Über den Dächern von Marzahn

11.03.2019, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn. Auf einem Tisch liegen zwölf rote Bände im A4-Format. Auf insgesamt 1.800 Seiten ist die Geschichte des Hochhauses Marzahner Promenade 14 festgehalten – vom Bezug des Gebäudes im Sommer 1986 bis heute. Dort finden sich Bilder der ersten Kinder, die nach dem Einzug der rund 300 Bewohner geboren wurden. „Jacob Thomas im August 1986, dann Christopher Wockenfuss, Daniel Nitzschke und Oliver Frost“, erinnert sich Bernd Engling (69), der die Hauschronik von Beginn an führt. Christophers Mutter wohnt noch heute im Haus, so wie etwa ein Viertel aller Erstbezieher. Der Sohn besucht sie häufig. Es gibt Berichte und Fotos von gemeinsamen Feiern und Veranstaltungen, auch von „Mach-mit-Einsätzen“ zur Verschönerung des Wohnumfeldes. Der Sanierung des Hochhauses im Jahr 1998 ist ebenfalls ein Kapitel gewidmet. Auch über eine Ausgabe der seinerzeit sehr beliebten Sendung des Berliner Rundfunks „Von Sieben bis Zehn – Sonntagmorgen in Spree-Athen“ wird berichtet. Da war die Marzahner Promenade 14 das Thema. Es wurde live gesendet, allerdings nicht aus dem Haus selbst. „Wegen Schwierigkeiten mit dem Unterbringen der notwendigen Technik musste in das damalige „Cafe zur Promenade“ ausgewichen werden“, erzählt Bernd Engling. Das gibt es heute nicht mehr. „Es wurde abgerissen“, sagt Bernd Engling. „Jetzt steht dort ein Supermarkt-Komplex.“

In der 20. Etage

Die Chronikbände, die seit etlichen Jahren auch Bilder und Geschichten von Mietern des benachbarten Hochhauses Marzahner Promenade 12 enthalten, können Besucher in einem der sechs Räume des Hausklubs bewundern. Dieser befindet sich in der 20. Etage. Waren zu DDR-Zeiten solche Klubs in vielen der Marzahner und Hellersdorfer Plattenbauten als Treffs der Hausgemeinschaften eingerichtet worden, gibt es heute nur noch ganz wenige davon. „Wir sind sogar der höchstgelegene Hausklub Berlins, die meisten anderen waren ja in Kellerräumen “, sagt Engling stolz. Der promovierte Hochschullehrer, der an der Humboldt-Universität künftige Mathe- und Physikstudenten ausbildete, dann arbeitslos wurde und in ABM-Maßnahmen tätig war, ist heute Rentner. Engling ist auch bekannt als Leiter des Chors „Marzahner Promenaden-Mischung“, der im vergangenen Jahr seinen 1.500. Auftritt hatte.

Die “Goldene Hausnummer” an der Wand

Als Mitglied der Mieterinteressengemeinschaft bzw. des heutigen Mieterbeirats leitet Engling seit Anfang der 1990er-Jahre auch den Klub, aus dessen Fenstern man weit über die Dächer Marzahns sehen kann. Ausgebaut worden waren die ehemaligen Abstellräume bereits kurz nach dem Einzug der ersten Bewohner von diesen selbst. Weil einer der Männer von der Ostseeküste kam und viele andere Mieter ebenfalls ein Faible für das Meer hatten, bekam der Klub maritimes Flair. Noch heute hängen Fischernetze an den Decken, gibt es Rettungsringe und Buddelschiffe an der kleinen Bar. Auch die „Goldene Hausnummer“, verliehen 1989 vom Ost-Berliner Magistrat für hervorragende Mach-mit-Aktivitäten, prangt an der Wand, zusammen mit der entsprechenden Ehrenurkunde.

Alle fünf Jahre große Hausfeste

Nun treffen sich Mieterbeiräte und Schiedsleute, auch aus anderen Marzahner Häusern, im Klub. Gefeiert wird dort immer noch, aber nicht mehr so häufig und so lange wie früher. „Alle fünf Jahre gibt es richtige Hausfeste“, erzählt Engling. „Mit Aktivitäten draußen und oben.“ Der Vermieter, die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Degewo, stellt die Klubräume kostenlos zur Verfügung, Veranstaltungen werden durch Spenden der Nutzer finanziert. Das nächste Hausfest für die Marzahner Promenade 14 und 12 findet 2021 statt. Dann werden 35 Jahre Erstbezug der Häuser begangen.

Jeden Monat Kultur

Doch auch außerhalb großer Feierlichkeiten ist oft etwas los. Etwa 40 Mal im Jahr finden Veranstaltungen statt. Die Klubräume können auch für private Feste gemietet werden. Zwei Jugendweihefeiern wurden für dieses Frühjahr schon angemeldet. Jeden Monat gibt es Kultur – oft musikalische Darbietungen und Lesungen, aber auch Gespräche. Das wird gemeinsam mit der Ortsgruppe der Volkssolidarität organisiert. Deren  neue Vorsitzende ist übrigens Englings Ehefrau Edeltraud (63), eine ehemalige Lehrerin.

Beliebt besonders bei den Älteren

Manchmal wird aber einfach auch nur zum Spielenachmittag mit dazugehörendem Kaffeeklatsch eingeladen. Ilse Schlauß, Erstbezieherin in der Marzahner Promenade 14, kommt immer gern dazu. Die 90-Jährige, die ihre Dreizimmer-Wohnung gegen eine kleinere im Haus getauscht hat, ist froh darüber, im Klub Bekannte zu treffen. „In meinem Alter kommt man ja nicht mehr so viel rum“, sagt sie. Hans-Jürgen Avemann aus der Nummer 14 hat viele Jahre in Kladow gelebt. Seit 2003 wohnt der 74-Jährige in der Marzahner Promenade 12. Er ist ein häufiger Gast und fotografiert auch oft. Am Tisch sitzt er mit Margit Angermann, die er vom Sehen kennt. Die frühere Kartografin in der Geologischen Gesellschaft freut sich, mit ihm und anderen klönen zu können. Ob das Spielen etwas für sie ist? „Mal sehen, man kann es ja mal ausprobieren.“ Es sei schließlich schon lange her, dass bei ihr mal ein Brett für „Mensch ärgere Dich nicht!“ aufgebaut wurde.

Gutes Klima

Engling sagt, dass der Klub auch für das gute Hausklima spreche. Gerade für die Älteren sei eine solche Einrichtung schön: „Die fühlen sich dann nicht so allein, haben mal wieder Gesellschaft.“ Drei Mal im Jahr finden Skatturniere statt. „Da kommen dann auch Leute hierher, die schon lange nicht mehr in unseren beiden Hochhäusern wohnen.“

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