Was vor 60 Jahren begann, geht immer weiter

„Die Bühne ist mein Leben“

08.02.2020, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel und Privatarchiv Irmelin Krause. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Alt-Hohenschönhausen. Am Sonnabend, 15. Februar, begeht die Schauspielerin und Sängerin Irmelin Krause ihr 60. Bühnenjubiläum. Die Wände ihrer Wohnung in der Suermondtstraße hängen voll mit Fotografien und Veranstaltungsplakaten. Schätze von Erinnerungen an ihre Rollen in Filmen, Theaterstücken und Auftritten als Chanson-Sängerin. Zu fast jedem Foto weiß Irmelin Krause eine Geschichte zu erzählen. 1960 startete die heute 81-Jährige ihre Karriere, damals im Schauspielstudio Rostock. Ihr erstes Theaterstück hieß: „Das Glockenspiel des Kreml“ von Nikolai Pogodin. Irmelin spielte die Tochter eines russischen Ingenieurs 1920 in Moskau. „Lenin kam auch darin vor“, erzählt sie. Es folgten zunächst viele kleinere Rollen.
Noch heute ist der Kalender der Künstlerin so prall mit Auftrittsterminen gefüllt, dass man sich unwillkürlich fragt: Wie schafft sie das alles?

Hänsel und Gretel waren „Schuld“

Irmelin Krause, Jahrgang 1938, das älteste von drei Kindern, musste schon früh an der Seite ihrer Mutter, Erna Krause, familiäre Aufgaben und Verantwortung übernehmen. Der Vater war 1943 im Krieg gefallen. Trotz der schweren Nachkriegszeit spielte Musik bei den Krauses schon immer eine große Rolle. Die Mutter war Sängerin im Chor der Deutschen Staatsoper. Irmelin lernte seit dem 7. Lebensjahr Klavier zu spielen.

„Für mich begann alles damit, dass ich schon als kleines Mädchen im Berliner Mozart-Chor mitsang“, erinnert sich die Jubilarin. „Als ich 10 Jahre alt war, besuchten wir die Staatsoper und erlebten ‚Hänsel und Gretel‘. Als das Stück zu Ende war, stand mein Entschluss fest: Ich werde nicht nur Sängerin, sondern auch Schauspielerin.“ Das Theaterfieber hatte sie gepackt.

Nach dem Abitur bestand die Mutter darauf, dass ihre Tochter an der Humboldt-Universität zunächst Musik studierte und einen Abschluss machte. Eine weise Entscheidung, wie sich herausstellte, denn auf zwei Beinen steht es sich besser. Später hatte Irmelin Krause Gelegenheit, bei der französischen Chansonsängerin und Holocaust-Überlebenden Fania Fénelon zu lernen.

In Rostock sofort auf die Bühne

Irmelins Traum war jedoch die Schauspielerei. Sie begann Rollentexte zu lernen und stellte sich bei verschiedenen Theatern und sogar im DDR-Kulturministerium vor. Ihre Beharrlichkeit zahlte sich aus. Am Theater der Freundschaft in Lichtenberg (heute Theater an der Parkaue) erkannte ihre Uni-Dozentin Ada Mahr das große Talent der jungen Darstellerin. Zusammen mit zwei weiteren Kolleginnen wurde Irmelin Krause zum Studium ans Schauspielstudio nach Rostock delegiert. „Wir mussten sofort auf die Bühne“, erinnert sie sich. „Das war hart und lehrreich zugleich.“ Auch bei den Rügenfestspielen in Ralswiek war sie 1960 mit dabei. Schnell entdeckten Theater-Intendanten und Regisseure das Talent der ehrgeizigen jungen Frau.

Bei Faust die Knie verletzt

Bald bekam sie große Rollen, wie das Gretchen in Goethes Faust am Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz. Bei der Tragödie warf sich die junge Frau so auf die Knie, dass sie mit den Spätfolgen der Verletzung heute noch zu kämpfen hat. „Ich war schon immer eine Vollblutschauspielerin“, kommentiert sie. 1965 wurde Tochter Velia geboren. Irmelin Krause war alleinerziehend.

Es folgten unzählige Engagements und Auftritte an Theatern beispielsweise in Zittau, Anklam und Frankfurt (Oder). Die Bühnenkünstlerin spielte die Lady Milford in Schillers „Kabale und Liebe“, die Königin Elisabeth in „Don Carlos“, die Sittah in Nathan der Weise, die Blumenverkäuferin, Eliza Doolittle in Pygmalion sowie die Jenny in Brechts „Das kleine Mahagonny“. In „Das Himmelbett I Do! I Do!“ spielte Irmelin Krause die Ehefrau Agnes. „Regisseur war damals Wolfgang-Claus Asch“, entsinnt sie sich. Noch heute ein guter Freund.

Tage- und nächtelang lernte die Schauspielerin Texte, so lange, bis ihr die Szenen in Fleisch und Blut übergingen. Sie analysierte die Stücke regelrecht und machte sich auf den Skripten Notizen, wie sie ihre Parts spielen würde. Die Theaterleute waren beeindruckt.

