Der Tagestreff für Wohnungslose und Bedürftige – Hilfe und Beratung

Keine Angst vor Weiß-Kitteln

14.09.2018, Steffi Bey

Fotos: Steffi Bey. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Lichtenberg. Essen, duschen und Raum zum Auftanken: Wer will, kann sich im Tagestreff für Wohnungslose und Bedürftige auch Rat und Hilfe bei der Organisation des Alltags holen. Aber das Besondere an diesem Aufenthaltsort gegenüber vom Bahnhof Lichtenberg ist die medizinische Versorgung. „Unsere Ärzte behandeln jeden, der zu uns kommt, kostenlos“, sagt Maria Richter, Leiterin der vom Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) betriebenen Einrichtung. Und sie betont, das Team aus Allgemeinem- und Zahnarzt sei erfahren im Umgang mit Menschen, die vielleicht aus Angst vor „den Weiß-Kitteln“ lange nicht mehr in Behandlung waren. „Wir beraten Betroffene ausführlich und versorgen sie nur, wenn sie damit einverstanden sind“, erklärt Richter.

In Spitzenzeiten kommen täglich rund 50 Hilfesuchende in das Haus an der Weitlingstraße 11. Sie duschen, waschen ihre Sachen, holen sich gespendete Klamotten aus der Kleiderkammer, nutzen den Internetzugang oder reparieren Kleinigkeiten in der Werkstatt. Viele sind auch wegen des Essens hier: „Drei Mahlzeiten geben wir montags bis freitags aus, die aus gespendeten Lebensmitteln frisch zubereitet werden“, sagt die langjährige Küchenchefin Erika Punzel.

An der großen Tafel im Erdgeschoss steht schon einen Tag im Voraus der Speiseplan. Aus umliegenden Supermärkten und Bäckereien stammen die Zutaten, die Mitarbeiter des zwölfköpfigen Teams dort abholen.

Mehr als nur ein Job

Maria Richter gehört seit Anfang des Jahres dazu. Für die ausgebildete Sozialpädagogin ist die Arbeit mit den Menschen mehr als nur ein Job. „Gespräche mit den Besuchern stehen bei mir an erster Stelle, egal, was ich gerade mache“, betont die 31-Jährige. In persönlichen Begegnungen merkt sie immer wieder, wie wichtig es ist, zuzuhören, zu beraten, vielleicht auch nur einen Anstoß zu geben. Schöne Momente sind für die Leiterin solche, bei denen sie spürt, dass es jemandem besser geht: Oder dass der- oder diejenige bereit für einen Neuanfang ist. „Wir haben beispielsweise die Möglichkeit, innerhalb des Verbandes an betreute Einzelwohn-Projekte zu vermitteln“, erklärt Maria Richter. Ein großes Lob verdiene auf jeden Fall das engagierte Team aus festangestellten und über das Jobcenter vermittelten Mitarbeitern. Nicht zu vergessen mehrere Ehrenamtliche.

Demnächst: Friseur und Änderungsschneiderei

Seitdem Maria Richter den Treff leitet hat sich auch einiges verändert: Der Hof wurde aufgeräumt, Beete und Sitzecken angelegt. Demnächst wird ein ausgebildeter Friseur, der als Geflüchteter nach Berlin kam, Bedürftigen und Wohnungslosen kostenlos die Haare schneiden. „Auch eine Änderungsschneiderei wollen wir wieder anbieten“, betont die Chefin.

Zahnärztin oder Zahnarzt gesucht

Ganz oben auf der Wunschliste steht allerdings etwas Anderes: Gesucht wird ein Zahnarzt oder eine Zahnärztin. Denn Karin Backhaus, die dort seit langem Patienten versorgte, geht mit 75 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand. Sie war in der Weitlingstraße auf Minijob-Basis aktiv. „Eine erfahrene Arzthelferin gibt es bei uns“, sagt Maria Richter. Gemeinsam mit ihr will sie in den nächsten Monaten verstärkt Wohnheime aufsuchen, dort den „besonderen Arztservice im Treff“ bekannter machen. „Und den Bedürftigen erklären, dass sie keine Angst haben müssen, sich behandeln zu lassen.“

Einer, der regelmäßig die Weitlingstraße 11 aufsucht, ist Heinz: Klein, dünn und bartstoppelig. „Mir schmeckt es hier immer und die Leute sind freundlich“, sagt er. Auch aus der Kleiderkammer hat er sich schon oft etwas Passendes ausgesucht. Manchmal redet er dort noch ein bisschen mit Nicole, der „netten Dame mit den roten Haaren“. Auch der 64-jährige Herr aus Lichtenberg, der zwar eine Wohnung hat, aber dessen Rente vorne und hinten nicht reicht, holt sich hier täglich ein warmes Essen ab. Er füllt es in eine kleine Schale und nimmt es mit nach Hause. „Anfangs kam ich mir schon komisch vor, aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und bin froh, dass es solche Einrichtungen gibt“, berichtet er.

Der Tagestreff für Wohnungslose und Bedürftige in der Weitlingstraße 11 ist montags bis freitags, 8 bis 17 Uhr geöffnet.
Mehr Infos unter www.obdachlos-lichtenberg.de

 

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