75. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus

Individuelles Gedenken an Befreiung

07.05.2020, Birgitt Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel (1-4, 7), Birgitt Eltzel (5), Thomas Bruns Museum Karlshorst (6) Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Lichtenberg/Marzahn-Hellersdorf. Zum 75. Mal jährt sich am 8. Mai die Befreiung vom Nationalsozialismus. Dieses Datum markiert die Kapitulation der Deutschen Wehrmacht und wird als das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa gefeiert. Erstmals in der Bundesrepublik ist dieser Tag in Berlin ein offizieller Feiertag – bisher allerdings nur einmalig. In den Jahren danach soll der 8. Mai wieder ein normaler Arbeitstag sein. Wegen der Coronakrise wird das Gedenken in diesem Jahr vor allem still und individuell sein.

Kranzniederlegungen in Lichtenberg

An folgenden Orten in Lichtenberg finden am 8. Mai Kranzniederlegungen durch Mitglieder des Bezirksamtes statt:

Nikolai Bersarin Birke, Alfred-Kowalke-Straße, Ecke Straße Am Tierpark
Nikolai Bersarin Tafel, Alt-Friedrichsfelde 1
Gedenkort an der Erlöserkirche, Nöldnerstraße 43
Gedenkort Rummelsburger Arbeiterwiderstand, Nöldnerplatz
Gedenkstele Arbeitserziehungslager Wuhlheide, Am Tierpark 125 (nahe Eisenbahnbrücke)
Ehrenmal Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge (KEH), Herzbergstraße 79
Gedenkort Rummelsburg, Hauptstraße 8
Stelen am Fennpfuhl, hinter Paul-Junius-Straße 71
Mahnmal am Museum Karlshorst, Zwieseler Straße 4
Ehrenmal, Küstriner Straße 11-14

Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke): „Wir feiern die Befreiung und gedenken gleichzeitig der Opfer des mörderischen Nazi-Regimes. Wir erinnern an diesem Tag an diejenigen, die ihr Leben im Kampf für die Befreiung vom Faschismus ließen. Nehmen Sie sich den Moment und gedenken Sie individuell an den historischen Orten im Bezirk Lichtenberg.“

Deutsch-Russisches Museum öffnet Kapitulationssaal

Die Eröffnungsfeier der Sonderausstellung zum 75. Jahrestag der Befreiung „Von Casablanca nach Karlshorst“ im Deutsch-Russischen Museum Karlshorst an der Zwieseler Straße 4 wurde zwar abgesagt, die Exposition ist aber seit dem 30. April online zu sehen. Auch das Museumsfest mit dem traditionellen Toast auf den Frieden am 8. Mai findet wegen den Hygieneregeln der SARS-CoV-2-Eindämmung nicht statt. Das Museum selbst kann jedoch wie etliche andere Kultureinrichtungen der Stadt wieder den Betrieb aufnehmen. Schrittweise wird ab Mittwoch, 6. Mai, wieder geöffnet. Zunächst wird der historische Kapitulationssaal zugänglich sein, informiert die Einrichtung auf ihrer Website.

Blumen an mehr als 50 Gedenkorten

Auch in Marzahn-Hellersdorf findet ein individuelles Gedenken statt. Begonnen hatte es bereits am 21. April mit Blumenniederlegungen vor dem Haus der Befreiung an der Landsberger Allee 563, LiMa+ berichtete. Dieses gilt als erstes befreites Gebäude in Berlin. Nach der Überquerung der Straßenbrücke über die Wuhle, die seit 2005 nach Generaloberst Nikolai Bersarin, dem ersten sowjetischen Stadtkommandanten Berlins benannt ist, erreichte am 21. April 1945 die Rote Armee gemeinsam mit polnischen Soldaten die deutsche Hauptstadt. Die Linke Marzahn-Hellersdorf hatte dazu aufgerufen, vom 21. April bis zum 8. Mai an den mehr als 50 Gedenkorten im Bezirk der Befreiung vom Nationalsozialismus zu gedenken. Blumensträuße und Kränze liegen u.a. bereits auf dem Sowjetischen Ehrenhain auf dem Parkfriedhof Marzahn am Wiesenburger Weg.

Ganz besonderes Video der Spielplatzinitiative Marzahn

Der Verein Spielplatzinitiative Marzahn hat vor dem „Haus des 21. April“ an der Landsberger Allee ein ganz besonderes Video gedreht, in dem auch mit internationaler Beteiligung den Befreiern vom Faschismus gedankt wird. Dazu spielt die mit der Initiative verbundene Band Cosmonautix ein russisches Lied von drei heldenhaften Panzersoldaten.

