Vor zehn Jahren begann der Stadtumbau

Gelungene Verschönerungskur

26.01.2014, Klaus Tessmann

Fotos: Klaus Tessmann

Marzahn-Hellersdorf. Der Januar vor zehn Jahren wird vielen Marzahnern sicherlich in Erinnerung bleiben. Nur 25 Jahre nach Gründung des Bezirks begann damals der großflächige Abriss von Wohngebäuden, Kitas und Schulen. Am 19. Januar 2004 rollten die Bagger durch die Havemannstraße. Der einst von vielen Bewohnern kritisierte Stadtumbau gehört zu einer Erfolgsgeschichte, bei der mit den „Ahrensfelder Terrassen“ etwas Neues aus der „Platte“ entstand.

Anfangs ein Tabu

Viele Bewohner von Marzahn-Nord hatten sich zuvor in einer Bürgerinitiative engagiert und dem Senat wichtige Entscheidungen abgerungen. Denn das Thema Abriss kam nicht unerwartet. Bereits im Februar 2002 – also zwei Jahre zuvor – hatte der damalige Stadtrat für ökologische Stadtentwicklung, Heiner Niemann (PDS),  öffentlich erklärt, dass „wir uns auch mit dem Abriss beschäftigen müssen“. Beim Stammtisch des Marzahn-Hellersdorfer Wirtschaftskreises am 17. April 2002 nannte er erstmals auch Zahlen. Bis dahin war für den Bezirk das Thema ein Tabu gewesen. So sagte Niemann, dass 10.000 bis 12.000 Wohnungen in Marzahn-Hellersdorf leer stehen. Das waren vor allem unsanierte, schwer vermietbare Wohnungen. Diese konzentrierten sich vor allem auf die Havemannstraße und das Kienbergviertel in Marzahn sowie auf das Wohngebiet rund um das Hellersdorfer Gut und an der Alten Hellersdorfer Straße. Niemann verwies damals schon auf Pläne zum Umbau von elfgeschossigen Wohngebäuden zu Terrassenhäusern. Er forderte die Wohnungsunternehmen auf, nicht leichtfertig mit dem Thema Abriss umzugehen.

Konkrete Adressen veröffentlicht

Im Spätsommer 2002 kam Marzahn dann in die Schlagzeilen. Bis zu 3.000 Wohnungen sollten abgerissen werden. Eine Tageszeitung hatte zum Ende der Sommerferien genaue Straßen und Hausnummern veröffentlicht. Doch gerade diese Häuser waren gut vermietet. Das Bezirksamt Marzahn forderte in einer Erklärung vom 10. September 2002 den Senat und die Wohnungsgesellschaft Degewo zu einer Richtigstellung auf.  Von Bausenator Peter Strieder (SPD) verlangte  das Bezirksamt ein tragfähiges und abgestimmtes Rückbaukonzept, das auch finanzierbar ist.

Auf einem Bürgerforum im Juni 2002 hatte die drei Geschäftsführer der kommunalen Wohnungsgesellschaften übereinstimmend erklärt, dass sie Leerstandsprobleme nur in den Quartieren haben, in denen noch nicht saniert wurde. Andere Ursachen waren nicht bedarfsgerechte Wohnungsgrößen und Wohnungsschnitte.

Zwölf Mitarbeiter für Umzugsberatung

Bis Dezember 2002 waren schon die Umzugswagen in der Havemannstraße gerollt. Über 300 Bewohner hatten „freiwillig“ das Gebiet verlassen. Die WBG Marzahn hatte inzwischen ein Beratungsbüro für Umzugswillige mit zwölf Mitarbeitern eingerichtet. Mit etwa 500 Mietern waren schon konkrete Gespräche geführt worden. Das Vorgehen des Vermieters wurde vom Bewohnerbeirat scharf kritisiert. Seine Sprecherin Petra Oelsner betonte: „1.000 Wohnungseinheiten werden platt gemacht, um 500  Wohnungen neu entstehen zu lassen.“ Das sei ein Missverhältnis, die Einwohner hätten das Gefühl, dass sie mit Macht vertrieben werden sollen. Außerdem kritisierte der Bewohnerbeirat, dass alle angebotenen Ersatzwohnungen teurer waren als die alten.

Anfang 2003 wurde es dann konkret: 2.428 Wohnungen müssen in Marzahn abgerissen werden, sagte der damalige Geschäftsführer der Degewo-Tochter WBG Marzahn, Wolfgang Dobberke. 1.000 davon lagen in Marzahn-Nord rund um die Havemannstraße.  Monica Schümer-Strucksberg, Referatsleiterin beim Bausenator, betonte: „Kein Abriss wäre die schlechteste Lösung.“

