Der Fotograf Gerhard Westrich erkundete Marzahn-Hellersdorf

Grüne Ecken und interessante Leute

01.06.2019, Angelika Giorgis

Fotos: Gerhard Westrich

Marzahn-Hellersdorf. „Was, Du wohnst dort und fühlst Dich wohl?“, werde ich oft auf Reisen gefragt. Meine Gesprächspartner meinen dann, Berliner lieben eben ihren Kiez und darum müsse ich meinen verteidigen. Anders ist es, wenn ein Fremder die Facetten von Marzahn-Hellersdorf entdeckt und positiv überrascht ist. Der Fotograf Gerhard Westrich stammt aus Rheinland-Pfalz, lebt seit mehr als zwei Jahrzehnten in Berlin und hat sich in letzter Zeit auf Entdeckungsreise durch Marzahn-Hellersdorf begeben. Er meint: „Heute hat der Bezirk nichts Erschreckendes mehr für mich.“

Bilder noch bis 7. Juni zu sehen

Westrich ist neugierig und politisch interessiert. „Ich will die Aufmerksamkeit auf wichtige Themen lenken, einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass sich vielleicht etwas positiv verändert. Und ich habe einfach Freude an guten Bildern.“ Nach der letzten Bundestagswahl wollte er dem veränderten Wählerverhalten in der Hochburg der Linkspartei auf den Grund gehen. Die AFD war dort stark im Aufwind. „Es gibt immer mehr Arme. Vor allem in Städten wie Berlin werden sie in die Außenbezirke gedrängt. Hier konzentriert sich der Teil unserer Gesellschaft, der eher dem breiter werdenden Rand als seiner Mitte zuzuordnen ist“, erklärt der 54-jährige. Seine Ausstellung „MaHe inside“ zeigt aber viel mehr. Sie ist noch bis zum 7. Juni im Schloss Biesdorf zu sehen. Das Projekt wurde von der Stiftung Kulturwerk der VG Bild-Kunst und vom Schloss Biesdorf gefördert.

Mehr miteinander reden

„Fährt man die Hauptverkehrsadern entlang, wirkt die Gegend ziemlich trist. Ich habe aber viele grüne und schöne Ecken entdeckt“, erzählt Westrich. Dabei traf er interessante Leute, die er dann fotografierte. So Melanie Bartsch. Die gelernte Pflegehelferin meint, dass die Menschen mehr miteinander reden sollten. Westrich stellte fest, dass die Leute zwar unterschiedliche Wünsche haben, aber überwiegend sozial empfinden und an die anderen denken. „Ich hatte mit stärkerem Protest gerechnet. Den musste ich wirklich suchen“, erzählt der Fotograf. Er schaltete Anzeigen in lokalen Zeitungen und fragte, ob sich Marzahner und Hellersdorfer von ihm fotografieren lassen. Mit wenig Erfolg. Besser lief es in den sozialen Netzwerken.

Ideen mit den Porträtierten zusammen entwickelt

Zusammen mit jedem Modell entwickelt Westrich eine Fotoidee. „Ein gutes Foto ist der Türöffner für den Inhalt“, meint er. So bei Kristin M. Junior. Die gelernte Floristin und Grafikdesignerin will in dem Haus in Hellersdorf, vor dem sie fotografiert wurde, zusammen mit anderen Künstlern offene Ateliers und Werkstätten einrichten. „Als Hartz IV-Empfängerin fühle ich mich entmündigt und entwürdigt. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen würde ich viel entspannter leben“, sagt sie. Ihre Zitate stellte Westrich neben das Foto der Porträtierten.  Marion Genz, die mit Monty Dirk Geiseler den Tierhof Hellersdorf leitet, ist persönlich rundum zufrieden. „Aber für die Kinder müsste mehr getan werden“, sagt sie. Geiseler hofft, dass der Tierhof erhalten bleibt. „Für Kinder, soziales Miteinander und nicht zuletzt für die vom Aussterben bedrohten Tiere sind solche Orte wichtig.“ Tierlieb ist auch Cindy Wulf. „Tiere gelten gesetzlich immer noch als Gegenstände. Das finde ich nicht in Ordnung“, kritisiert sie. Sie und Lorenz Baumann studieren Grundschulpädagogik. Für ihn ist die schlechte Infrastruktur in der Stadt ein großes Problem. Wenn die Hälfte der Berlinerinnen und Berliner mit dem Fahrrad zur Arbeit oder zur Schule führe, würde das den Klimawandel deutlich verlangsamen.

Fotos mit Spannung

„Obwohl ich beruflich abgesichert und zufrieden bin, mache ich mir Sorgen um meine Rente. Und das destruktive Verhalten rücksichtsloser Bürger, die öffentliche Objekte beschädigen und letztendlich allen schaden, einschließlich sich selbst, das nervt mich total“, sagt der Signalmechaniker Robert Heinel. Seine Freizeit verbringt er gern mit LARP-Conventions (Life Action Role Play) und schlüpft dafür in Kostüme. „Dieser Fototermin machte mir besonders viel Spaß“, erinnert sich Westrich. „Herr Heinel wollte sich eigentlich vor der Marzahner Mühle fotografieren lassen. Wir fanden aber einen Hintergrund, der so gar nicht zu seiner Kleidung passte und dem Foto die Spannung verlieh.“

Künstler sucht weiter Leute, die sich fotografieren lassen wollen

Der gelernte Buchhändler Valerij Trofimtschuk sucht Arbeit. „Die Grundversorgung in Deutschland ist gut, aber die zunehmende Islamisierung hier macht mir Angst… Zu viel Zuwanderung führt zu Spaltung“, glaubt der Hellersdorfer. Er hat seit Geburt eine außergewöhnliche Gehbehinderung und lebt seit 21 Jahren in Deutschland.

Westrich möchte noch mehr Leute fotografieren. Parallel zur Ausstellung entstand ein Buch, das bis Ende 2019 weiter wachsen soll. Es ist bei ihm erhältlich. „Wenn es fertig ist, würde ich es gern Politikern schicken, damit sie sehen, wie die Stimmung hier wirklich ist. Denn noch denken viele, wenn sie von MaHe hören, nur an Cindy aus Marzahn. Aber Cindy hieß nicht Cindy und sie kam auch nicht aus Marzahn.“

Schloss Biesdorf, Alt-Biesdorf 55, ist während des 20. Biesdorfer Blütenfestes am Sonnabend, 1. Juni, von 10 bis 22 Uhr geöffnet, am Sonntag, 2. Juni, von 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Von 12 bis 20 Uhr läuft an beiden Tagen im Heino-Schmieden-Saal „Hybrid Sculptors/Virtuelle Bildhauer“. Die Künstler Keez Duyves (Niederlande) und Thomas Bratzke erschaffen dort unter musikalischer Begleitung einen virtuellen Blütengarten. Auch alle anderen Ausstellungen im Schloss – „Collect, Select, Say Good-Bye“, „MaHe inside“ und „Grafik zu Liedern der Französischen Revolution“ – können besichtigt werden.

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden