Ein bemerkenswertes Projekt hat im Tierheim Berlin begonnen:

Kinder lesen Katzen vor

18.01.2020, Steffi Bey

Fotos: Steffi Bey. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Falkenberg. Im Tierheim Berlin gibt es jetzt ein neues Projekt mit einem Titel, der aufhorchen lässt: Kinder lesen Katzen vor, lautet das Motto. 15 Mädchen und Jungen gehören aktuell zu den aktiven Teilnehmern. Sie sind zwischen sieben und zwölf Jahre alt, mögen kuschlige Stubentiger und tun sich normalerweise mit dem Lesen ein bisschen schwer.

Allein mit den Tieren

Doch wenn sie im Seniorenkatzenhaus sind, scheint ihre kleine Welt in Ordnung zu sein. Dann sitzen sie auf einem weichen Stuhl, lümmeln auf dem Boden oder im Sessel. In den Händen halten sie ein aufgeschlagenes Buch, aus dem sie laut vorlesen. Nur sie und die Tiere halten sich im Raum auf.

Katze Larissa ist total entspannt

Finn aus Lichtenberg war schon drei Mal bei den Katzen und immer mit seiner dicken Fibel. Wenn der zierliche Junge vorliest, zieht er unter den Wörtern eine unsichtbare Linie. Langsam verbindet er dabei mit dem Zeigefinger die Buchstaben. Manchmal redet er laut und deutlich, dann wieder sanft. Seine tierische Zuhörerin genießt diesen besonderen Auftritt. Tierpflegerin Miriam Koppe erkennt das an den halb geschlossenen Augen der Katze. „Auch ihre Mundwinkel sind total entspannt“, sagt sie. Dennoch lauscht Larissa ihrem Vorleser lieber aus der Ferne.

30 Minuten Vorlesezeit

Ganz anders als Mausi und Männlein. Besonders das Weibchen sucht die unmittelbare Nähe der Kinder. Sie schleicht um die Beine der kleinen Vorleser herum und setzt sich manchmal direkt auf das Buch. Der neunjährige Fips aus Hönow hat das schon erlebt. „Ich streichle sie dann und lese einfach weiter“, sagt er. Wie die meisten Teilnehmer, freut er sich jede Woche auf die 30-minütige Lesezeit bei den Katzen.

Zwölf Tiere befinden sich zurzeit im Seniorenhaus: Meistens leben zwei in einem gemütlich eingerichteten Raum. Eine bunte Tür mit großer Glasscheibe trennt die Wohnbereiche von der Katzenküche. „Die bei uns angemeldeten Kinder dürfen sich aussuchen, zu welchem Tier sie möchten“, sagt Ulrike Diehl, die ehrenamtlich das Projekt betreut. Wenn der „Wunschzuhörer“ aber schon einem Kind lauscht, wird eine andere Katze ausgesucht.

Konzentriert, selbstbewusst und aufgeschlossen

Pflegerin Miriam Koppe ist überrascht, wie gut das Projekt Kinder lesen Katzen vor ankommt, wie ruhig es dabei zugeht und wie begeistert Kinder und Eltern sind. „Ich merke, dass es Finn weiterbringt, er kann in Ruhe lesen und ist dabei nicht abgelenkt“, freut sich seine Mutter Kristine Krieger. Auch Ulrike Diehl stellte fest, viele Kinder werden selbstbewusster und aufgeschlossener. Unbemerkt von den Kleinen hört sie durch die geschlossene Gittertür den Lesern zu und blickt hin und wieder durch die Scheibe.

Kinder und Tiere profitieren

Noch ist das Projekt – die Idee stammt aus Amerika – in der Anfangsphase. Aber schon jetzt wird überlegt, es auf andere Bereiche im Tierheim auszudehnen: Vielleicht im Katzenvermittlungshaus, in der warmen Jahreszeit auf dem Freigehege oder auch bei den Nutztieren. Denn fest steht: Sowohl Kinder als auch Tiere profitieren von dem Angebot. „Es gibt Studien, die nachweisen, dass rhythmische Stimmen auf Katzen beruhigend wirken“, sagt Ulrike Diehl. Viele Tiere hätten Traumata durch schlimme Erlebnisse und seien ängstlich. Durch das Vorlesen könnten sie sich annähern und Vertrauen aufbauen. Und die Kinder haben einen Raum für sich alleine. Kein Erwachsener korrigiert. Die Mädchen und Jungen bekommen nach jedem Vorlesen einen Stempel auf ihre Zehner-Karte gedrückt. Wer diese Anzahl erreicht hat, erhält eine Urkunde vom Tierheim.

Mausi ist verrückt nach Kindern

Miriam Koppe hat durch das Projekt eine interessante Erkenntnis gewonnen. „Nie hätte ich gedacht, dass Mausi, die neunjährige Katze, so verrückt nach Kindern ist.“ Denn bislang lebte sie bei alten, demenzkranken Menschen. „Jetzt ist uns klar, wir können sie auch an eine Familie mit Kindern vermitteln“, erklärt die Tierpflegerin.

Die meisten Schüler bringen Bücher von Zuhause zum Vorlesen mit. Oft sogar Titel in denen Tiere vorkommen. Eine kleine Buchauswahl ist aber auch vor Ort vorrätig. „Unser besonderes Leseangebot ist kostenlos, wir freuen uns aber über jede Spende“, betont Susanne Nisch vom Tierheim.

Anmeldungen sind unter jugendtierschutz@tierschutz-berlin.de oder telefonisch unter 030-76 88 81 19 möglich. Vorgelesen werden kann donnerstags und freitags zwischen 14 und 16 Uhr.


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