Gespräch mit dem Vorsitzenden des Heimatvereins, Wolfgang Brauer

Irritationen um Erinnerungskultur

27.02.2020, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn-Hellersdorf. Der Heimatverein wird das traditionelle Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Parkfriedhof Marzahn nicht mehr mitorganisieren (LiMa+ berichtete). Die Veranstaltung war in den letzten zwei Jahren zum Ort politischer Auseinandersetzungen geworden. Linke antifaschistische Gruppen hatten sich an der Teilnahme von Vertretern der Alternative für Deutschland (AfD) gestört, am 25. Januar fand das Gedenken unter Polizeischutz statt. Dem Verein wurde zudem in verschiedenen Medien wie der taz und dem Neuen Deutschland der Vorwurf gemacht, dass ihm auch AfD-Mitglieder angehören. Bisher kaum diskutiert: Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Marzahn-Hellersdorf ließ einen Antrag der AfD zur Restaurierung des Kriegerdenkmals in Biesdorf passieren. Dem will das Bezirksamt folgen. Eine entsprechende Vorlage zur Kenntnisnahme soll der BVV am heutigen Donnerstag, 27. Februar, zur Kenntnis gegeben werden. Über zweierlei Maß bei der Erinnerungskultur sprach LiMa+ mit dem Vorsitzenden des Heimatvereins, Wolfgang Brauer.

Ist der Heimatverein Marzahn-Hellersdorf AfD-unterwandert?

Ganz klar: Nein. Wir haben 103 natürliche Mitglieder, das heißt Personen. Dazu kommen  sogenannte institutionelle Mitglieder, also beispielsweise Unternehmen oder andere Vereine, auch eine Kirchengemeinde. Von den 103 Menschen gehören vier bis fünf der AfD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) bzw. im Abgeordnetenhaus an. Es gibt aber auch Angehörige anderer Parteien wie der Linken, der SPD, der CDU oder der Grünen unter unseren Mitgliedern.

Man muss wachsam bleiben

Nun ist die AfD aber keine Partei wie andere. Sie steht, zumindest in Teilen, für rechtsextremes und rassistisches Gedankengut. Die AfD Marzahn-Hellersdorf hat mehrfach Vertreter des extremen und rechtsradikalen „Flügels“ zu Veranstaltungen eingeladen. Darunter war auch der Flügel-Chef Björn Höcke am Wahlkampftag 2017, der laut einem Gerichtsurteil als „Faschist“ bezeichnet werden darf…

Diese Einschätzung teile ich. Dennoch kann man nicht behaupten, dass der Heimatverein Marzahn-Hellersdorf von der AfD unterwandert ist. Obwohl man wachsam bleiben muss. Beispiele, u.a. aus dem Cottbusser Raum in Brandenburg, lehren, dass rechte Gruppen versuchen, gerade Heimats- und Traditionsvereine für ihre braune Suppe zu nutzen.

Bereits nach 2016 Vereinssatzung geändert

Das geschieht in Marzahn-Hellersdorf nicht?

Nein. Wir haben bereits nach dem Jahr 2016, als die AfD auch in die Berliner Parlamente zog, unsere Satzung geändert. Dort heißt es: „Der Verein betont den Zusammenhang der Geschichte des Bezirks mit der Berliner Geschichte, der Geschichte von Brandenburg-Preußen und der deutschen Geschichte. Ein aktives Vertreten von rassistischem, fremdenfeindlichem, chauvinistischem, nationalistischem und Gewalt verherrlichendem Gedankengut steht im Widerspruch zu den Zielen unserer Vereinsarbeit.“ Wenn jemand gegen die Satzung verstößt, könnten wir ihn nicht nur ausschließen. Wir müssten es auch tun. Und wir werden das auch tun. Was aber einige nicht verstehen: Wegen einer bloßen Mitgliedschaft in einer nicht verbotenen, nicht als rechtsextremistisch eingestuften Partei kann man niemanden ausschließen. Ein gemeinnütziger Verein muss sich der breiten Gesellschaft öffnen, sonst verliert er seine Gemeinnützigkeit.

Was machen denn die AfD-Leute im Heimatverein?

Sie zahlen ihre Beiträge. Sie haben keine Funktionen, sind nicht im Vorstand oder in Arbeitsgruppen und nehmen keinen Einfluss auf unsere Vereinsarbeit.

Aber sie können mitbestimmen bei Hauptversammlungen.

Wie jedes andere Vereinsmitglied, entsprechend der Satzung.

BVV winkte AfD-Antrag durch

Während der Verein von ganz links für das Stille Gedenken kritisiert wurde, hat dieser jetzt seinerseits Kritik an den Linken und anderen demokratischen Parteien geäußert. Dabei geht es um das 1922 errichtete Kriegerdenkmal auf dem Biesdorfer Dorfanger. Das soll originalgetreu instandgesetzt werden, mit seit vielen Jahren fehlendem Adler und Weltkugel. So will es ein BVV-Beschluss vom Oktober 2019.

