Und immer wieder wächst das Gras…

23.06.2019, Birgitt Eltzel

Foto: Birgitt Eltzel

Alles muss akkurat sein. Das war eine der Lebensmaximen meiner Mutter. Unordnung (oder was sie dafür hielt), störte sie. Jeden Tag wurde Staub gewischt („Es könnte ja jemand kommen“). Nichts durfte herumliegen, nicht einmal Bücher, in denen man kurz zuvor noch geschmökert hatte. Meine Mutter war, zu DDR-Zeiten nicht gerade typisch, Vollzeit-Hausfrau. Unsere Wohnung war immer ordentlich aufgeräumt – und auch ein klein wenig langweilig. Wie habe ich damals Freunde beneidet, bei denen nicht alles so clean war. Wo die berufstätigen Eltern weniger Zeit damit verbrachten, das Heim so zu gestalten, dass man sprichwörtlich vom Fußboden hätte essen können.

Diese Akkuratesse machte auch vor dem Freiraum kaum Halt. Waren es bei meiner Mutter die Balkonkästen, wo die Geranien in Reih und Glied standen und nicht ein einziges Unkräutlein eine Chance hatte, herrschte auch in Gärten und Parks strenge Ordnung. Unkraut wurde mit Chemie der Garaus gemacht, der Rasen kurz gehalten.

Unkraut als Ressource

Das hat sich mittlerweile glücklicherweise etwas geändert. Unkraut wird inzwischen zu Recht vielerorts als eine Ressource für die immer weniger werdenden Insekten gesehen. Kleingärtner pflanzen Lavendel nicht nur der Schönheit wegen, sondern auch als Nahrungsangebot für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge. Der Rasen darf bei vielen durchaus von Klee durchsetzt sein – die Blüten werden schließlich gern von allerlei geflügeltem Getier besucht. Und wenn er dann doch langsam einer Wiese ähnelt, wird gemäht. Immer wieder wächst das Gras, wie es in einem der schönen Lieder von Gerhard Gundermann heißt: Nach dem Schnitt darf dann wieder gewuchert werden.

Seit einiger Zeit gibt es auch kaum noch Beschwerden darüber, dass allenthalben das sogenannte Verkehrsgrün, also Flächen und Streifen entlang von Straßen, Wegen und Tramtrassen nicht mehr grün, sondern richtig bunt ist. Denn die Blumen und Kräuter, die früher sehr schnell abgemäht wurden, dürfen bis zur Blüte sprießen. Damit Insekten und Käfer dort Nahrung finden. Abgesehen mal davon: Ist ein wenig wilde Natur in der Großstadt nicht auch schöner als langweilige Akkuratesse?

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