Um 10 Uhr läuten die Kirchenglocken

Das Bündnis für Demokratie und Toleranz Marzahn-Hellersdorf informiert, dass am 8. Mai im Bezirk um 10 Uhr die Kirchenglocken erklingen werden. Auch in den Gotteshäusern könne man still gedenken, schreiben Henny Engels und Steven Kelz im Namen des Bündnisses. In dessen Mitteilung heißt es: „Wir erinnern in jedem Jahr mit Gedenkfeiern an die Opfer des Krieges und der Vernichtungspolitik. Das Gedenken wird dann glaubwürdig, wenn wir uns der Frage stellen: Was haben wir – als Einzelne wie als Gesellschaft – aus den damaligen Verbrechen gelernt? Unsere deutsche Geschichte verpflichtet uns, allen Formen menschenverachtender Politik und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit entschieden entgegen zu treten. Heute, wo rechtspopulistische und rechtsextreme Kräfte bis in die Parlamente hinein die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands verharmlosen und einer nationalistischen Politik das Wort reden, dringender denn je.“

Digitale Themenwoche bis zum 8. Mai

Bis zum 8. Mai findet in Berlin die digitale Themenwoche „75 Jahre Kriegsende“ statt, die den Bogen von der Kapitulation Berlins am 2. Mai bis zum Sieg der Alliierten über Nazideutschland am 8. Mai 1945 spannt. Die Website startet mit einem 360-Grad-Panorama vom Platz vor dem Reichstag. Das Projekt ist eine Kooperation von Kulturprojekte Berlin mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, unterstützt von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Es entstand in Zusammenarbeit mit weiteren Partnern, unter anderem der Stiftung Topographie des Terrors, dem AlliiertenMuseum und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Ermöglicht wurde es aus Mitteln der LOTTO-Stiftung Berlin und mit Unterstützung der Berliner Sparkasse.

***

Erinnerungen an den Mai 1945 hat Rolf A. Götte, Kiezreporter von Marzahn NordWest, aufgezeichnet. Der heute 80-Jährige erlebte das Kriegsende im Alter von 5 Jahren:

Rolf wurde 1940 in Berlin-Neukölln geboren und ist bei Oma Mieze in der Emser Straße aufgewachsen. Seine Mutter betrieb mit Onkel und Tante einen Installationsbetrieb mit Sanitärfachhandel und Haushaltswarenverkauf in der Teupitzer Straße; während sein Vater die Eisenbahnlinie des schwedischen Kiruna zum norwegischen Narvik zur Sicherung des Erztransports ins Deutsche Reich gegen die „angreifenden, barbarischen Horden aus den Weiten Sibiriens“ verteidigen musste.

Anfang Mai 1945 wurde hart an Oma Miezes Wohnungstür geschlagen und noch bevor die Kränkliche öffnen konnte, war der flinke Rolf hingelaufen, hatte den Schlüssel herumgedreht, den Riegel zurückgezogen und die Tür geöffnet. Davor stand ein hochgewachsener Sowjetsoldat, die Kalaschnikov im Anschlag und stürmte in die Wohnung, die er schnell nach versprengten Soldaten der Deutschen Wehrmacht durchsuchte. Fündig wurde er natürlich nicht. Vor Verlassen der Wohnung verlangte er lauthals nach: „Uri, Uri“; worauf Oma Mieze schreckerfüllt antwortete: „Nix Uri, keine Uri“.

Der vorlaute Rolf, an Omas Schürzensaum klammernd, schaute hoch und sagte wahrheitsgemäß: „Oma, da oben im Vertiko liegen doch die zwei Taschenuhren von Opa, mit denen Du mich niemals spielen läßt.“ Die verschreckte Frau nahm rasch Rolf beiseite. Der Sowjetsoldat hatte den Satz nicht verstanden, strich Rolf behutsam über den Kopf und verließ die Wohnung. Anschließend erhielt Rolf eine gewaltige Tracht Prügel und wurde ins Bett gesteckt. Spät in der Nacht tröstete ihn Oma Mieze wie zur Entschuldigung und sang ihn in den Schlaf. Seitdem kam der hochgewachsene Rotarmist jeden Tag, schlug mit dem Knauf seiner Maschinenpistole an Omas Wohnungstür und brachte Rolf Schokolade. Beim Weggehen strich er ihn jedes Mal behutsam über den Kopf. Diese Prozedur wiederholte sich über mehrere Wochen, bis sie eines Tages völlig ausblieb. Vermutlich war der Soldat mit der Truppe in die Heimat und zu seiner Familie zurückgekehrt.

Zum Überleben der Wochen und Monate nach Ende des Zweiten Weltkrieges waren übrigens die bereits genannten Taschenuhren – sowie die beiden Geigen und eine Trompete des musikalischen Großvaters mütterlicherseits auf dem „Schwarzen Markt“ sehr gut geeignet.

Als Erwachsener siedelte Rolf, der in der Zwischenzeit eine Berlinerin aus Berlin-Friedrichshain geheiratet hat und dem zwei Töchter geschenkt wurden, aus beruflichen Gründen ins Schwäbische in die Nähe von Stuttgart um. Erst fünf Jahre nach Erreichen des Ruhestandes im Jahre 2011 kehrte er und ein Teil seiner Familie wieder in die Heimat zurück. Er lebt heute in Marzahn NordWest. Seit dem Millennium schreibt er politische Romane und während des Stöberns in alten Manuskripten stieß er in seinen Erinnerungen auf diese Begebenheit der letzten Kriegstage.

Heute noch besucht er regelmäßig die Gedenkveranstaltungen an den 21. April 1945 an der Landsberger Allee in Marzahn, wo erstmals sowjetische Truppen unter Generaloberst Bersarin ein Haus innerhalb der Stadtgrenze auf dem Weg in das Zentrum Berlins vom Faschismus befreiten, sowie am 8. Mai das Sowjetische Ehrenmal in Treptow und das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst. Er erinnert sich dankbar an den hochgewachsenen Sowjetsoldaten, von dem er nicht weiß, wie dieser seine Heimat und seine Familie nach der Rückkehr vorgefunden hat.


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