Drinnen + draußen

Ins Stammbuch geschrieben

25.11.2018, Linna Schererz

Fotos: Linna Schererz

Kürzlich war die Nichte zu Besuch. Irgendwer hatte einen Stapel alter Fotos rausgekramt, die es nie in die Alben geschafft hatten. Die Bilder gingen von Hand zu Hand. „Weißt Du noch?“, lautete die wohl am häufigsten gestellte Frage. „Das war doch damals in Italien, als S. so sauer war, dass er auf dem Reiterhof viel kürzer als L. auf dem Pferd saß“, erinnert sich die längst erwachsene junge Frau. Auch der, der damals ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter machte, ist schon lange den Kinderschuhen entwachsen. Diese und andere Geschichten halten sich jedoch hartnäckig und werden immer wieder gern in der Familie erzählt. Damals war’s…

Nun wechseln die Fotos ihre Qualität, von Farbe zu Schwarz-Weiß. Die Aufnahmen werden körniger, die Bilder kleiner. Fotografieren war seinerzeit nicht ganz billig. Wer erinnert sich noch: Film kaufen, abknipsen, zum Entwickeln bringen und dann gespannt sein, was auf den Fotos zu sehen ist?

Wer ist denn das?

„Wer ist denn das?“ Eines der inzwischen ziemlich grau gewordenen Bilder zeigt eine Gesellschaft in einem sommerlichen Garten, fein gemacht. Wahrscheinlich eine Familienfeier. Die Männer tragen Anzüge, die Frauen leichte Kleider. Die Kinder wirken so, als dürften sie sich in ihrem Sonntagsstaat nur wenig bewegen. „1928“ steht auf der Rückseite des Fotos. „Das müssen die Urgroßeltern gewesen sein“, befindet die Schwägerin. „Und das kleine Mädchen ist dann Oma.“ Sie stößt ihren Bruder in die Seite. „Guck mal, sie sieht doch wie Oma aus.“ Er stimmt zu. An seine Großmutter kann er sich noch gut erinnern. Aber ihre Eltern? „Urgroßvater soll Angestellter gewesen sein“, erinnert er sich noch vage.

Er geht zum Bücherschrank. Ganz unten liegen schließlich die Stammbücher, in die alle offiziellen Ereignisse der Familie eingetragen sind – Geburt, Hochzeit, Kinder, Tod. Leider reichen die Dokumente nur bis zu den Großeltern zurück. Die Nichte ist ein wenig enttäuscht. Sie hatte sich mehr Aufklärung über die Familiengeschichte erhofft. Nun will sie im Internet nach ihren Wurzeln suchen, um einen Stammbaum zu fertigen. Vielleicht wird sie dort fündig, vielleicht aber muss sie auch analog in Archiven kramen, um Vergessenes wieder zutage zu befördern.

Waffenschmied im 17. Jahrhundert

Ich habe etwas mehr Glück, zumindest beim Familienhintergrund väterlicherseits. Da gibt es schon einen sorgsam gezeichneten Stammbaum, der bis ins 17. Jahrhundert reicht. Einer der Vorfahren war Waffenschmied, spätere dann Fabrikarbeiter. Die Männer. Die Frauen waren Hausfrauen, einige vor ihrer Ehe Dienstmädchen. Erst mein Vater und sein Bruder konnten in der DDR, so wie ich, studieren. Doch über die Menschen selbst weiß auch ich nur bis zu den Großeltern Bescheid. Auf den Fotos kann ich kaum jemand identifizieren. Deshalb bin froh darüber, wenn sich einer die Mühe gemacht hat, diese zu beschriften. „Huldas Einsegnung 1913“ – das muss Omas Cousine gewesen sein. Oder Opas? Hätte man eigentlich mit Rücksicht auf die Nachgeborenen dazuschreiben können.

Unsere Fotos sind digital und meist ohne Beschriftung

Plötzlich muss ich an unsere eigenen Fotos denken. Auf Papier haben wir seit mindesten zehn Jahren keine mehr, die Alben wurden nicht mehr vervollständigt nachdem der Sohn ausgezogen ist. Jetzt findet sich alles im digitalen Speicher, das meiste auf der Cloud. Leider weitgehend ohne Beschriftung, nur Aufnahmeort und -jahr sind zu erkennen. Manchmal ist man halt bequem – und gibt damit dann seinen Nachfahren Rätsel auf. Falls diese mal auf die Idee kommen sollten, sich über die Einträge im Stammbuch hinaus für ihre Familiengeschichte zu interessieren.

 

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