Internationaler Tag der Sinti und Roma

Kampf gegen Marginalisierung

08.04.2014, Andrea Scheuring

Fotos: Andrea Scheuring

Marzahn-Hellersdorf. Am heutigen 8. April wird weltweit der Internationale Tag der Sinti und Roma begangen. Das Datum geht auf den ersten Welt-Roma-Kongress 1971 in London zurück, an dem der Kampf gegen soziale Marginalisierung und nach gesellschaftlicher wie politischer Teilhabe der Roma postuliert wurde. Gut 40 Jahre später ist nach Angaben der Vereinten Nationen die Armut unter den schätzungsweise zehn bis zwölf Millionen Roma in Europa etwa viermal höher als bei der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung. Armut, begrenzter Zugang zu medizinischer Versorgung, mangelnde Bildung sowie der Ausschluss vom legalen Arbeitsmarkt betreffen dabei vor allem Mädchen und Frauen. Auch die Vorurteile gegen und Klischees über Mitglieder der größten Minderheitengruppe in Europa sind immer noch allgegenwärtig. Auch in Berlin.

Oft ausgebeutet und betrogen
Die Zuwanderung von Roma nach Deutschland und nach Berlin gab es schon immer, besonders stark während der Balkankriege, weil die Roma als Minderheit zwischen alle Konfliktfronten geraten waren. Allerdings fand diese Zuwanderung keine große öffentliche Aufmerksamkeit. In Folge der Freizügigkeit innerhalb des europäischen Hauses kommen nun auch Roma aus den neuen EU-Ländern in die Stadt, vorzugsweise aus Rumänien und Bulgarien, aber ebenso aus Polen, Ungarn und der Slowakei. Auch dort mussten sie häufig als Sündenböcke für schwierige soziale Umwälzungsprozesse herhalten. Die Neuzuwanderer stammen daher meist aus ärmeren Verhältnissen, verfügen nur über eine geringe oder keine Schulbildung und bringen Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen mit. Daneben kommen Roma auch aus Nachfolgeländern des ehemaligen Jugoslawiens – insbesondere aus Serbien, Bosnien und Mazedonien – nach Berlin, um ihrer prekären Lage im Herkunftsland zu entfliehen und hier Flüchtlingsschutz zu beantragen. Der Senat geht bei der aktuellen mittleren Bevölkerungsprognose für Berlin bis 2030 „von rund 130.000  zusätzlichen Bewohnerinnen und Bewohnern insgesamt aus dem Ausland aus“, wobei basierend auf den aktuellen Zahlen auch künftig mit Zuwanderung aus den ost- und südeuropäischen Ländern gerechnet wird. Allerdings bedeuten diese Zahlen keineswegs, dass es sich hier nur um Roma-Migration handelt. „In Berlin werden Zuwanderer aus den neuen Beitrittsländern nicht selten Opfer von Ausbeutung, Betrug, Diskriminierung und Antiziganismus. Oftmals können sie ihre Rechte nicht selbst wahrnehmen“, erklärte Dr. Susanna Kahlefeld, bündnis-grüne Sprecherin für Partizipation und Gleichbehandlung von MigrantInnen im Abgeordnetenhaus. Ihre Fraktion fordert daher, dass „Rot-Schwarz diesen Missständen mit einem wirksamen Aktionsplan zur Integration der zugewanderten Sinti und Roma und einer verbesserten Fördermittelvergabe an die Selbstorganisationen der Migrantinnen und Migranten ein Ende macht.“

Sozialarbeit und Beratung
Der Senat fördert bereits seit 2013 entsprechende Maßnahmen im Rahmen des „Berliner Aktionsplans zur Einbeziehung ausländischer Roma“, bislang vor allem in Neukölln und Mitte. Seit Jahresbeginn arbeiten nun auch in Marzahn-Hellersdorf zwei Träger im Rahmen des bezirksorientierten Programms im Aktionsplan 2014/15: Der Caritasverband für das Erzbistum Berlin e.V. und das Haus der Begegnung M3 e.V. fungieren als „Brückenbauer zu Regeldiensten, sozialen Stadtteilzentren, Streetworkteams, der Volkshochschule und anderen Bildungsinstitutionen“. Sie leisten aufsuchende Sozialarbeit in den Roma-Familien, beraten sie in den Rechtsgebieten wie Wohnen, Existenzsicherung, Ausbildung und Arbeit, Gesundheit und Krankenversicherungsschutz, Verschuldung, Aufenthalts- und Familienrecht. Sie intervenieren bei antiziganistischen Vorfällen, geben Dolmetscher- und Übersetzungshilfen und vermitteln bei Konflikten mit Vermietern oder Nachbarschaften.