Entscheidung für die Tochter

Als alleinstehende Mutter musste Irmelin Krause ihr Kind oft der Oma in Berlin zur Obhut überlassen, um weiter am Kleist-Theater in Frankfurt auftreten zu können. Zusätzlich arbeitete sie auch noch als Sprecherin beim Rundfunk und in den DEFA-Synchron-Studios. „In den Theater-Spielpausen fuhr ich so oft es ging nach Berlin zu meinem Töchterchen“, erinnert sie sich. Doch trotzdem war sie immer nur zu Besuch.

So konnte es nicht weitergehen. Letztendlich verzichtete die Darstellerin auf eine weitere berufliche Karriere in Frankfurt (Oder) und zog nach Berlin, damit sie sich um ihr Kind kümmern konnte. Beruflich musste sie nun noch einmal ganz von vorne anfangen. Die Schauspielerin arbeitete als Synchronsprecherin in Berliner und Brandenburger Studios. Einmal mehr zahlte sich ihre Hartnäckigkeit aus.

Fernsehfilme und Konzerte

So folgten Figuren in Fernsehfilmen wie „Polizeiruf 110“, „Familie Rechlin“ und in der Lustspielreihe „Ferienheim Bergkristall“. Die singende Schauspielerin wandte sich direkt an die Konzert- und Gastspieldirektionen der DDR und trat nun auch in Konzerten auf. Sie hatte wieder Fuß gefasst in Berlin. Bei den Feierlichkeiten 1987 zum Jubiläum 750. Jahre Berlin lernte sie ihren späteren Mann Wolfgang Latarius kennen. Er war Produzent beim Rundfunk der DDR, spielte außerdem Posaune und komponierte für Irmelin Krause etliche Lieder. 1993 haben sie geheiratet und sind noch heute ein Paar.

Schwere Umstellung nach der Wende

Dann kam die Wende 1989 und damit für Irmelin Krause – wie für zahllose Künstler im Osten Deutschlands – ein großes, tiefes Loch. Die Aufträge blieben aus. „Das war schlimm.“ Doch Irmelin Krause ist eine Kämpferin. „Ich habe drei Jahre gebraucht, um mich wieder zu berappeln.“

Nun halfen ihr großes Gesangstalent und die Kenntnisse vom Musik-Studium weiter. Denn neben einigen Rollen in Fernsehfilmen und weiteren Synchronarbeiten, konzentrierte sich Irmelin Krause immer mehr auf ihre Vorstellungen und Konzerte mit Chansonprogrammen. Über 30 sind es bis heute und die singende Schauspielerin denkt gar nicht ans Aufhören. „Aber ein bisschen kürzer treten werde ich künftig schon.“

Lampenfieber genau wie früher

Noch immer tritt sie in Klubs und Senioreneinrichtungen unter anderem in Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Steglitz auf. „Nach 60 Jahren habe ich immer noch Lampenfieber. Aber ich brauche dieses Adrenalin“, sagt die agile Frau. Und wie in den Anfangsjahren ihrer beruflichen Karriere bereitet sie sich stets exzellent vor. „Am liebsten hätte ich noch Dramaturgie studiert, aber dazu fehlte bisher einfach die Zeit.“

Das große Wiedersehen

Gerade hat die Künstlerin neue Gedichte und „Küchenlieder“ zusammengestellt und geprobt. Für einen bekannten Paketzusteller hat sie im Tonstudio einen Werbespot aufgenommen. Ihre warme, jugendlich gebliebene Stimme ist gefragt. „Man muss sich der Zeit anpassen“, meint Irmelin Krause. „Ich habe nie das große Geld verdient und immer bescheiden gelebt. Doch es lohnt sich zu arbeiten, ich ziehe mich an den Erfolgen hoch. Das hält mich fit.“

Ein neues Weihnachtsprogramm ist auch schon in Arbeit. Tochter Velia, lange erwachsen, ist als Schauspielerin und Chansonette in die Fußstapfen der Mama getreten. Manchmal proben Mutter und Tochter auch zusammen für gemeinsame Auftritte.

Am 15. Februar trifft Irmelin Krause in einer Altberliner Gaststätte in Weißensee Freunde und Weggefährten, die ihr auf dem langen bisherigen Berufsweg zur Seite standen. Und natürlich wird es zum 60. Bühnenjubiläum von der singenden Schauspielerin etliche musikalische Einlagen nach Altberliner Art geben. Gute Stimmung ist garantiert.


Für alle, die „Ein Leben für die Bühne“ mit Irmelin Krause live erleben wollen, hier ihre nächsten Auftrittstermine:

Mittwoch, 26. Februar, 15 Uhr, Maxi-Treff Hellersdorf,
Maxie-Wander-Straße 56/58, 12619 Berlin

Montag, 2. März, 15 Uhr, Stadtteiltreff Mahlsdorf-Süd “Haus der Begegnung”,
Hultschiner Damm 98, 12623 Berlin

Dienstag, 24. März, 15 Uhr, Nachbarschaftszentrum Hellersdorf, Klub 74,
Am Baltenring 74, 12619 Berlin

Mittwoch, 15. April, 15 Uhr, Stadtteilzentrum Pestalozzitreff,
Pestalozzistraße 1A, 12623 Berlin

Dienstag, 19. Mai, 15 Uhr, Stadtteilzentrum Kaulsdorf,
Brodauer Straße 27-29, 12621 Berlin


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