Neues Buch zur Bezirksgeschichte aus dem Lichtenberg-Museum

Gewinn und Verlust

04.12.2013, Birgitt Eltzel

“Lichtenberg – kurze Geschichte eines Bezirks” hat der promovierte Historiker Jürgen Hofmann seine neueste Publikation genannt. Der Autor, Jahrgang 1943, Prof. Dr.sc. phil., ist Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin und seit 1995 für die Partei Die Linke im Bezirksparlamente von Hohenschönhausen und Lichtenberg. Der 188 Seiten dicke Band, reich bebildert und mit vielen historischen Karten und Dokumenten versehen, gibt einen Abriss über die 725-jährige Historie Lichtenbergs.


Lichtenberg mal größer, mal kleiner

Am spannendsten ist jedoch, nachzulesen, wie oft sich seit 1920 das Territorium veränderte – Lichtenberg wurde groß, dann wieder kleiner und gewann schließlich wieder Land dazu. Auch Marzahn-Hellersdorf gehörte noch bis 1979 zu Lichtenberg. Unsere Online-Zeitung LichtenbergMarzahnPlus.de greift diese Tradition auf, ebenso wie die Wirtschaft, die unter dem Namen berlin eastside ein gemeinsames Marketing für Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf gestartet hat.

Landgewinn und -verlust kennzeichnen nach Hofmanns Recherchen die Geschichte von Lichtenberg, das erstmals 1288 urkundlich erwähnt wurde. Das frühere Dorf hatte sich schon im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zur Industriegemeinde gewandelt. Richtig groß wurde es aber erst 1920. Damals schloss sich bekanntlich die Stadt Berlin mit nahen Landgemeinden und Städten zu Groß-Berlin zusammen. Zwar hatte Lichtenberg, damals noch Landgemeinde, 1878 und 1898 noch Teile seiner Gemarkung für den Bau des Zentralviehhofs an Berlin und die Gemeinde Boxhagen-Rummelsburg abgeben müssen. Doch schon 1912 bekam es, da schon fünf Jahre lang Stadt, letztere zurück – und acht Jahre später als Verwaltungsbezirk von Groß-Berlin noch ausgedehnte Flächen dazu. Karlshorst beispielsweise, das zu diesem Zeitpunkt bereits Teil der Gemeinde Friedrichsfelde war. Aber auch die Gemeinden Biesdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf, Marzahn sowie die Gutsbezirke Biesdorf, Hellersdorf und Wuhlgarten (alle vorher Kreis Niederbarnim) kamen zum 17. Berliner Verwaltungsbezirk. „Lichtenberg bildete dessen Zentrum und gab ihm seinen Namen“, sagt Hofmann.


Grenze verlief entlang der Landsberger Chaussee

Mit rund 79 Quadratkilometern erreichte der Bezirk damals seine größte Ausdehnung. Er zog sich vom dicht bebauten innerstädtischen Quartier Boxhagen innerhalb der Ringbahn bis an die östliche Stadtgrenze. Doch schon nach wenigen Jahren schrumpfte er wieder. Lichtenberg musste den innerhalb des Stadtbahnrings gelegenen Boxhagener Teil von Rummelsburg abgeben. „Dieser wurde dem von den Nationalsozialisten nach Horst Wessel benannten Verwaltungsbezirk Friedrichshain zugeordnet“, so Hofmann. Das Gebiet südlich der Siedlung Wilhelmsberg ging an Weißensee, dafür bekam Lichtenberg dann die Siedlung Weiße Taube. Die Grenze zwischen beiden Bezirken verlief fortan entlang der Landsberger Chaussee, heute Landsberger Allee.


Einst bevölkerungsreichster Stadtbezirk Ost-Berlins

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb der Bezirk unverändert – erst 1965 kam das Gebiet südöstlich der heutigen Landsberger Allee vom S-Bahnhof bis zur jetzigen Karl-Lade-Straße und nordöstlich bis zur Fußgängerbrücke an der Storkower Straße von Prenzlauer Berg zu Lichtenberg. Im März 1975 wurde die 1938 fixierte Grenze zu Weißensee abermals verändert – für den Bau des Neubaugebietes Fennpfuhl. Die Bezirksgrenze, so schreibt Hofmann, verlief nun von der südlichen Begrenzung des jüdischen Friedhofs über den Weißenseer Weg zur Landsberger Allee, damals Leninallee. Ein weiterer Gewinn für Lichtenberg, das seinerzeit neben Köpenick der territorial größte Stadtbezirk Ost-Berlins war. Und der bevölkerungsreichste, auch dank der neuen Plattenbausiedlungen am Tierpark, am Fennpfuhl und an der Frankfurter Allee.


53 Quadratkilometer an Marzahn abgegeben

Dafür war vier Jahre später der Verlust umso bedeutender: Denn mit der Bildung des Bezirks Marzahn am 5. Januar 1979, zu dem auch Hellersdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf und Biesdorf kamen, verlor Lichtenberg ein Gebiet von 53 Quadratkilometern – 67 Prozent seiner Fläche. Erst mit der Bezirksfusion von 2001, als Hohenschönhausen mit dem Altbauteil und der Großsiedlung sowie den Dörfern Malchow, Falkenberg und Wartenberg, mit Lichtenberg zusammengeschlossen wurde, erreichte der Bezirk wieder annähernd seine einstige Größe.
Nur wenige Monate hieß er übrigens Lichtenberg-Hohenschönhausen. Denn schon im Juni 2001 stimmte das Bezirksparlament für den kürzeren Bezirksnamen Lichtenberg – ein Schritt, den außer Pankow (Prenzlauer Berg, Weißensee, Pankow) kein anderer Fusionsbezirk in Berlin bisher gewagt hat. Das ursprüngliche Lichtenberg, wo 725 Jahre zuvor alles begann, heißt seitdem zur besseren Unterscheidung Alt-Lichtenberg.

Lichtenberg – kurze Geschichte eines Berliner Bezirks, Herausgeber: Museum Lichtenberg. Preis: 20 Euro. Erhältlich im Museum, Türrschmidtstraße 24, und in ausgewählten Buchhandlungen von Lichtenberg und Hohenschönhausen, ISBN 978-3-00-043170-8.

 

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