Ausgangspunkt war ein Antrag der AfD, dem mit kleinen redaktionellen Änderungen von SPD und CDU zu einer Mehrheit verholfen wurde. Die Linke hatte sich enthalten. Kulturstadträtin Juliane Witt (Linke) berichtet in einer Vorlage an die BVV inzwischen, dass dem Antrag durch das Bezirksamt gefolgt wird – es allerdings kein Geld dafür gebe…

Ein Tabubruch

Das halten Sie für skandalös?

Es ist wohl einer der ersten Anträge der AfD, die in Berlin überhaupt beschlossen wurden. Mit den Stimmen der anderen Parteien. Das ist das Eine, ein Tabubruch. Das Andere: Die originalgetreue Wiederherstellung wäre eine Restaurierung als deutsch-nationaler Aufmarschort, nicht als „Trauerort“, wie behauptet wird. Und das geht nicht. Als Denkmal sollte es erhalten bleiben, so wie es jetzt ist. Schon 2014 waren anlässlich 100 Jahre Beginn des Ersten Weltkriegs Leute auf den Gedanken gekommen, das Denkmal zu restaurieren. Die AfD ist dann irgendwann auf diesen Zug aufgesprungen.

Kultort zum Heldengedenken?

Der Heimatverein hatte sich schon frühzeitig gegen die Restaurierung ausgesprochen. Warum?

Das liefe nicht auf die Erhaltung des Denkmals hinaus, sondern auf die Errichtung eines neuen Kultortes zum Heldengedenken. Die Linke hat den Antrag in der BVV durchlaufen lassen. Das halte ich für verlogen. Der Heimatverein wird unter Feuer genommen und gleichzeitig schicken sie aufgehübschte AfD-Anträge durch. Die Kirchengemeinde, die als Eigentümer gegen die Restaurierung ist, ist durch den BVV-Beschluss in eine Zwickmühle geraten. Sie ist sozusagen das letzte gallische Dorf, was noch dagegen hält. Aber was, wenn jemand Geld auftreibt und die Gemeinde lange genug unter Druck gesetzt wird?

Es wurde ein Präzedenzfall geschaffen

Ist es denn so gefährlich, wenn das Kriegerdenkmal restauriert auf dem Dorfanger steht?

Es würde ein Präzedenzfall geschaffen werden, was die Übernahme der Deutungshoheit über Gedenkkultur im Bezirk durch die Rechten angeht. Das wäre das Einfallstor. Es sind auch in anderen Kommunen immer diese Kriegerdenkmale gewesen, womit es anfing.

Letztlich ist der Präzedenzfall doch durch den BVV-Beschluss schon geschaffen…

Das hat die BVV aber nicht begriffen.

Anregung von Schülern nie verwirklicht

Hat der Heimatverein die Bezirksverordneten nicht beraten?

Wir wurden diesmal überhaupt nicht gefragt. Wir haben 2014 öffentliche Vorträge gehalten, entsprechende Positionierungen der Kirchengemeinde gegenüber vorgenommen, die um Rat gefragt hatte. Es gab eine Diskussion in der Biesdorfer Kirche. Und ein Projekt mit Schülern aus dem Otto-Nagel-Gymnasium. Da kam raus: Man sollte das Denkmal umformen. Beispielsweise eine Friedenstaube raufsetzen. Es gab dann auch eine Ausstellung im Museum dazu.

Aber die Anregung der Schüler ist nie verwirklicht worden…

Leider nicht. Es soll mir kein Kommunalpolitiker sagen, er wusste von alldem nichts. Es gibt die Kommission Gedenkorte, die das Bezirksamt berät. Auch diese hat dringend empfohlen, den BVV-Antrag abzulehnen. Auch das wurde nicht berücksichtigt.

Viel Stoff zum Nachdenken. Ich bedanke mich für das Gespräch.

Wolfgang Brauer (65), ist Studienrat (Deutsch und Geschichte) und unterrichtet trotz Eintritts in den Ruhestand noch wöchentlich einige Stunden an der Rudolf-Virchow-Oberschule in Marzahn. Der gebürtige Ascherslebener wohnt in Biesdorf. Für die Linke saß er von 1999 bis 2016 im Abgeordnetenhaus. Vor vier Jahren ist er aus der Partei ausgetreten, Lima+ berichtete.

Seit 2006 ist Wolfgang Brauer Vorsitzender des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf. Letzterer legte zahlreiche Forschungsarbeiten vor, die auch in Buchform veröffentlicht sind. In der Reihe „Beiträge zur Regionalgeschichte“ wurde beispielsweise  über „Gedenk- und Erinnerungsorte im Bezirk Marzahn-Hellersdorf“ publiziert, über den Bezirk im „Dritten Reich“ und zu „Besiedlung, Bevölkerung, Migration“.

Der Verein gestaltet den jährlichen „Tag der Regional- und Heimatgeschichte“, ist zudem Mitveranstalter von Festen wie dem Kaulsdorfer Weihnachtsmarkt und führt Exkursionen zu historisch interessanten Themen ins Umland durch. Seit 2007 hatte er gemeinsam mit der BVV das Stille Gedenken an der auf seine Initiative entstandenen Zwangsarbeiterstele auf dem Parkfriedhof Marzahn organisiert.

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden