Startup fertigt Fern-Fahrräder in einer Gemeinschaftswerkstatt

Jeder Radbauer mit eigenem Stil

04.12.2018, Angelika Giorgis

Foto: Angelika Giorgis. Zum vergrößern Hauptbild anklicken.

Lichtenberg. Andreas Gschwendtner kam aus Bonn, um ein Fahrrad in Auftrag zu geben, ein Randonneur (deutsch: Wanderer). Dieses französische Reise-Rennrad eignet sich besonders für längere Distanzen. „Ich habe mindestens 20 Fahrräder, aber dieses fehlt mir noch“, sagt der gebürtige Österreicher. Nun lässt er sich in der Josef-Orlopp-Straße bei der Firma Meerglas ein Randonneur maßanfertigen.

Meerglas gehört dem 33-jährigen Zweiradmechaniker Thomas Becker, der sich seit knapp fünf Jahren mit dem Rahmenbau beschäftigt. Seit eineinhalb Jahren teilt er sich die Werkstatt mit Florian Haeussler, einem Produktdesigner und dessen Freundin Kristin Heil, eine Modedesignerin. Die beiden 37-Jährigen kommen aus Nordrhein-Westfalen. Sie leben und arbeiten seit Ende 2012 in Berlin und bauten in der Josef-Orlopp-Straße Stück für Stück ihre Werkstatt aus. Darin arbeiten sie mittlerweile mit anderen jungen Leuten zusammen. „Jeder Radbauer hat seinen eigenen Stil“, erklärt Florian Haeussler. „Wir kommen uns da nicht in die Quere, sondern helfen einander.“

Fahrradrahmenbau autodidaktisch

Haeussler schrieb an der Fachhochschule Potsdam seine Diplomarbeit über Reisen mit dem Fahrrad. Noch während des Studiums führte ihn eine erste Tour mit seinem alten Bike über Rumänien nach Istanbul. Doch zunächst wandte er sich dem Produktdesign für Autos zu. Bis ihm ein Potsdamer Rahmenbauer, der ihn bei seiner Diplomarbeit betreut hatte, seine Werkstatt zum Kauf anbot. Haeussler fand in Leipzig dafür eine Bleibe. Dort arbeitete er tagsüber als Freelancer und widmete sich abends dem Rahmenbau. „Die alten Rahmenbauer hatten keinen Nachwuchs und bildeten auch nicht aus“, erzählt er. „Wir, die nächste Generation, sind gewissermaßen Autodidakten.“ Haeussler absolvierte einen Schweißerlehrgang. Alles andere brachte er sich selbst bei.

Nachdem zwei Protoypen fertig waren, wollte er mit zwei Freunden die Räder unter Echtzeitbedingungen testen. Das dritte Rad, ein Mountainbike ging ständig kaputt. Bei Haeusslers Modellen musste höchstens mal die Schaltung nachgestellt werden. „Und wir hatten viele platte Reifen“ erzählt der Fahrrad-Fachmann. Aber die Räder bestanden auf der Tour von Krakau nach Istanbul ihre Bewährungsprobe.

Satteltaschen wasserdicht und reißfest

Kristin Heil, seine Jugendfreundin, kehrte 2012 von einer Afrika-Reise zurück und machte Halt in Leipzig. „Näh‘ doch mal Satteltaschen“, schlug ihr Freund vor. Er kannte ihr Geschick. Noch wollte sie davon nichts wissen. Doch sie half ihm später beim Umzug nach Berlin. Gemeinsam stellten sie dort auf der „Berliner Fahrradschau“ ihre Bikes und selbst entworfene Taschen aus. Die Nachfrage war so groß, dass sie sofort ihren Job kündigte und nun Fahrradtaschen entwarf, nähte und testete. Ihre Manufaktur – Gramm Tourpacking – hat seit ein paar Monaten auch eine Mitarbeiterin. Die Frauen nutzen Material, das wasserdicht, reißfest, scheuerbeständig, sehr leicht und gleichzeitig langlebig ist. 20 Modelle gibt es bisher. „Ich arbeite auf Bestellung und biete auch elf Modelle im Internet an“, erzählt Heil. Es wird weltweit ausgeliefert. Viele Kunden, die sich nebenan ein Fahrrad kaufen, lassen sich bei Kristin Heil das passende Zubehör anfertigen, oft in der Farbe des Rahmens.

Unikate von höchster Qualität

Auf die Fahrräder von Florian Haeussler muss man etwa ein Jahr warten. Wer aber fahrradaffin ist, weiß, wieviel Mühe es macht, ein Fahrrad von Hand zu bauen. Und dass das nicht billig ist. Dafür bekommt der Kunde dann ein Unikat von höchster Qualität. Es gibt Extremfahrer, die genau wissen, was sie wollen. Sie wählen eher die einfacheren Räder, die aber gut funktionierende Komponenten haben müssen, weiß Haeussler. „Ein solches Rad zu entwickeln, ist einfach toll“, erklärt er. Und dann gibt es auch diejenigen, die sich ihren absoluten Traum erfüllen wollen und dafür schon mal 10.000 Euro und mehr auf den Tisch legen. Jede Komponente muss das absolut Beste sein.

Bevor das Konzept entwickelt wird, lädt der Bike-Bauer seine Kunden zu einer Radtour durch Lichtenberg und Marzahn ein. Dafür sollen sie ihr bisheriges Lieblingsfahrrad mitbringen. Haeusslers Kunden kommen aus ganz Deutschland. Er hatte aber schon Besuch aus London. Sogar in Kanada gibt es bereits Interessenten.
Weitere Informationen auch unter www.fern-fahrraeder.de.

 

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