Im nächsten Jahr feiert Mahlsdorf sein 675. Jubiläum

An jeder Haltestelle eine Kneipe

26.10.2019, Klaus Tessmann

Fotos: Faksimiles Gärtner (1-6); Klaus Tessmann (7)

Mahlsdorf. Der Ortsteil am Rande der Hauptstadt steht vor einem großen Jubiläum: Im kommenden Jahr wird Mahlsdorf 675 Jahre alt. Die erste offizielle Urkunde stammt vom 25. Januar 1345. Damals hatte ein Ritter einem anderen Adligen das Gut mit dem ganzen Dorf und allen seinen Bewohnern verkauft. Dieses Geschäft wurde vom Landesvater mit Stempel und Urkunde bestätigt. Das Schreiben gilt heute als Gründungsdatum von Mahlsdorf. Anfang Oktober beschäftigte sich der Heimatverein Marzahn-Hellersdorf auf seinem Tag der Regional- und Heimatgeschichte mit dem bevorstehenden Jubiläum. Dazu gab es mehrere Fachvorträge, die alle im ersten Quartal 2020 in einem Jahrbuch zur Heimatgeschichte von Marzahn-Hellersdorf nachzulesen sein werden.

Ausflugslokale zogen auch die Innenstädter an

Vielen unbekannt sein dürfte, was Heimatforscher Karl-Heinz Gärtner berichtete. Er widmete sich in seinem Vortrag der Geschichte der Gastronomie. Denn Mahlsdorf war anders als jetzt vor rund 100 Jahren eine Hochburg der Kneipen und Ausflugslokale. Ältere Mahlsdorfer bekommen heute noch feuchte Augen, wenn man von „Tegelitz“, dem „Heidekrug“, „St.Hubertus“ oder dem „Wappen von Mahlsdorf“ spricht. Der Ruf dieser Lokale ging bis weit in das Berliner Stadtzentrum hinein und zog vor allem an den Wochenende viele Besucher ins Grüne.

Gärtner sammelt eigentlich historische Ansichtskarten. Aber er beschäftigt sich auch immer mit den Geschichten hinter den Fotomotiven. Dabei stellte er fest, „dass es überwiegend Karten gab mit Ansichten von Gaststätten“. Er wurde neugierig und befasste sich mit der Historie jeder einzelnen Gaststätte, erkundete die Geschichte der Restaurationen und der Wirtsleute.

Mit dem Ausbau der Verkehrsverbindungen kamen neue Siedler

Die Entwicklung von Mahlsdorf ist eng mit der Entwicklung Berlins verbunden. Um 1900 kamen viele Menschen, die sich eine Wohnung ist der Stadt nicht mehr leisten konnten oder mehr frische Luft wollten, an die östliche Peripherie. Seit 1867 gab es die Eisenbahnstrecke Berlin – Küstrin. Mahlsdorf bekam am 1. September 1895 einen eigenen Haltepunkt an der Königlichen Preußischen Ostbahn. Seit 1907 fuhr die Straßenbahn von Mahlsdorf nach Köpenick. Diese Verkehrsverbindungen trugen dazu bei, dass viele Neusiedler in den Ort kamen. Damit reichten die alte Dorfkrüge als gesellschaftliche Treffpunkte nicht mehr aus. „Allein in der Zeit um 1900 bis etwa 1914 entstanden in Mahlsdorf 31 neue Gaststätten“, so  Gärtner. Besonders in den südlichen Bereichen, also in der Waldgegend des Köpenicker Forstes, wurden die ersten großen Ausflugsrestaurants errichtet, wie das Waldrestaurant „Kiekemal“, der „Heidekrug“ und „St. Hubertus“. Erst seit 1920, mit der Bildung von Groß-Berlin, gehört Mahlsdorf zur Stadt.

Kegelbahnen und Tanzsäle

Die Gasthöfe spielten eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben. Sie dienten nicht nur dem Verzehr von Speisen und Getränken, sondern waren auch Versammlungsräume, in denen sich die Bewohner trafen und kommunale Probleme des Ortes erörterten. Auch die Neusiedler nutzten die Restaurants, um dort ihre eigenen Vereine oder Bürgervertretungen zu gründen. Aus den kleinen Dorfkrügen entlang der alten Frankfurter Chaussee wurden rasch große Gaststätten. Ein Beispiel dafür ist „Tegelitz“ an der Kreuzung Hönower Straße/Alt-Mahlsdorf. Heute sieht man dort nur noch die großen Bäume, die am Rand des Biergartens standen.

Die meisten Gasthäuser boten neben dem Ausschank auch noch andere Möglichkeiten zum Zeitvertreib wie Kegelbahnen oder Tanzsäle. Die Dorfkrüge, die viele Jahrhunderte lang als Ausspann für vorbeifahrende Pferdekutschen und für Übernachtung der Reisenden gedient hatten, wurden um die Jahrhundertwende 1900 vergrößert. Ihre Besitzer ließen große Festsäle anbauen oder bereits vorhandene kleine Säle vergrößern. Dort fanden dann Veranstaltungen wie Stiftungsfeste, Feuerwehrbälle oder Konzerte statt, später auch Filmvorführungen und Versammlungen. Viele Besucher kamen auch, wenn im benachbarten Hoppegarten Renntage abgehalten wurden. Mindestens 68 Vereine, Vereinigungen, Clubs oder Gesellschaften trafen sich regelmäßig in den Mahlsdorfer Kneipen und Restaurants, um ihre Sitzungen und Feierlichkeiten abzuhalten.

Ansichtskarten aus Automaten

Ab 1898 wurden die ersten Ansichtskarten angeboten. Darauf waren vor allem die Gaststätten zu sehen. Fast jedes Etablissement ließ aus Werbezwecken Karten drucken. Später standen in den großen Ausflugsrestaurants sogar Automaten für Ansichtskarten und Briefmarken zur Verfügung.

Entlang der Straßenbahnlinie vom Köpenicker Forst bis zum Bahnhof gab es rund 20 Gaststätten. Das setzte sich dann in der Hönower Straße fort. Insgesamt waren auf dieser Strecke 26 gastronomische Einrichtungen verzeichnet. Gärtner berichtet, dass fast an jeder Haltestelle der Straßenbahn eine Kneipe existierte: „Alle 260 Meter gab es eine Gaststätte.“ So hatte man früher genügend Zeit, noch ein kleines Bier zu trinken bis die nächste Bahn kam.

Ratskeller hatte nur vier Jahre offen

Mahlsdorf besaß sogar ein eigenes Rathaus an der Ecke Hultschiner Damm/Rahnsdorfer Straße. Der Ratskeller befand sich im linken Souterrain des Hauses. Er wurde am 28. Oktober 1911 eröffnet und war somit noch rechtzeitig zur ersten Sitzung der Mahlsdorfer Gemeindevertretung am 21. Dezember 1911 fertig. Die Geschichte des Ratskellers ist allerdings nur sehr kurz. Er wurde schon im Kriegsjahr 1915 wieder geschlossen. In den Räumen wurde eine Polizeiwache eingerichtet. Das Mahlsdorfer Rathaus stand nur knapp vier Jahrzehnte – das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt und später abgerissen.

Der umfassende Vortrag zur Mahlsdorfer Kneipengeschichte mit historischen Fotos und vielen Tabellen wird Bestandteil des Jahrbuchs des Marzahn-Hellersdorfer Heimatsvereins, das bis März 2020 erscheint.

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