Abbau der alten Litfaßsäulen: Etliche liegen hinterm Orwohaus

Abschied von einem Original

04.03.2019, Klaus Tessmann

Fotos: Klaus Tessmann (1-4), Birgitt Eltzel (5)

Marzahn. Wieder einmal trennt sich der Senat von einem Teil der Berliner Kulturgeschichte. Denn nach einer Ausschreibung, die eine andere Firma gewann, muss das Unternehmen Wall 2.500 klassische „Klebesäulen“ entsorgen. Nur 50 historische Litfaßsäulen wurden unter Denkmalschutz gestellt. Bis Ende Juni sollen die alten Litfaßsäulen abgebaut sein. Das Recht für die klassische Klebe-Werbung an Säulen hat das Unternehmen ILG Außenwerbung aus Stuttgart zugesprochen bekommen. Mit dem Abbau der alten Säulen und dem Aufbau der neuen, die auch beleuchtet werden können, etwas dicker und moderner als die bisher Gewohnten sind, wurde bereits vor einigen Wochen begonnen. Das reiht sich ein in die Maßnahmen zum neuen Werbekonzept des Senats im öffentlichen Raum. Danach soll die bisher an den Betrieb der öffentlichen Toiletten durch die Wall AG gekoppelte Außenwerbung davon entflochten werden. Während Wall bei einem Verfahren um den Betrieb der öffentlichen WC im Juni 2018 den Zuschlag erhielt (siehe hier), werden die Rechte an der Außenwerbung geteilt.

1854 hatte ein Jungunternehmer eine Idee

Rund 165 Jahre prägten die klassischen Litfaßsäulen die Straßenlandschaft in der Hauptstadt. Sie waren Exportschlager, denn auch andere Städte im Lande – ja sogar im europäischen Ausland – übernahmen die Klebesäulen. Mehr als 50 000 Säulen stehen in ganz Deutschland. Die Anschlagsäule ist eine Berliner Erfindung – heute würde man den jungen Erfinder mit seinem Startup-Unternehmen feiern. Der Drucker Ernst Litfaß kam 1854 auf die Idee, überall in Berlin Säulen für Plakate aufzustellen. Er hatte sich über die wilde Plakatierung aller möglichen Organisationen in der Stadt geärgert und wollte die Werbung in geordnete Bahnen lenken. Also schlug Litfaß den Behörden vor, überall in der Stadt Säulen für Plakate  aufzustellen.

Für Behörden und Werbekunden

Der Polizeipräsident erteilte im Dezember 1854 die erste Genehmigung für seine „Annoncier-Säulen“. Litfaß bekam von der Stadt Berlin ein Monopol auf die Säulen, das bis 1865 gültig war. Damals sollten die Säulen nicht nur für Werbzwecke, sonder auch für aktuelle Nachrichten genutzt werden. Bereits im Jahr 1855 standen die ersten 100 Litfaßsäulen in Berlin. Zu Ehren des Erfinders wurden sie nach ihm benannt. Damals erkannten sowohl die Berliner Behörden als auch die Werbekunden sehr schnell die Vorteile dieses neuen Mediums.

Manche Säulen hatten ein „Innenleben“

165 Jahre lang prägten die klassischen Litfaßsäulen das Straßenbild von Berlin. Sie blieben durch alle Zeitenwechsel erhalten. Sie überlebten das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Zeit des Faschismus und die Nachkriegsjahre. Sie überlebten in den Jahrzehnten sogar viele wechselnde Eigentümer und Nutzer. Die Berliner und ihre Gäste konnten sich schnell über Veranstaltungen in Kinos und Theatern oder über Ausstellungen informieren. Aber nicht nur positive Nachrichten waren auf den Säulen zu lesen. Bereits im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wurden hier die ersten Kriegsdepeschen auf den Säulen veröffentlicht. Die Berliner erfuhren dort von Mobilmachung, von Wahlen und von Aufrufen zu Revolutionen. Nach dem Zweiten  Weltkrieg nutzten auch die vier Besatzungsmächte die Säulen für wichtige Informationen. Auch die Innenräume wurden oftmals genutzt. Dort waren kleine Trafostationen, Telfonverteiler oder sogar öffentliche Toiletten untergebracht.

Ungenehmigte Deponie an der Frank-Zappa-Straße?

In der Frank-Zappa-Straße nahe dem Orwohaus in Marzahn wurden jetzt viele Litfaßsäulen zur letzten Ruhe gebettet. Eine Staubwolke über dem Gelände zeigte in den vergangenen Tagen an, dass sie dort auch zerschlagen werden. An der Seite stehen überdimensionale „Tüten“, vollgeladen mit Bauschutt. Das Bezirksamt wusste nichts von der Deponie. Nadja Zivkovic (CDU), die zuständige Stadträtin für Wirtschaft, Straßen und Grünflächen, wurde erst durch eine Anfrage von LiMa+ darauf aufmerksam. Sie erklärte: „Es wurde keine Genehmigung zur Zwischenlagerung der abgebauten Litfaßsäulen erteilt.“ Doch die Säulen liegen immer noch auf der freien Fläche unterhalb der Landsberger Allee. Obwohl die Stadträtin betont hatte: „Der Eigentümer der Litfaßsäulen wird aufgefordert, eine schnellstmögliche Beräumung vorzunehmen.“

Keine Hinweise auf Asbestbelastung

In verschienene Medien wurde in den vergangenen Wochen auf Gefahren hingewiesen. Einige der alten Litfasssäulen sollen mit Asbest belastet sein. Auf eine entsprechende Frage, ob eine Gefahr durch Asbestbelastung von den Säulen in der Zappa-Straße ausgeht, sagte Nadja Zivkovic: „Hinweise darauf sind weder beim Ordnungsamt noch beim Umweltamt vorhanden.“

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden