhof Hellersdorf hat. Mit Hilfe des Vereins ist es gelungen, die marode Einrichtung der 15.000-Einwohner-Stadt energetisch zu sanieren. Die Hellersdorfer berieten die Ukrainer dabei, auch zu verschiedenen europäischen Förderprogrammen. 2018 gewann die Kita sogar den Publikumspreis beim DENA Energy Award, dem Wettbewerb der deutschen Energieagentur.

Entstanden nach Expo 2000

Schon mit seinem Namen macht das Kompetenzzentrum Großsiedlungen deutlich, worum es geht. Der 2001 gegründete Verein verfügt wie kein anderer über Erfahrungen bei der Transformation von großen Siedlungen in die Moderne. Unter seinen Mitgliedern sind Wohnungsunternehmen, Architekten, Städteplaner und Baufirmen, die ab Beginn der 1990er-Jahre mitwirkten, die in der DDR entstandenen Plattenbaugebiete fit für die kommenden Jahrzehnte zu machen. Dabei ging es nicht nur um die Sanierung und Modernisierung der Häuser in Marzahn und Hellersdorf, sondern auch um die Komplettierung der Viertel. Entstanden ist das Kompetenzzentrum im Zuge der Weltausstellung Expo 2000. Der „Baukasten“ war damals ein Expo-Pavillon.

Erfahrungen besonders in Osteuropa gefragt

Inzwischen wirkt der Verein deutschlandweit und auch international als Plattform des Erfahrungs- und Informationsaustauschs, legt Studien vor und veranstaltet Symposien. Delegationen aus aller Welt kommen in den „Baukasten“ in Hellersdorf. Kommunalpolitiker, Wohnungswirtschaftler und Planer informieren sich über energetische Sanierung, städtebauliche Erneuerung und die soziale Stabilisierung der Wohngebiete. Insbesondere in Osteuropa sind die Erfahrungen gefragt, wo es noch viele Plattenbau-Quartiere gibt, die vor weiterem Verfall gerettet werden müssen. Auch deshalb nahm im November 2018 mit Maria Melnikova, die ein Bundeskanzler-Stipendium verliehen bekam, eine junge russische Stadtplanerin eine zeitweise Tätigkeit im Kompetenzzentrum auf.

Jetzt geht es vor allem um die Instandhaltung

Ralf Protz, der Leiter des Zentrums, sagt, dass es viele Anfragen zu Führungen gibt: „Fast jede Woche empfangen wir Delegationen aus dem Ausland. Sogar aus Australien, Brasilien und Japan waren schon Gäste hier.“ Die meisten staunten, wie schnell der Prozess der Umgestaltung der Plattenbauquartiere in Berlin bewältigt wurde, sagt Protz. „Im Grunde ist man in Marzahn und Hellersdorf längst durch mit der Sanierung. Jetzt geht es vor allem um die Instandhaltung der Häuser.“

Sozialer Ausgleich erforderlich

Das Thema sozialer Wohnungsbau bewege viele Besucher. „Denn auch Menschen, die wenig besitzen, müssen anständig wohnen können.“ Diese Frage stelle sich jetzt auch in Berlin in neuer Schärfe. In diesem Segment werde vor allem in den Großsiedlungen neuer Wohnraum geschaffen. Protz ist skeptisch, ob das der richtige Weg ist: „Helfen wir damit nicht der Segregation der Innenstadt?“ Das Hauptthema der nächsten Jahre in großen Wohnsiedlungen werde der soziale Zusammenhalt sein, sagt Protz. Denn sowohl das Bauen in bestehenden Nachbarschaften, auf Wohnhöfen oder in Baulücken, als auch die Integration von Geflüchteten betreffe diese schon rein quantitativ mehr als andere Ecken in der Hauptstadt. „Für diese Leistungen müssten die bisherigen Bewohner einen Ausgleich bekommen“, meint er. „Damit sie merken, dass sie auch etwas davon haben, wenn sie mehr gesamtstädtische Aufgaben schultern als andere Gebiete Berlins.“ Das könne beispielsweise ein Freibad für den Bezirk sein, der als einziger in Berlin keines besitzt. „Das Problem des notwendigen sozialen Ausgleichs wird künftig ein viel stärkeres Gewicht bekommen müssen“, mahnt der Wohnungsbaufachmann an.

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