25 Jahre Mauerfall: Wir aßen und tranken wie 1989

Kalter Hund statt Kalter Krieg

08.11.2014, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel, Kristina Niemann. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Berlin. Zu 25 Jahre Mauerfall wollte auch das Team von LiMa+ ein ganz eigenes Event beisteuern. Nach langen Diskussionen stand fest: Es soll nichts Bierernstes werden. Also probten wir den kulinarischen Mauerfall – mit Speisen und Getränken, die 1989 in Ost- wie auch in West-Berlin Mode waren. Motto: Kalter Hund statt kalter Krieg. Gekocht, gemixt und getafelt wurde bei unserer Freundin und Kolumnistin Lisa Shoemaker in Kreuzberg – ein unerreichbarer Ort für viele unserer Teammitglieder vor dem 9. November 1989.

Ragout fin und Schwedeneisbecher
Was haben wir damals gegessen, was hat uns geschmeckt? Allein diese Frage brauchte etwa vier Wochen bis zur finalen Entscheidung. Von den Team-Mitgliedern Ost wurden mehrheitlich abgewählt: Ketwurst, außerdem die sogenannte Sättigungsbeilage aus Rotkraut/Weißkraut, Sellerie und geraspelten Möhren sowie das Jägerschnitzel (erinnert sich noch jemand an die eklige panierte und gebratene Jagdwurstscheibe, die Makkaroni oder Spirelli garnierte?) Das Rennen Ost machten letztlich: Ragout fin (mit Käse überbackenes Würzfleisch aus Schwein und Huhn in Blätterteigpastete) als Vorspeise, Steak Hawaii (Steak mit Ananas, überbacken mit Käse) mit Pommes als Hauptgang sowie gleich zwei Nachtische. Auf den Schwedeneisbecher (Vanilleeis mit Apfelmus und Eierlikör, garniert mit einer erklecklichen Portion Sahne, wollte niemand verzichten. Und auch nicht auf den Kalten Hund, den Schokoladenkuchen, der aus Keksen, Kakao, Eiern und Kokosfett gefertigt wurde. In „Unser gutes Kochbuch“, Verlag für die Frau, 1973, fanden wir das Rezept aber erst nach längerem Suchen. Denn der Kalte Hund wurde in der DDR auch manchmal Lukullus genannt. Das war uns allerdings bis dato unbekannt. Die weitere Recherche ergab übrigens, dass der Kalte Hund eine Erfindung der Firma Oetker aus den 1920er-Jahren war. Davon wurde in der DDR nicht geredet, dennoch verzehrte man das Gebäck dort oft und gern, wie überhaupt vieles Süße und Kalorienreiche.

Avocados mit Shrimps
In Kreuzberg war man 1989 dem Berliner Osten auch kulinarisch bereits Jahre voraus. Avacado-Hälften, gefüllt mit Shrimps in einer Cocktailsoße aus Mayo, Ketchup und Meerrettich waren damals dort ein Renner. Kochkolumnen-Autorin Lisa Shoemaker erinnert sich, dass sie das Anfang der 1990er-Jahre auch einmal in einem der neuen Restaurants in Prenzlauer Berg gegessen hat. „Da waren die Avocados ganz hart, es braucht aber ausgereifte Früchte dazu“, sagt sie. Sie habe letztlich nichts gesagt, um nicht als überhebliche “Besserwessi” zu erscheinen. Bei unserem Mauerfall-Essen waren die Früchte jedenfalls so, wie sie sein sollten – gut gereift.
Und weil Kreuzberg auch schon vor dem Mauerfall ein wenig anders war, folgte dann als Hauptgericht West etwas Vegetarisches: Grünkernbratlinge (heute auch -burger genannt), die damals nicht nur in manchen Haushalten, sondern auch oft in Kinderläden auf der Speisekarte standen. Dazu wurde Pink Flamingo gereicht, ein Kräuterquark, der vom Aussehen eher an eine Süßspeise erinnert. Aber das kräftige Rosa kommt vom dazugegebenen und gut verrührten Rote-Bete-Saft. Sehr zu empfehlen, schmeckte absolut lecker.

Kein Rosenthaler Kadarka
Bei den Getränken beschränkten wir uns auf drei Cocktails, die um 1989 gängig waren – und auf den original italienischen Espresso zum Abschluss des Festmahls. Gemixt wurden: Batida di Coco mit Maracuja-Saft (in Kreuzberg in den Achtzigern gern getrunken), Moulin Rouge (Orangensaft, Apricot Brandy und Rotwein) sowie Grüne Wiese (Orangensaft und Blue Curacao), die seinerzeit wohl in keiner Bar der DDR fehlten. Wobei es im Jahr 2014 recht schwierig wurde, eine Zutat für die Moulin Rouge, die Rote Mühle, zu beschaffen: Apricot Brandy gibt es nicht mehr überall. Nach zahlreichen Fehlversuchen wurden wir schließlich in einem Spirituosenladen in der Lichtenberger Weitlingstraße fündig – fast. Denn dort war er gerade aus. Die Verkäuferin riet uns zu Aprikosenlikör aus Österreich: „Der passt auch“, sagte sie. Sie habe schon oft damit gemixt. Und in der Tat: Der gelb-orange-rote Schichtcocktail war auch damit schön anzusehen, süffig allemal. Wer das Getränk noch von früher kannte, hielt sich allerdings beim Genuss etwas zurück – die Erinnerung an heftige Kopfschmerzen am Morgen danach scheint unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt. Was vielleicht auch am süßen Rotwein lag, gern Rosenthaler Kadarka, der damals zum Einsatz kam. Wir verwendeten vorsichtshalber nur halbtrockenen einer anderen Marke, obwohl der bulgarische Wein (früher heißbegehrte Bückware) nun auch in den Regalen der Supermärkte des Ostens steht.

Über den Tellerand hinausgucken
„Es war nicht alles schlecht.“ Dieser Satz kam keineswegs von den “Ossis”, sondern von Emmanuele Contini, unserem Fotografen aus Sardinien. Ihm schmeckte alles, besonders die gehaltvollen Ost-Speisen und -Getränke. Der Italiener wollte wissen: „Warum habt Ihr das eigentlich seit der Wende kaum noch gekocht oder gemixt?“
Ja, warum eigentlich? Weil wir Ossis seit 1989 eine Welt gewonnen haben – und endlich über den Tellerrand hinausgucken können. Heute speisen wir gern italienisch, griechisch, spanisch, wir mögen die Küchen Südostasiens und haben inzwischen mit den Kreuzbergern fast gleichgezogen, indem viele von uns ebenfalls vegetarische oder vegane Speisen nicht verschmähen. Auch kulinarisch war der Mauerfall also ein Gewinn. Wenngleich der Ausflug in die deutsch-deutsche Küche der 1980er nach so vielen Jahren allen Spaß gemacht hat, immer möchten wir nicht mehr so wie früher dinieren. Nur Emmanuele hat sich vorgenommen, einige Rezepte aus der DDR-Küche nachzunutzen. Ihm erschien diese bei unserem Mauerfall-Dinner anscheinend so exotisch wie uns vor 25 Jahren die cucina italiana.

 

 

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