Drinnen + draußen

Hip oder sauber?

27.10.2019, Linna Schererz

Foto: Linna Schererz

Früher habe ich in der City gearbeitet. Da blieb man häufig noch etwas länger, um durch Kaufhäuser oder Boutiquen zu schlendern, ins Theater zu gehen oder Freunde in einer der angesagten Kneipen zu treffen. Wenn ich dann am späteren Abend draußen bei uns am Stadtrand ankam, habe ich nicht selten gestöhnt: Ist das öde! Die gleichförmigen Plattenbauten, überall Quader oder Würfel – eckig, praktisch, trist. Und die Bürgersteige werden spätestens 20 Uhr um hochgeklappt, ist ja kaum noch ein Mensch auf der Straße. Alles Spießer, die nur vor der Glotze sitzen oder beizeiten ins Bett hüpfen. Warum wohne ich eigentlich hier und nicht dort, wo der Bär steppt? Na ja, die gute Luft und das viele Grün. Aber sonst?

Fotoprojekt mit achtlos abgestellten Sitzmöbeln

Lange Zeit habe ich Inserate studiert, Umzugspläne geschmiedet und wieder verworfen. Denn irgendwann, Schritt für Schritt, habe ich mich den hippen Vierteln entfremdet. Wenn ich nun eine Freundin in Friedrichshain besuche, zum Alexanderplatz oder in den Bergmann-Kiez fahre, stören mich weniger die vielen Touristen mit ihren Rollkoffern. Mehr noch nervt der Dreck auf den Gehwegen, auf Plätzen, in Parks und Grünanlagen – Kaffeebecher, Kippen, Flaschen und Büchsen, manchmal auch Hausrat und sogar ganze Sofas. Ein Bekannter hat aus solchen illegal abgelagerten Sitzmöbeln ein Fotoprojekt gemacht. Die Bilder, es sind inzwischen mehr als 400, zeigen ihn an den Fundorten auf der jeweiligen Couch oder dem Sessel sitzend. Die Fotos wurden fast ausnahmslos in den sogenannten Berliner Szenebezirken aufgenommen.

Hat sich die Stadt verändert oder nur ich?

Da lobe ich mir doch mein langweiliges Marzahn-Hellersdorf. Dort hat die BSR im vergangenen Jahr nur 203 Kubikmeter illegalen Sperrmüll eingesammelt, den wenigsten in ganz Berlin. In Neukölln waren es mehr als 40 Mal so viel, in Kreuzberg auch über 7.000 Kubikmeter. Das hat doch was: Ich lebe im ordentlichsten Berliner Bezirk. Allerdings gibt es auch dort noch Luft nach oben.

Ich glaube, ich bin inzwischen auch zur Spießerin mutiert. Habe nur ich mich mit zunehmendem Alter verändert oder ist vielleicht unsere Stadt mit den Jahren eine andere geworden? Eine, in der Lässigkeit und Coolness mit Schlamperei und Rücksichtslosigkeit verwechselt werden.

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