Rückzug vom „Stillen Gedenken“ | neue Erinnerungsformen gesucht

Heimatverein zieht Konsequenzen

17.02.2020, Klaus Tessmann

Fotos: Klaus Tessmann. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Marzahn-Hellersdorf. Der Heimatverein Marzahn-Hellersdorf wird künftig das „Stille Gedenken“ zum „Nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“ nicht mehr mit organisieren. Mit diesem Paukenschlag ging die Jahrespressekonferenz des Vereins am vergangenen Mittwoch, 12. Februar, zu Ende. (Hier die ganze Erklärung auf Facebook)

Heimatverein war Initiator des „Stillen Gedenkens“

Man sah es dem Vereinsvorsitzenden Wolfgang Brauer an, dass ihm diese Entscheidung nicht leicht gefallen ist. Schließlich war der Verein vor 13 Jahren der Intitiator dieser Gedenkveranstaltung auf dem Parkfriedhof in Marzahn. Brauer erinnerte daran, dass die Mitglieder des Heimatvereins die grundlegenden historischen Forschungen auch über die dunkelsten Kapitel der Deutschen und der Berliner Geschichte betrieben haben. Mitglieder des Heimatvereines haben die Geschichte der Zwangsarbeiterlager in Marzahn und Hellersdorf erforscht, haben sich mit dem Widerstand und der Verfolgung von Menschen in den Dörfern in der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Daraus wurde die Ausstellung „Heimat – Deine Sterne“ gestaltet.

Schließlich sei auch das Denkmal für die Opfer der Zwangsarbeit auf dem Parkfriedhof durch die Initiative des Vereins entstanden. Er habe damals Spenden gesammelt, damit dieses Denkmal gegossen werden konnte. Am 27. Januar 2007 fand zum ersten Mal das „Stille Gedenken“ statt.

Begründeter Rückzug

Wolfgang Brauer begründete die Entscheidung des Heimatvereins damit, dass die Gedenkveranstaltung in den vergangenen zwei Jahren zum Ort von politschen Auseinandersetzungen geworden sei. Es sei nicht mehr hinnehmbar, dass eine „kleine Gruppe von Menschen versuche, das Gedenken zu monopolisieren und sich dazu hinreißen ließe, die Gedenkstele als „ihre“ zu besetzen.“ Auch sei es nicht mehr hinnehmbar, dass ein Friedhof und die Gedenkorte in diesem Teil des Parkfriedhofs zum Mittelpunkt eines Großeinsatzes der Polizei würden.

Der Vorsitzende kündigte an, dass sich der Heimatverein zwar von dieser Veranstaltung zurückzieht, die in den letzten Jahren immer gemeinsam mit der Bezirksverordnetenversammlung organisiert worden war, doch neue Formen des Gedenkens finden werde.

Öffnungszeiten im Bezirksmuseum „extrem familienunfreudlich“

Während der Jahrespressekonferenz hatte Wolfgang Brauer dem Bezirksamt mangelndes Interesse an der Arbeit des Bezirksmuseums vorgeworfen. Es sei nicht zu verstehen, dass dieses wichtige Museum nur mit zwei Mitarbeitern besetzt ist und an den Wochenenden geschlossen bleibt. „Wir konnten das Bezirksamt nicht dazu bewegen, das Museum auch am Wochende zu öffnen“, erlärte Brauer. Dafür gebe es kein zusätzliches Personal, habe es im Bezirksamt geheißen. Die Öffnungszeiten seien „extrem familienunfreudlich“ betonte der Vorsitzende des Heimatvereins. „Für Berufstätige und für Familien mit Kindern ist das Museum ein Haus der verschlossenen Tür.“ Gerade angesichts der aktuellen politischen Diskussionen im Bezirk sei die Information über die Bezirksgeschichte sehr wichtig. Der Heimatverein würdigt zwar die sehr egangierte Arbeit der beiden Mitarbeiterinnen, aber sie könnten bei allem Engagement die Vielfalt der Aufgaben nicht bewältigen. Der Verein werde weiter mit seinen Mitgliedern die Arbeit des Museums unterstützen, trotzdem müssten neue Mitarbeiter gefunden werden.

Das Bezirksmuseum sei beispielsweise nicht in der Lage, die Sammlung zu pflegen und neue, historisch bedeutsame Stücke ins Haus zu holen. „Viele wertvolle Gegenstände aus der Geschichte der Ortsteile sind schon auf dem Müll gelandet“, beklagte Brauer.

