Yeah! / Oh! / Buh! / Kann man machen, muss aber nicht /… oder was?

„Himmel über Nöldnerplatz“

22.02.2020, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel (1-6), Bezirksamt Lichtenberg (7). Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Über Kunst lässt sich ja trefflich diskutieren und streiten. Das ist von den Schöpfern der Werke oft sogar gewünscht. Die Meinungen der Betrachter und Interpretationen liegen manchmal weit auseinander. So ist es auch bei dem noch jungen Kunstwerk „Himmel über Nöldnerplatz“ des Neuköllner Streetart- und Installationskünstlers Christian Hasucha. Ein Vorschlag aus dem Lichtenberger Bürgerhaushalt von 2017. Seit es am 9. Januar 2020 eingeweiht wurde, reden die Leute.

Der erste Eindruck

Woran denken Passanten zuerst, wenn sie auf der gesockelten Rasenfläche das allseits geschlossene Zelt aus Aluminiumguss mit der Mastleuchte davor sehen? An geflüchtete Menschen? Oder an Obdachlose? Womöglich an den Preis, den Aluminium beim Altmetall-Ankauf bringt? Vielleicht aber auch an Lili Marlene Dietrich „Bei der Laterne woll’n wir steh’n“?


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Doch auch die Laterne ist Kunst. Und es ist (leider) auch nicht vorgesehen, dass sie je leuchtet. Am Dienstag, 25. Februar, ist Gelegenheit, die Meinungen auszutauschen zum “Himmel über Nöldnerplatz”. Um 16 Uhr gibt es für alle Interessierte ein Treffen, zuerst am Objekt auf dem Nöldnerplatz, dann im Museum Lichtenberg im Stadthaus, Türrschmidtstraße 24. Dort hält Christian Hasucha einen Vortrag und steht anschließend für Fragen und Gespräche bereit.

Gegossen in einem der ältesten Unternehmen Berlins

Hergestellt wurde das Alu-Zelt bei zirka 740 Grad Celsius in der Lichtenberger H. & PH. Behr Eisengießerei GmbH & Co. KG. Das 180 Jahre alte, traditionsreiche Familienunternehmen in 5. Generation hat seit 2003 seinen Sitz in Lichtenberg an der Grenzgrabenstraße im Gewerbegebiet. Es ist die letzte Berliner Sandgießerei, die es in dieser Form noch gibt. Neben Aluminium werden auch Bronze und Zink zu Säulen, Verzierungen, Ufergeländer Parkbänke und anderem verarbeitet.

Sehr präzise gearbeitet

Wie Inhaber Markus Behr erzählt, hatte der Künstler das Originalzelt in seiner Neuköllner Werkstatt aufgebaut und dann Element für Element abgeformt. „Die Formen waren so präzise gearbeitet, dass alle Gussteile beim ersten Mal gelungen sind“, lobt er. Fast zwei Wochen lang haben seine Mitarbeiter dann die Teile an ein Stahlgerippe angepasst und festgeschweißt.

107 Ideen

Wie es in den Unterlagen zum Bewerbungsverfahren des Wettbewerbs für die Kunst im Stadtraum vom Januar 2019 hieß, soll das Kunstwerk „den historischen Hintergrund des Quartiers durch eine selbstbewusste künstlerische Aussage akzentuieren“ (LiMa+ berichtete). Die 107 Bewerberinnen und Bewerber wurden ermutigt, sich mit den Themen Wohnungsnot und Armut auseinanderzusetzen.

Was hätte Vater Zille wohl gesagt?

Auf den Künstler Heinrich Zille, der von 1873 bis 1892 im Umfeld des Standortes lebte, wurde in den Auslobungsunterlagen aufmerksam gemacht. Viele der humorvollen, sozialkritischen Zeichnungen des bekannten Grafikers, Zeichners, Malers und Fotografen entstanden im Kiez. Sie waren voller Empathie und Respekt für die in Armut lebenden Menschen. Zille war selbst einer. Er war einer von ihnen.

1 Sieger

Acht Konzepte für ein Kunstwerk auf dem Nöldnerplatz kamen in die engere Wahl. Eine Jury entschied sich für den Entwurf von Christian Hasucha. Wie der deutschlandweit anerkannte Streetart-Künstler erklärte, ließ er sich von der Weite und dem freien Himmel über dem Platz inspirieren. Er fühle sich dabei an frühere Reiseerlebnisse erinnert. Ach so – Urlaub, zelten, Laterne – so kann man das natürlich auch sehen. Hasucha ist dafür bekannt, dass er Widersprüche deutlich macht und gerne provoziert.

„Kunst im öffentlichen Raum darf auch kontrovers sein und so zum Austausch anregen“, sagt Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke). Das Zelt vor den schönen Wohnhäusern mit vielen Eigentumswohnungen am Nöldnerplatz rege zum Nachdenken an. „Das Kunstwerk am Nöldnerplatz weckt mit Sicherheit viele unterschiedliche Assoziationen, ist streitbar und das ist gut so.“


Christian Hasucha, geboren 1955 in Neukölln, ist ein deutscher Streetart- und Installationskünstler. Hasucha studierte von 1975 bis 1981 Freie Kunst an der HdK Berlin (heute UdK Berlin). Unmittelbar danach hatte er ein DAAD-Stipendium in London und studierte dort weiter an der Chelsea School of Art. Bis auf die Jahre 1988 bis 1996, die er in Köln verbrachte und einer einjährigen Arbeitsreise durch Randgebiete Europas im Werkstattwagen, lebt und arbeitet er in Berlin. Seine Arbeiten sind seit 1978 in zahlreichen Orten zu sehen, die Öffentlichen Interventionen wurden zumeist von den Gemeinden oder den Kunstvereinen unterstützt. Seit 1984 hatte er Lehraufträge an der HdK Berlin, der Chelsea School of Art (London), der Kunstakademie Trondheim, der Universität Greifswald, der Kunstuniversität Linz und der Universität Köln. Von 2001 bis 2003 hatte Hasucha außerdem Gastprofessuren für „Ästhetik in Theorie und Praxis“ an der Universität Kassel, Fachbereich Architektur, und für „Kunst im öffentlichen Raum und neue künstlerische Strategien“ an der Bauhaus-Universität in Weimar, Fachbereich Gestaltung.
Christian Hasucha. Öffentliche Interventionen / Public Interventions, Verlag für Moderne Kunst, Nürnberg 2013
Weitere Informationen: auf www.hasucha.de
(aus Wikipedia)

1947 wurde der Nöldnerplatz nach dem Widerstandskämpfer Erwin Nöldner benannt, geboren 1913 in Lichtenberg, ermordet 1944 von Faschisten im Zuchthaus Brandenburg. Vorher hatte die Grünanlage offiziell keinen Namen, im Volksmund hieß sie schlicht Lindenplatz.


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