Aus elf mach fünf

Das Problem: Für den geplanten Abriss standen Bundesmittel zur Verfügung, aber für die Sanierung und Modernisierung der verbleibenden Wohnungen war kein Geld da. Durch die Unsicherheit verließen immer mehr Menschen Marzahn-Nord. Allein dort erhöhte sich ab Oktober 2002 der Leerstand auf 56 Prozent. Im April 2003 forderte die Bürgerinitiative „Mieterschutz Marzahn-Nord“ in einem offenen Brief an Bausenator Strieder, dass es nicht nur beim Abriss bleiben darf. Der Sprecher der BI, Hans-Jürgen Henning, stellte fest, dass lediglich die etwa 3 Millionen Euro für die Abrissmaßnahmen genehmigt, aber die entscheidenden Mittel für die Sanierung der zurückgebauten Häuser immer noch nicht bewilligt wurden. Auf eine Antwort des Senators wurde lange vergeblich gewartet. „Es ist die Arroganz der Macht“, kommentierte Baustadtrat Svend Simdorn (CDU). Der Ausschuss Bauen und Wohnen des Bezirksparlaments hatte seine Tagung am 14. Mai 2003 extra in die Quartiersagentur nach Marzahn-Nord verlegt. Rückbau und Aufwertung des Quartiers müssten eine Einheit bilden, forderte der Ausschuss.

Im Juni 2003 kam dann endlich die Entscheidung des Senators. „Aus elf mach fünf“ hieß ab sofort die Devise. Im Wohnquartier Marzahn-Nord konnte ein Teil der elfgeschossigen Bauten entlang der Havemannstraße zu Häusern mit drei bis fünf Geschossen umgebaut werden. Der Senator hatte entschieden, Mittel aus dem Bundesprogramm „Stadtumbau Ost“ für den sogenannten Rückbau einzusetzen.  Rund 1.500 Wohnungen sollten abgerissen werden. Davon betroffen waren fast alle elfgeschossigen Wohnbauten rund um die Havemannstraße.

30 Millionen Euro

Am 16. Dezember 2003 erfolgte dann offiziell der Start für das erste komplexe Stadtumbau-Ost-Projekt der Hauptstadt. In Marzahn-Nord sollten in den kommenden Monaten durch Abriss und Umbau die „Ahrensfelder Terrassen“ entstehen. Bauherr für diese moderne Wohnanlage mit 409 marktgerechten Wohnungen war die WBG Marzahn. Als erstes Berliner Wohnungsunternehmen hatte sie ein Projekt im Rahmen des Stadtumbau Ost entwickelt. In seiner Größenordnung ist dieses Projekt bisher einmalig in Deutschland.

Ab dem 19. Januar 2004 drehten sich die Kräne, um die Platten  Stück für Stück abzutragen. Im März 2004 war in der Eichhorster Straße 56 bereits die erste Musterwohnung fertiggestellt. Die Gesamtkosten für das Projekt „Ahrensfelder Terrassen“  betrugen rund 30 Millionen Euro. Davon kamen 10 Millionen aus dem Modernisierungsprogramm des Senats, die Abrisskosten wurden aus dem Bundesprogramm Stadtumbau Ost getragen, weitere zehn Millionen von der Degewo.
Im Mai 2004 fiel eine weitere Entscheidung:  Die „Ahrensfelder Terrassen“ sollten um 38 Eigentumswohnungen erweitert werden. Damit hatte sich die Auffassung der Bürgerinitiative durchgesetzt. Denn nach ursprünglichen Planungen sollte der Wohnblock Rosenbecker Straße 10-22 komplett abgerissen werden.

Vorzeigeprojekt mit Dachterrassen

Im September 2004 hatte es sich dann herumgesprochen: Aus der Schmuddelecke Marzahn-Nord war das Vorzeigeprojekt „Ahrensfelder Terrassen“ geworden. Immer mehr Möbelwagen prägten das Bild links und rechts der Havemannstraße. Immer mehr Wohnungen in den Ahrensfelder Terrassen wurden fertig. Auch viele ehemalige Bewohner kehrten zurück. Das war dann auch ein Grund für Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit  (SPD), Ende September 2004 einen Blick auf das Baugeschehen zu werfen. Er bezeichnete das Projekt Ahrensfelder Terrassen als Beispiel für einen gelungenen Stadtumbau. Die Fördermittel seien hier „gut angelegtes Geld“, betonte er. An der 50. Wohnung, die zu diesem Zeitpunkt übergeben wurde, bewunderte er vor allem die große Dachterrasse im dritten Stock.

Wohnungen schon wieder knapper

Wegen Leerstandes wurden in Marzahn-Hellersdorf bis 2010 rund 4.700 Plattenbauwohnungen abgerissen. Dafür gab es Fördergeld aus dem Bundesprogramm Stadtumbau Ost. Auch etwa 80 Schulen, Kitas und öffentliche Gebäude mussten weichen. Der Wohnungsleerstand betrug rund 15 Prozent. Jetzt ist es auch in Marzahn-Hellersdorf schwerer geworden, Wohnungen zu finden – die Leerstände bei den Unternehmen liegen zwischen 2 und 3 Prozent. Durch Zuzüge vergrößert sich laut Bürgermeister Stefan Komoß die Bevölkerung seit 2011 um 2.000 bis 3.000 Menschen pro Jahr, schon müssen wieder neue Kitas und Schulen gebaut werden.

 

 

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