Seit 27 Jahren gibt es das FrauenTechnikZentrum in Hohenschönhausen

IT-Kurs von & für geflüchtete Frauen

19.07.2018, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Neu-Hohenschönhausen. „Get connected mit Arwa” – „Tritt in Kontakt mit Arwa!“ heißt der neue Weiterbildungskurs, den das FrauenTechnikZentrum seit 10. Juni immer dienstags für geflüchtete Frauen anbietet und durchführt. Nicht ohne Grund ist dieser Computer-Lehrgang teilweise englisch betitelt. Die Teilnehmerinnen, größtenteils aus Syrien und dem Irak, sind noch nicht lange in Deutschland. „Wir können nicht so lange warten, bis alle die deutsche Sprache beherrschen“, sagte die Projektmanagerin des Vereins, Audrey Hoffmann. Die Kursleiterin Arwa Almoadhen floh im November 2015 selbst aus dem Irak. „Wir haben mit ihr einen Arbeitsvertrag über 20 Wochenstunden abgeschlossen“, erklärte die geschäftsführende Vereinsvorsitzende Michaela Grote. Das sei nicht einfach gewesen. Die „Aufenthaltsgestattung“ für Arwa läuft erst einmal nur bis August. Der Kurs – gefördert vom Bezirklichen Bündnis für Wirtschaft und Arbeit Berlin-Lichtenberg – ist bis Ende Dezember 2018 geplant.

Computer-Grundlagenwissen und Textverarbeitung

Die irakische Kursleiterin war zuvor bei der Networking-Academy von Cisco Systems Deutschland tätig. Die Berliner Niederlassung des IT-Unternehmens unterstützt das FTZ ebenfalls bei den Kursen, die über das Programm “Lokales Soziales Kapital” vom Senat finanziert werden.

Lichtenbergs Bürgermeister Michael Grunst (Linke) bot bei seinem Besuch des Bildungsvereins am Dienstag, 17. Juli, seine Vermittlung für den Fall an, dass es Probleme bei einer Verlängerung des Aufenthaltsstatus von Arwa Almoadhen gibt. „Get connected“ vermittelt den Teilnehmerinnen Grundlagenwissen im Umgang mit Computern. In einem nächsten Schritt werden Textverarbeitungs- und weitere Office-Programme behandelt. Schließlich werden die erworbenen Kenntnisse in Workshops geübt.

„Haben sie schon in ihrem Heimatland an Computern gearbeitet?“, wollte Michael Grunst von zwei Kursteilnehmerinnen aus Syrien wissen. Beide verneinen. Sie sind Mütter von vier und drei Kindern. „Es ist gut, dass hier im FTZ unsere Kleinen betreut werden können, während wir lernen“, sagte Eine. Auf jeden Fall möchten sie nach dem Kurs gerne arbeiten, vielleicht später selbst andere am PC unterrichten. „Ich habe Angst in Deutschland keinen Job zu bekommen, weil ich ein Kopftuch trage“, sagte die zweite Frau noch. Auf Wunsch des FTZ nennt LiMa+ die Namen der beiden Teilnehmerinnen nicht.

Einziges verbliebenes FTZ in Deutschland

Seit seiner Gründung vor 27 Jahren hat das FrauenTechnikZentrum als eingetragener Verein sein 280 Quadratmeter großes Domizil auf einer Etage des mittlerweile in die Jahre gekommenen, siebengeschossigen Gebäudes in der Straße Zum Hechtgraben. Fort- und Weiterbildung, Beratung und Coaching stehen auf dem Programm. „Wir haben damals das Konzept aus den alten Bundesländern übernommen, bei dem Frauen nur von Frauen an Computern trainiert und ausgebildet wurden“, sagte die geschäftsführende Vereinsvorsitzende Michaela Grote. In allen Bundesländern gab es FrauenTechnikZentren. „Heute sind wir in der Bundesrepublik die Einzigen, die noch übrig sind“, erklärte sie. Das FTZ habe sich und seine Angebote immer weiter entwickelt. „Sonst wären wir heute auch nicht mehr da“, so die Vorsitzende. Die Hauptzielgruppe sind immer noch Frauen, aber nicht ausschließlich.

Gute Ideen für die Selbstständigkeit

Das FTZ bietet viele weitere Kurse und Hilfen auch für Männer an. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind zwischen 19 und 63 Jahre alt. Seit 2016 haben zum Beispiel schon über 100 Teilnehmerinnen an dem „Gründerinnen Assessmentcenter“ teilgenommen. Wenn sich eine Idee zur Erlangung der beruflichen Selbstständigkeit als tragfähig erweist, folgt ein bis zu 30-stündiges Coaching für die jungen Migrantinnen und Migranten noch vor der eigentlichen Unternehmensgründung . Vielen ist seitdem der Sprung in die Selbstständigkeit geglückt. Gute Gründungsideen waren dafür eine wesentliche Voraussetzung. Gute Beratung schon im Vorfeld – eine weitere. Die Ideen sind vielfältig. Sie reichen vom Betreiben einer mobilen Eismaschine, der Entwicklung eines neuen Pizzateigs über die Eröffnung einer Käserei bis hin zu selbstständigen Heilpraktikern. „Gerade haben zwei junge Leute eine arabische Sprachschule eröffnet“, berichtete Audrey Hoffmann.

Kompetenzen feststellen und stärken

„Ausbildung in Sicht“ heißt ein weiteres FTZ-Bildungsprojekt für junge Leute, die ihre Schulpflicht erfüllt – und bisher keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Ihnen wird zunächst ein zweiwöchiger Kurs zur Kompetenzfeststellung angeboten, bei dem die Stärken der Teilnehmerinnen und Teilnehmer herausgefunden werden sollen. Im Anschluss erhalten sie weitergehende Informationen dazu, welche Möglichkeiten es zum Beispiel bei der Ausbildungsvermittlung, für einen Sprachkurs oder zum Erreichen des Schulabschlusses gibt. Insbesondere für geflüchtete Menschen gibt es ein Integrationscoaching zur Heranführung an den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. „Unser Ziel ist immer, dass die Kursteilnehmer für den Arbeitsmarkt fit gemacht und in Jobs vermittelt werden“, sagte Audrey Hoffmann. „Dabei arbeiten wir eng mit dem Jobcenter zusammen“, ergänzte Michaela Grote.

Das Computercafé für Seniorinnen und Senioren ist ein Angebot an betagtere Bürger. Es ist immer dienstags von 14-17 Uhr gut besucht. Schon seit 1998 machen sich im FTZ auch ältere Menschen mit PC & Co. vertraut. „Die haben die neue Technik für sich entdeckt und wollen skypen“, erklärte die Projektmanagerin begeistert.

Sanieren oder neu bauen?

Bis Ende dieses Jahres werde es eine Entscheidung geben, ob das Haus Zum Hechtgraben 1 noch einmal saniert werden kann oder ob in der Nähe ein Neubau entstehen soll, sagte Michael Grunst, der auch Stadtrat für Finanzen und Immobilien ist. „Es gibt die Idee, ein Nachbarschaftshaus zu bauen, in dem auch das FTZ eine neue Heimstatt finden würde“, so Michael Grunst. Fünf Millionen Euro könne der Bezirk dafür aufbringen. Eventuell ließe sich diese Summe durch EU-Gelder aufstocken. „Ich hätte das FrauenTechnikZentrum gerne weiter in Hohenschönhausen“, erklärte er.

Das nächste Assessmentcenter Vorgründungscoaching findet übrigens vom 23. bis 26. Juli statt.
Weitere Informationen unter: www.ftz-berlin.de

 

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