Das Migrationszentrum der Caritas in der Borkheider Straße hat sich bereits seit Längerem als eine Anlaufstelle mit Vertrauensbonus für Roma entwickelt. Hier läuft der fünfte Alphabetisierungskurs für Frauen an, der im Unterschied zum ersten keiner Werbung mehr bedarf, die Frauen organisieren dabei die Kinderbetreuung während des Unterrichts selbst.  Im Haus der Begegnung M3 in der Mehrower Allee arbeitet seit 2012 ein bezirksfinanziertes Elternforum für Roma-Familien in Marzahn-Mitte, um die familiären Voraussetzungen für einen erfolgreichen Schulbesuch der Kinder zu verbessern. Mit der Senatsförderung seit Januar 2014 kann diese Arbeit nun verfestigt werden.

Förderung hart erkämpft
„Wir mussten hart kämpfen, damit auch wir Fördermittel vom Senat bekommen“, resümiert Elena Marburg, Intergrationsbeauftragte in Marzahn-Hellersdorf, die die bezirkliche Koordinatorin für die Arbeit mit Sinti und Roma ist.  Bis 2014 war das Bezirksamt gezwungen, eigene Mittel aus dem ohnehin klammen Bezirkshaushalt einzusetzen, um auch für diesen Bevölkerungsteil eine Kernstruktur der Grundversorgung zu schaffen, „damit die Leute wissen, an wen sie sich vor Ort mit ihren Fragen und Problemen wenden können“, so Marburg. Unterstützung kam im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten nur vom Lokalen Aktionsplan Marzahn-Mitte und vom Quartiersmanagement Marzahn-Nord. Inzwischen sind weitere Integrationsofferten wie etwa das neue Roma-Projekt der AWO in Marzahn-Nordwest hinzugekommen, das – bis August 2016 laufend – niedrigschwellige Bildungs- und Begegnungsangebote unterbreitet wie z.B. den interkulturellen Elterntreff oder ein Sprach- und Kommunikationstraining für Eltern. Eine weiterführende Finanzierung des Aktionsplans durch den Senat über den Zeitraum 2014/15 hält die Integrationsbeauftragte des Bezirks für ungemein wichtig: „Jeder Cent ist eine gute Investition in Präventionsarbeit, um möglichen Schwierigkeiten in der Zukunft vorzubeugen.“

Open-Air-Ausstellung zu Zwangslager 1936-45
Die Geschichte der Sinti und Roma in Berlin ist untrennbar mit dem nordöstlichen Stadtgebiet verbunden. Das Gelände rund um den heutigen Otto-Rosenberg-Platz – unweit des S-Bahnhofs Raoul-Wallenberg-Straße – diente zwischen 1936 und 1945 als eines der ersten nationalsozialistischen Zwangslager für Sinti und Roma. Auf dem sog. Rastplatz Marzahn waren in Vorbereitung der Olympischen Sommerspiele von den Nazis aus rassenpolitischen Gründen als „Zigeuner“ verfolgte deutsche Sinti und Roma interniert worden. Eine Straße und ein Platz am historischen Ort wurden 2007 nach Otto Rosenberg benannt. Der Vater der Sängerin Marianne Rosenberg, der als Sinto-Deutscher selbst im NS-Zwangslager inhaftiert war, hatte sich später u.a. als Vorsitzender des Landesverbandes Berlin-Brandenburg der Deutschen Sinti und Roma engagiert. Seit 2011 erzählt eine Open-Air-Ausstellung von der Geschichte des Lagers und dem Schicksal seiner Insassen. Um noch „mehr Menschen auf den Ort der Erinnerung und Information am Otto-Rosenberg-Platz aufmerksam zu machen“, hat die Bezirksverordnetenversammlung Ende Februar 2014 das Bezirksamt ersucht, an dafür geeigneten Orten entsprechende Hinweisschilder aufzustellen.

Am 14. Mai 2014, 18 Uhr, stellt die Autorin Patricia Pientka im Bezirksmuseum, Alt-Marzahn 51, ihr Buch „Das Zwangslager für Sinti und Roma in Berlin-Marzahn: Alltag, Verfolgung und Deportation“ vor. Der Eintritt kostet 2 Euro.

 

 

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