„19 Uhr Gespräch“ mit Gregor Gysi in den Orankesee-Terrassen

Wie ein Popstar

18.10.2019, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Alt-Hohenschönhausen. Lauter Beifall, viele Lacher, beifällige Zurufe und viele (positiv beantwortete) Anfragen nach Selfies: Gregor Gysi wird am Mittwochabend, 16. Oktober, beim „19 Uhr Gespräch“ in den Orankesee-Terrassen gefeiert wie ein Popstar. Der Linken-Politiker, promovierter Jurist, ist der dritte Gast innerhalb der Gesprächsreihe, die der rührige Förderverein Obersee & Orankesee e.V. im Sommer gestartet hatte. Er stellt im Gespräch mit dem Initiator und langjährigen Vorsitzenden des Seenvereins (bis 2018), Dr. Jörg Ritter, die aktualisierte Neuausgabe seiner Autobiografie „Ein Leben ist zu wenig“ vor. In den vergangenen Monaten hatten beim „19 Uhr Gespräch“ bereits Lichtenbergs Bürgermeister Michael Grunst (Linke) und BVG-Chefin Sigrid Nikutta Rede und Antwort gestanden.

Das Publikum drängt sich

Grunst ist auch diesmal dabei. Er sitzt unter dem zahlreich erschienenen Publikum. Das drängt sich im Veranstaltungssaal des Restaurants bereits eine gute Stunde vor Beginn. Viele finden keinen Sitzplatz und müssen stehen, denn bisher werden für die kostenlose Veranstaltung keine Eintrittskarten vergeben. Das soll sich dieses Mal nicht bewähren, es gibt anfangs etwas Ärger, weil eigentlich reservierte Plätze einfach besetzt werden. Auch der Bürgermeister hat Mühe, seinen Stuhl zu verteidigen, als er sich ein Bier an der Theke holt.

Heiteres und Nachdenkliches

Doch als Gysi sich seinen Weg durch die Menge bahnt, scheinen die Unbequemlichkeiten vergessen. Denn der 1948 in Berlin Geborene ist beliebt, auch bei Menschen, die mit seiner Partei weniger am Hut haben. Geschätzt wird er nicht nur wegen seines langjährigen politischen Wirkens, sondern auch aufgrund seiner Qualitäten als Entertainer. Die stellt er auch an diesem Abend unter Beweis. Gysi schildert seinen Werdegang, gespickt mit zahlreichen Anekdoten (Warum wurde er vor dem Jura-Studium Rinderzüchter mit Abitur? Weil er für eine gewünschte Ausbildung als Kfz-Mechaniker damals zu jung war und überhaupt kein anderer Ausbildungsplatz mehr frei war. „Einer der Vorzüge: Ich kann auch mit Hornochsen umgehen.“ Er erzählt, wie er vor mehr als 20 Jahren fliegen lernte und von seinem Jungfernflug mit Lothar Bisky, dem damaligen Parteivorsitzenden, der dabei sehr, sehr still geworden war und erst auf der Erde seine Sprache wiederfand.

Doch nicht nur um heitere und weniger heitere Begebenheiten geht es, sondern auch um die Politik der Linken, um die politische Wende („Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Kohl und die CDU die Demokratie in die DDR gebracht haben, das waren die Demonstranten in Plauen und Leipzig!“), um das wiedervereinigte Deutschland und den Platz der Ostdeutschen in der Bundesrepublik. Gysi sagt, dass auch seine eigene Partei ostdeutsche Themen zu wenig besetze. Und er bedauert bis heute als einen Fehler bei der Wiedervereinigung: „Wir hätten damals die Chance gehabt, Deutschland in eine andere Rolle zu bringen, neutral und dann als Hauptvermittler weltweit bei Konflikten.“

„Lassen Sie mich noch erzählen…“

Jörg Ritter hat es nicht ganz leicht mit seinem Gesprächspartner. Denn immer, wenn er mit Blick auf die Uhr möglichst kurze Antworten anmahnt, erwidert Gysi: „Aber etwas muss ich dazu noch beisteuern…“ Man merkt, er hat vieles zwar schon oft und an vielen Orten erzählt, doch das Plaudern vor Publikum macht dem 71-Jährigen ersichtlich Spaß. Als Dank für den unterhaltsamen Abend bekommt er drei Flaschen Weißwein überreicht – zwei aus Ostdeutschland (Meißen und Unstrut) sowie eine Flasche aus dem Saarland. Dort ist Oskar Lafontaine zu Hause, mit dem Gysi zwar die Parteimitgliedschaft teilt, aber in politischer Hinsicht vielfach über Kreuz liegt. Er nimmt’s mit Humor und verweist auf die gute Qualität Saarländischer Weine: „Lassen Sie mich dazu noch erzählen…“

Am 21. November kommt Katarina Witt

Björn Döring, seit 2018 Vorsitzender des Fördervereins Obersee & Orankesee, ist erfreut über den Erfolg des Abends. Allerdings: Man muss aus Fehlern lernen. „Wenn so viel Andrang zu erwarten ist, müssen wir uns etwas einfallen lassen, eine kostenlose Kartenvergabe beispielsweise.“ Darüber wird noch zu reden sein. Denn bereits am 21. November findet als letzte Veranstaltung dieses Jahres in der Reihe „19 Uhr Gespräch“ in den Orankesee-Terrassen ein Abend mit Katarina Witt statt, Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Eiskunstlauf. Auch dann dürfte das Interesse groß sein.

Verein hat immer mehr Zulauf

Die Gesprächsreihe ist für den 2006 gegründeten Verein kostenneutral – die Gäste bekommen kein Honorar, den Raum stellt der Wirt der Orankesee-Terrassen unentgeltlich zur Verfügung. Es ist ein Angebot an die Hohenschönhausener – wie vieles andere, was der inzwischen mehr als 230 Mitglieder starke Verein organisiert. „Darunter sind übrigens zunehmend auch jüngere Leute“, sagt Döring. Die bekannteste Veranstaltung ist das Seenfest im September, das in diesem Jahr bereits zum 14. Mal stattfand. „Wir haben aber auch niedrigschwellige Angebote wie beispielsweise verschiedene Sportaktivitäten entwickelt“, sagt Björn Döring. Zusammengearbeitet wird inzwischen mit visit Berlin, dem offiziellen Tourismus-Portal der Hauptstadt. Dabei geht es unter anderem um Tourismusstrategien für Lichtenberg – und natürlich auch für die Gegend um Obersee und Orankesee. „Ein Mallorca-Feeling wie es sich am Weißen See entwickelt hat, wollen wir hier nicht“, sagt der Vereinsvorsitzende, der seit mehr als 20 Jahren als Kulturmanager in Berlin arbeitet und u.a. die zentrale Fête de la musique (LiMa+ berichtete) und die Berlin Music Week leitete. 2015 gründete er das buero doering als „Fachhandel für Ereignisse“.


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