Bei der Hellersdorfer „Grünen Mitte“ geht es nicht nur ums Wohnen

Genossenschaft baut eigenes Theater

23.11.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Grüne Mitte (1,6,7), Birgitt Eltzel (2-5)

Hellersdorf. Die Wohnungsgenossenschaft „Grüne Mitte“ hat mit diesem Jahr ihren gesamten Bestand komplett saniert: Alle Häuser in den sieben Siedlungshöfen zwischen Zossener, Eisenacher und Alte Hellersdorfer Straße sind nun modernisiert, erhielten u.a. Fahrstühle und neue Fassaden. Die 1995 gegründete und 1996 ins Genossenschaftsregister eingetragene Genossenschaft kümmert sich jedoch nicht nur um ihre 2.700 Wohnungen in der Großsiedlung Hellersdorf. Mit Kunst am Bau, schön gestalteten Grün- und Spielflächen will sie ihren Mitgliedern und Mietern das Leben im Kiez angenehm gestalten. So entstanden als Hingucker nicht nur die weithin sichtbaren Sonnenblumenhäuser an der Zossener Straße und die lustigen Mäneken, die Fassaden von Fünfgeschossern erklimmen. Die „grüne Mitte“ will auch das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer, das von der Alice-Salomon-Hochschule verschwinden musste, als hinterleuchtetes Fassadenkunstwerk an einem ihrer Wohngebäude anbringen (wir berichteten).

„Einfach ein bisschen glücklich sein“

„Zum Leben gehört mehr als eine gute Wohnung“, sagt Vorstand Andrej Eckhardt. Nicht umsonst laute das Credo der Genossenschaft „Einfach ein bisschen glücklich sein“. Dazu zähle, den Mitgliedern und Mietern auch einen Mehrwert zu bieten – mit Kunst und auch mit den verschiedensten Events. So wurde das Sommerfest 2018 im „Spreespeicher“ an der Oberbaumbrücke gefeiert, gab und gibt es regelmäßige Veranstaltungen im genossenschaftseigenen Kulturtreff an der Fercher Straße 2A – vom Spielcafé über Line Dance bis zum Candlelight-Dinner. Jetzt will die „Grüne Mitte“ noch eins draufsetzen: Sie baut sich ihr eigenes Theater, einen Flachbau, der die Punkthäuser Luckenwalder Straße 7 und 3 verbinden wird. An deren Fassaden wurden übrigens bei der Sanierung in diesem Jahr Vertikalbegrünungen angebracht. Diese sind nur etwas fürs Auge, sondern leisten auch einen Beitrag zu einem gesunden Mikroklima.

Kunst und Kulinarisches

Auch das künftige Theater wird eine Dachbegrünung erhalten. Das Wichtigste jedoch ist der große Saal mit 199 Plätzen. So eine Einrichtung fehle in Hellersdorf, sagt Vorstand Eckhardt. In der Großsiedlung gebe es nur das Kulturforum in vergleichbarer Größe, das voraussichtlich noch bis Herbst nächsten Jahres wegen Sanierung geschlossen ist. Eckhardt sagt: „Unser Veranstaltungshaus wird eine hochwertige Ausstattung erhalten, mit Marmor, Vergoldung und stoffbespannten Wänden. Man soll Lust haben, sich schick anzuziehen und dort einen schönen Nachmittag oder Abend zu verbringen.“ Inspirieren lassen habe man sich ein wenig vom Varieté Wintergarten an der Potsdamer Straße. Wie dieses das Genossenschafts-Theater eine Kombination von Spielstätte und Kulinarik sein. Der Bau der Einrichtung hat bereits begonnen, im Herbst 2019 soll sie fertig sein. „Unser Ziel ist es, Anfang 2020 mit dem Programm zu starten“, sagt Eckhardt. „Wir sitzen schon an der Veranstaltungsplanung.“

Sonntags zum Frühstück ins Genossenschafts-Café

Über die Kosten des Neubaus will er allerdings nicht reden. Die Genossenschaft könne ihn sich aber leisten, versichert Andrej Eckhardt. Im vergangenen Jahr betrug der erwirtschaftete Überschuss zwei Millionen Euro, für 2018 wird ein ähnliches Ergebnis erwartet. Das Geld setzt die Genossenschaft u.a. ein, um die Mieten stabil zu halten (5,50 Euro pro Quadratmeter nettokalt für langjährige Mitglieder, ab 7,50 Euro für Neu-Mieter frisch komplettsanierter Wohnungen), um Kredite abzulösen – und für das gewisse Plus. Zu dem übrigens aktuell nicht nur der Theaterneubau gehört, sondern auch ein genossenschaftseigenes Café an der Fercher Straße 2B. Das nett ausgestattete „Café Sonnenschein“ gibt es zwar schon, aber bisher hatte es nur stundenweise unter der Woche geöffnet. Nun soll es in Kürze auch von Donnerstag bis Sonntag Cafébetrieb mit kleinem Speisesortiment geben. „Dann wird man sich dort auch am Sonntag zum gemütlichen Frühstück treffen können, so wie es beispielsweise in Prenzlauer Berg oder Kreuzberg üblich ist,“ sagt Eckhardt. Eine Gastronomiefachkraft hat die Genossenschaft bereits eingestellt.

Eine der wenigen Neugründungen nach 1990

Die „Grüne Mitte“ gehört zu den wenigen Genossenschaften, die in Berlin nach der Einheit 1990 gegründet wurden. Sie entstand nach langwierigen Kämpfen im Zuge des umstrittenen Altschuldenhilfegesetzes . Wohnungsunternehmen mussten damals zur Entlastung von Verbindlichkeiten aus DDR-Zeiten, die eigentlich nur als Buchwerte bei der DDR-Staatsbank standen, 15 Prozent ihrer Wohnungen verkaufen. Die Bestände der „Grünen Mitte“ gehörten einst zur kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Hellersdorf (WoGeHe), die später von der ebenfalls landeseigenen Stadt und Land Wohnbauten Gesellschaft erworben wurde. Es sind die einzigen Bestände der WoGeHe, die in eine Genossenschaft überführt wurden. Andere wurden an private Unternehmen veräußert und von diesen mehrfach weiterverkauft wie z.B. die Häuser, die jetzt dem schlecht beleumdeten Konzern Deutsche Wohnen gehören. Für die Genossenschaftsgründung hatten sich Mieter stark gemacht, unterstützt insbesondere von der damaligen PDS (heute Linke). Eines der Gründungsmitglieder war die Bundestagsabgeordnete Petra Pau (Linke). Günstig bekam die Genossenschaft die unsanierten Plattenbauten, die eine lange Mängelliste aufwiesen, jedoch nicht: Sie sollte zunächst 650 D-Mark pro Quadratmeter zahlen, erst nach aufwendigem Nachweis der Schäden in und an den Häusern sank der Quadratmeter-Preis dann auf 500 DM.

 

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