Journalist, Kumpel, guter Mensch – zum Tod von Klaus Teßmann

Wenn ein Freund plötzlich geht

30.04.2020, Birgitt & Volkmar Eltzel

Fotos: Emmanuele Contini (1), Spielplatzinitiative Marzahn (2), Facebook-Archiv Klaus Teßmann(3-6, 9-10, 12-14), Heike Naumann (8), Birgitt Eltzel (11). Zeichnung Antje Püpke (7). Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Vor vier Jahren hatte er sich noch einmal verliebt. In die Weiten des kalten Nordmeers, in glitzernde schneebedeckte Flächen und schroffe Eisberge. Jeden Urlaub verbrachte der gebürtige Rüganer nun an Bord eines Schiffes, das gen Nordpol steuerte. Immer gemeinsam mit seiner betagten und verwitweten Mutter, die noch auf der Insel lebt und mit der er jeden Tag morgens und abends telefonierte. Er war ihr einziges Kind. Im Mai dieses Jahres sollte es rund um Spitzbergen gehen. Doch weil ein gefährliches Virus auf der Welt grassiert, wurde die bereits gebuchte Tour auf das nächste Jahr verschoben. Diese Fahrt wird Klaus Teßmann nun nicht mehr antreten, er ist auf eine ganz andere Reise gegangen. In der Nacht zum Montag, 27. April, hörte sein Herz plötzlich auf zu schlagen. Noch eine halbe Stunde nach Mitternacht hatte er mit LiMa+ konferiert. In seinem letzten Artikel , den er für unsere Onlinezeitung schrieb, hatte sich ein redaktioneller Fehler eingeschlichen. Er bat darum, diesen schnell zu beseitigen – journalistische Sorgfaltspflicht.

Ein Pfundskerl, bekannt wie der sprichwörtliche “bunte Hund”

Klaus Teßmann, der sich als Journalist Klaus Tessmann schrieb – geboren am 12. Januar 1953, gestorben am 27. April 2020. Mecklenburger, Wahl-Berliner seit mehr als 40 Jahren. Gelernter Schiffselektriker, Diplomjournalist und Reporter, der auch leidenschaftlich gern und gut fotografierte. Nach dem Studium an der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität wirkte er ab 1979 als Redakteur beim DDR-Rundfunk. Nach der Wiedervereinigung 1990 wurde auch sein Sender abgewickelt – wie viele andere DDR-Bürger musste sich Klaus Teßmann neu orientieren. Er wurde freischaffender Journalist und statt mit der großen Politik beschäftigte er sich nun mit der kleinen. Aus seiner Feder stammen Beiträge zur Heimatgeschichte, Artikel über viele Pläne und Planungen sowie über Streit und Versäumnisse in der Berliner Bezirkspolitik. Er schrieb über die Sorgen, aber auch die Freuden von Menschen, über ihren Alltag. Zunächst in Marzahn-Hellersdorf, später ebenfalls in anderen Bezirken, wirkte er als Lokalreporter – erst im früheren MAZZ-Verlag, dann auch für das Neue Deutschland, die Berliner Woche und Die Hellersdorfer. Er wurde bekannt wie der sprichwörtliche „bunte Hund“. Seit Ende 2013 gehörte er zum festen Autorenstamm von LiMa+. Nicht nur von seinem Äußeren her ein Pfundskerl, war uns Klaus viel mehr als ein Mitstreiter. Wir trauern um einen guten Freund, mit dem wir uns auch des Öfteren privat trafen und gemeinsam feierten.

Initiator des Käsekuchen-Wettbewerbs

Stets brachte er zu solchen Zusammenkünften etwas Kulinarisches mit – raffinierte Salate, schmackhafte kleine Bouletten oder selbst hergestellte Marmeladen. Denn Kochen (und auch Essen) war eine weitere seiner Leidenschaften. Legendär sind seine Facebook-Fotos, die lecker Frühstück oder Mittagessen zeigen. Und immer gerade dann auftauchten, wenn man selber gerade Hunger hatte. Bei der Spielplatzinitiative Marzahn regte er einen Käsekuchen-Wettbewerb an. Allerdings gelangte seine Quarktorte dann doch nicht aufs Siegerpodest. Vielleicht war das der Grund, dass er in der Folge viele weitere Rezepte ausprobierte. Eines davon, mit dem er sehr zufrieden war, hatte er uns erst vor ein paar Wochen geschickt. Wir wollten es in Kürze endlich ausprobieren – und das Resultat bei einem Treffen bewerten. Nun müssen wir das allein tun.