Chronist für Mahlsdorf gesucht

Der Heimatverein werde sich auch 2020 mit Führungen durch die Ortsteile des Bezirks und mit Vorträgen zur Geschichte engagieren. Brauer würdigte in diesem Zusammenhang die geleistete Arbeit der Ortschronistin in Kaulsdorf, Karin Sattke sowie von Karl-Heinz Gärtner als Orstchronist für Biesdorf. Harald Kintscher habe seine Tätigkeit als Ortschronist von Mahlsdorf aus Altersgründen leider eingestellt. Karl-Heinz Gärtner versuche, diese Lücke zu schließen, doch der Heimatverein suche dringend einen neuen Chronisten für Mahlsdorf.

Dauerausstellungen für Künstler geplant

Der Heimatverein will sich künftig dafür einsetzen, für bekannte und berühmte Künstler aus dem Bezirk dauerhafte Ausstellungen zu schaffen. Die Veranstaltungen zum 125. Geburtstag von Otto Nagel 2019 hätten zum Beispiel gezeigt, wie groß das Interesse sei.

Auch über den Komponisten Kurt Schwaen gebe es ein sehr gutes Archiv, das von seiner Witwe gepflegt werde. „… und seine Kinderlieder auch heute noch erstaunlich frisch.“ Diese Sammlung müsse als Ganzes so erhalten werden. Das Schloss Biesdorf wäre nach Ansicht des Heimatvereins ein würdiger Ort, um sowohl an Nagel als auch an Schwaen zu erinnern und ihre Archive dort aufzubewahren.

Historisches Jahrbuch künftig jährlich

Erstmals präsentierte der Verein ein „Historisches Jahrbuch Marzahn-Hellersdorf 2019“. Die Chronik soll es künftig jährlich geben. In der Erstausgabe sind unter anderem auch alle Beiträge vom Tag der Regionalgeschichte zusammengefasst, der im September 2019 stattfand. Vorausblickend stand dort das 675. Jubliläum des Ortsteiles Mahlsdorf im Mittelpunkt, das 2020 begangen wird. Dazu passend sind in dem Jahrbuch Beiträge zur Geschichte der Mahlsdorfer Ausflugsgaststätten und zur Sanierung des Gründerzeitmuseums Mahlsdorf enthalten.

Auch die wirtschaftliche Entwicklung des Bezirkes im Jahr 2019 ist dargestellt. Besonders wies Brauer auf den Beitrag über die historischen Ausgrabungen in Biesdorf hin. Über 15 Jahre lang hatten Mitarbeiter der Staatlichen Museen zu Berlin Biesdorf auf insgesamt 22 Hektar systematisch erforscht und erstaunliche Funde gemacht. Die Ergebnisse wurden 2019 in einer Ausstellung publik gemacht (LiMa+ berichtete). So wie beim Jahrbuch 2019 werden auch alle folgenden immer mit einer Auflistung der wichtigsten Ereignisse des Jahres enden. Damit soll die Chronik „40 Jahre Marzahn-Hellersdorf“ ergänzt und fortgeschrieben werden.

Viel ehrenamtliche Arbeit

Das Historische Jahrbuch Marzahn-Hellersdorf 2019 ist immerhin 130 Seiten stark geworden. „Es steckt vor allem sehr viel ehrenamtliche Arbeit in dieser Chronik“, betonte Wolfgang Brauer. Das Werk wird am Dienstag, 18. Februar, um 18 Uhr im Gründerzeitmuseum Mahlsdorf, Hultschiner Damm 333, der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Eintritt ist frei.

Wer das Buch käuflich erwerben möchte, erhält es zu einem Preis von 8 Euro in Mahlsdorfer und Kaulsdorfer Buchhandlungen sowie im Bezirksmuseum und im Gründerzeitmusem Mahlsdorf.

Vorschau

Im Oktober 2020 soll sich der Tag der Regionalgeschichte unter anderem einem besonderen Jubiläum widmen: Denn vor 100 Jahren – im Oktober 1920 – wurde Groß-Berlin gegründet. Der Heimatverein will sich mit den Auswirkungen auf die Dörfer Marzahn, Hellersdorf, Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf beschäftigen. Sie gehörten plötzlich zu Berlin und zum Stadtbezirk Lichtenberg.


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