Reinkarnation einer vergessenen Proto-Krautrockband

GIRLS 2019 im Orwohaus

24.01.2019, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn. Das Orwohaus an der Frank-Zappa-Straße ist immer für eine Überraschung gut. Am kommenden Sonnabend, 26. Januar, widmet es sich um 20 Uhr einer vergessenen südbayerischen Proto-Krautrock-Band, den GIRLS. 1967 gründete sich die Internationale Damen-Showband – vier junge Frauen aus Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz –  und spielte in Tanzhallen und Nachtcafés. Die Aufführung in Marzahn, die GIRLS auf ganz neue Art in Szene setzt,  wird für Überraschung sorgen, verspricht Maurice de Martin, der Initiator. Denn die beteiligten, national und international bekannten Künstler waren so noch nie auf einer Bühne zu sehen und zu hören. Sie treten als GIRLS 2019 auf – auf den Spuren der früheren Rockerinnen und doch ganz eigen in der Gegenwart. Sind sie auch alle Girls? On Stage schon, wenn sie sich unter das Publikum mischen, nicht. Es treten auf: Stella Mars (Susanne Sachsse; Bass/Voice), Vally Cloud (Hilary Jeffery; Trombone/Voice), Ida van Selbst (Dirk Dresselhaus; Guitar/Voice) und Moon de Marzahn (Maurice de Martin; Drums/Voice).

In Marzahn gut bekannt

Maurice de Martin, der im Orwohaus einen Probenraum hat und als Dozent an der Hochschule Bern lehrt, ist der Sohn der Bandleaderin Anny de Martin. In Marzahn-Hellersdorf ist er seit zehn Jahren durch Aktionen und Ausstellungen als Konzeptkünstler gut bekannt. Dass er auch ein professioneller  Musiker und Komponist ist, der bereits mit dem fünften Lebensjahr am Schlagzeug saß, wissen die wenigsten im Bezirk.  Nun bringt er den Groove von damals wieder auf die Bühne. Anlass dazu war, dass er vor einiger Zeit den Nachlass seiner bereits 1971 verstorbenen Mutter aus dem Familienarchiv erhielt. Und nach Gesprächen mit Kollegen und Experten zu dem Schluss kam, dass GIRLS eine frühe Quelle für das später als „Krautrock“ beschriebene Musikgenre waren. Der Begriff geht auf das Wort Sauerkraut und die abwertende Bezeichnung „Krauts“ für die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg zurück. Unter dem Genre wurde ab Ende der 1960er, Anfang der 1970er-Jahre die Rockmusik vor allem westdeutscher Bands eingeordnet, die teilweise auch international bekannt wurden. Allen klassischen Krautrockbands ist der Hang zu experimenteller, improvisationsgeprägter Musik gemein.

Swingender als die Nachfolger

Laut de Martin war der Stil der GIRLS etwas swingender als der ihrer Nachfolger. „Da waren Stücke, die ein ganzes Set von 45 Minuten andauerten, lange Solis und knifflige, oft ungerade Grooves, gemischt zum Teil mit extrem rauen Gitarrentexturen, exaltierter Gesang mit kryptischen Texten zwischen Liebe, Tod und Heimat“, erzählt er. „Es wurde mit Choreographie und mit Bühnen-, Licht- und Playback-Sounddesign experimentiert.“ Zudem standen die GIRLS in selbstgeschneiderten Kostümen auf der Bühne, die man irgendwo zwischen Marlene Dietrich und The Clockwock Orange anordnen konnte.

Debütalbum nie veröffentlicht

GIRLS spielten in der Provinz auf. „Das Bandtagebuch deutet darauf hin, dass ihr Auftreten und ihre Musik das Publikum polarisierte“, sagt de Martin. Das habe einerseits zu heftigen Auseinandersetzungen  mit Veranstaltern geführt, andererseits Liebesbotschaften aus dem Publikum gebracht. „Diese wurden in den Pausen auf die Snare Drum oder in die Bass Drum gelegt.“ Ihr Debut-Album nahmen sie im Studio einer später weltbekannten deutschen Elektropop-Band auf. Zu einer Veröffentlichung sei es wegen des plötzlichen Todes von Anny de Martin im Alter von nur 23 Jahren aber nie gekommen, sagt ihr Sohn.

Familiengeschichte als Kunstwerk des 21. Jahrhunderts

De Martin hat sich seiner Familiengeschichte gestellt – und diese zu einem ganz eigenen Kunstwerk des 21. Jahrhunderts gemacht. Die GIRLS 2019, die am Sonnabend auf der Bühne stehen, sind Kunstgestalten und gleichzeitig eine Re-Inkarnation der GIRLS von damals. Die elf Stücke, die sie bringen werden, entstanden im vergangenen Jahr. „Sie erinnern an das historische Material. Das Tour-Tagebuch und die Liebesbotschaften wurden alle in Musik transformiert“, sagt de Martin, der selbst am Schlagzeug seiner Mutter sitzt – einem Set, wie es in den 60er-Jahren auch Ringo Starr von den Beatles nutzte. Er sieht die Aufführung als Hommage an Anny de Martin – und gleichzeitig auch als eine Art Geburtstagsgeschenk für sich selbst. Der Künstler wird in diesem Jahr 50.

Hommage an die Peripherie

Dass das Pilotkonzert (weitere sind geplant, im nächsten Jahr ebenfalls eine Platte) in Marzahn stattfindet und nicht in der City oder in Szenebezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg oder Neukölln, zeige seine Verbundenheit mit dem Stadtteil, sagt Maurice de Martin. Und es sei auch eine politische Geste: Er möge Orte an der Peripherie, die künstlerisch noch nicht so überfüttert seien. „Wenn die Szene uns sehen will, muss sie herkommen.“ Er hoffe aber auch auf Publikum aus Marzahn-Hellersdorf, „um Menschen zusammenzubringen, die sonst üblicherweise nicht zusammenfinden“.

Das Konzert beginnt um 20 Uhr im Orwohaus, Frank-Zappa-Str. 19, 12681 Berlin. Eintritt: 10 Euro.

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