Mitglied der Gutshaus-Familie

Klaus Teßmann lebte fast 30 Jahre allein in seiner kleinen Wohnung in Prenzlauer Berg. Seine Familie war nach der Wende zerbrochen. Darüber sprach er kaum. Wie er auch sonst selbst guten Freunden gegenüber nur verhalten Persönliches freigab. Viel lieber erzählte er über den Verein Gutshaus Mahlsdorf, der das von Charlotte von Mahlsdorf aufgebaute Gründerzeitmuseum am Hultschiner Damm bewahrte und weiterentwickelte. Mehr als 20 Jahre lang wirkte er im Gutshaus-Verein, führte Gäste durch das Gebäude mit seiner großartigen Sammlung und sah auch in Corona-Zeiten, wo das Museum geschlossen ist, dort regelmäßig nach dem Rechten. Noch am vergangenen Sonntagabend hatte er den Gutspark, in dem das Haus steht, abgeschlossen. „Klaus gehört zur Gutshaus-Familie“, sagt Monika Schulz-Pusch, die Geschäftsführerin des Museums. „Wir sind erschüttert und sehr traurig, stehen unter Schock.“  Klaus Teßmann werde dem Verein sehr fehlen. Nicht nur als helfende Hand, sondern auch als Mensch mit einem großen Herzen und viel Humor. Monika Schulz-Pusch und andere Vereinsmitglieder stehen in regelmäßigen telefonischen Kontakt mit seiner Mutter. Diese lebt allein in Bergen und kann wegen der geltenden Kontaktsperre die Insel Rügen nicht verlassen. „Wir helfen, wo es geht“, so Monika Schulz-Pusch. „Wie es eben in einer Familie üblich ist.“ Nach dem Wunsch seiner Mutter soll Klaus Teßmann in Berlin eingeäschert und in Bergen zur letzten Ruhe gebettet werden.

Schock auch für die Spielplatzinitiative Marzahn

Schockiert ist man auch bei der Spielplatzinitiative Marzahn e.V., bei der sich Klaus Teßmann ebenfalls seit einigen Jahren ehrenamtlich engagierte. Quasi die zweite Familie, zu der er zählt. „Er war einfach da und gehörte dazu“, sagt Matthias Bielor, der Vorsitzende. „Ohne jemals Gewese um sich zu machen.“ Es seien viele Tränen geflossen, als die Nachricht von seinem Tod kam. Klaus Teßmann habe für den Verein viel fotografiert und geschrieben. Er hat auch an der Chronik zum 30-jährigen Jubiläum gearbeitet, das im November 2020 begangen wird. „Er wird fehlen!“ Vor einigen Wochen hatte Klaus Teßmann sein eigenes Kräuterbeet auf dem Westplatz der Initiative an der Ahrensfelder Chaussee angelegt. „Er war so froh, dass alles gut angewachsen ist“, sagt Matthias Bielor. Nun werde ein anderes Vereinsmitglied das Beet pflegen. Er erzählt, dass Klaus insbesondere bei vielen Frauen sehr beliebt war: „Wenn die gehört haben, dass er kommt, wurde immer extra Käsekuchen für ihn gebacken.“ Deshalb werde es auch eine große Käsekuchen-Gedenkparty auf dem Westplatz für ihn geben: „Natürlich mit genügend Abstand zwischen den Teilnehmern.“ Der Termin steht noch nicht fest.

Gute Reise, Käpt’n Tess!

Die Kaulsdorfer Malerin und Illustratorin Antje Püpke hat ein Porträt von Klaus Teßmann als Magnetfigur entworfen: Ein Seebär mit dichtem Rauschebart und Kapitänsmütze steht vor einem Leuchtturm. Dazu hat sie geschrieben:

Schelmischer Blick. Rauchige Stimme. Brummbär. Liebenswert.
Grüner Daumen. Großes Herz.
Du Freigeist. Ich danke Dir!
ZU SPÄT.
Gute Reise, Käpt’n Tess.

Montag um 00.11 Uhr hatte er ihr noch auf Facebook geschrieben. Sie sagt: „Es hat mich schwer getroffen, dass uns ein so lieber, engagierter Mensch verlassen hat. Einziges Fazit: Nutze den Tag!“

Birgitt Eltzel hat mit Klaus Teßmann von 1975 bis 1979 an der Karl-Marx-Universität in Leipzig studiert und ihn nach 1990 in Marzahn/Hellersdorf, damals noch zwei Bezirke, wiedergetroffen. Volkmar Eltzel hat ihn in den 1990er-Jahren beim MAZZ-Verlag kennengelernt. Seit Ende 2013 arbeiteten sie gemeinsam für LiMa+, wo auch der letzte Artikel des Verstorbenen veröffentlicht wurde.


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