Soziale Stadtentwicklung: Gelbes Viertel unter Beobachtung

Wo die Armut wohnt

09.06.2020, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Hellersdorf. Gegenüber von Mäc-Geiz sitzen zwei Männer mit Bierflaschen in den Händen auf einer Bank, 1,50 Meter Corona-Abstand zwischen sich. Eine Frau schiebt einen alten Mann im Rollstuhl, eine Mutter mit Kind schleppt schwere Einkaufstüten. Vor der Tür des seit 2014 geschlossenen “Haus der Gesundheit” an der Etkar-André-Straße steht ein vietnamesischer Zigarettenhändler. Obwohl er an der frischen Luft ist, trägt er einen Mund-Nasenschutz. Eine Momentaufnahme an einem Vormittag im Gelben Viertel von Hellersdorf.

Kiez ist abgerutscht

Das Wohngebiet zwischen den U-Bahnhöfen Kienberg und Cottbusser Platz sowie der Carola-Neher-Straße ist abgerutscht. Nach den Daten des Monitorings Soziale Stadt 2019 gehört der Kiez nun zu den 42 Vierteln in Berlin, die als Gebiete ausgewiesen werden, die besonderer Aufmerksamkeit und Förderung bedürfen. Alle zwei Jahre lässt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen solche Sozialdaten erheben. Insgesamt 436 Berliner Kieze, die im Bericht als Planungsräume bezeichnet werden, wurden durchleuchtet. Ermittelt wurde der soziale Status der Gebiete – von 1 (hoch) bis 4 (sehr niedrig). Auch die Dynamik von Veränderungen wurden erfasst unter positiv, stabil, negativ. Zentrale Indikatoren dafür waren: Hartz-IV-Bezug und weitere Transferleistungen sowie Kinderarmut. Betrachtet wurden auch weitere Faktoren wie Jugendarbeitslosigkeit, Alleinerziehende und Altersarmut.

QM Alte Hellersdorfer Straße ab 2021

Zwei Gebiete mit sehr niedrigem Sozialstatus hat Marzahn-Hellersdorf seit 2017: den Dreh um die Hellersdorfer Promenade und die Alte Hellersdorfer Straße. Die erste ist schon ein Quartiersmanagement (QM)-Gebiet, die Alte Hellersdorfer Straße wird es ab 2021. Mit den QM können durch das Programm Soziale Stadt und andere Fördermöglichkeiten Verbesserungen für die Bewohner im Kiez erreicht werden. Gefestigt hat sich nach dem Bericht des Monitorings die Situation in den Gebieten Marzahn-Nord (Havemannstraße) und Marzahn-West. Seit 2017 lautet der Sozialstatus nur noch „niedrig“ statt „sehr niedrig“ und er ist stabil. Das seit 1999 dort bestehende QM wird nun ebenso wie das an der Mehrower Allee abgewickelt – zugunsten von Gebieten, die eine solche spezielle Förderung dringender benötigen.

Negative Dynamik

Das Gelbe Viertel hat 2019 nach den vorliegenden Daten ebenfalls den Sozialstatus niedrig – allerdings mit negativer Dynamik. Sprich: Hier muss eingegriffen werden, damit kein weiteres Abrutschen passiert. Allerdings gab es bereits nach der Veröffentlichung des Monitorings 2015 ähnliche Erkenntnisse. Auch damals wurde das Viertel zu den Kiezen gezählt, die unter besondere Beobachtung gestellt wurden. 2017 besserte sich das ein wenig, nun zeigen die Sozialdaten erneut eine Verschlechterung an. Die Armut ist wieder größer geworden, obwohl die Arbeitslosigkeit in Berlin und auch im Bezirk beträchtlich zurückgegangen ist. Warum das ausgerechnet in diesem Kiez so ist und beispielsweise im benachbarten QM-Gebiet Boulevard Kastanienallee eine stabile Entwicklung, wenn auch auf niedrigem Niveau, verzeichnet wird, ist unklar. Vielleicht liegt es daran, dass viele Wohnungen im Gelben Viertel der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land gehören – und damit noch recht preiswert für Arbeitslose und Transferleistungsbezieher sind.

Dennoch deutet vieles auf Aufbruch

Dennoch deutet vieles auf Aufbruch im Wohngebiet. Die Stadt und Land hat bereits etliche Häuserfassaden saniert, neue Balkonbrüstungen angebracht. Denn das Quartier war zwar in den 1990er-Jahren ganz besonders gestaltet worden: Für ein unverwechselbares Aussehen sorgten von Indianern aus Brasilien eigens gefertigte Kachel an den Wänden. Loggien und Hauseingänge waren aus Holz nach brasilianischem Vorbild gestaltet worden. Doch mit den Jahren kam der Verfall: Immer mehr Kacheln gingen kaputt und fielen ab, das Holz wurde morsch. Jetzt wurde eine kostengünstigere und haltbarere Variante gewählt: Die Fassaden sind neu verputzt und gestrichen, die Balkonbrüstungen aus buntem Plastikglas und die Eingänge sind zwar immer noch luftig, aber aus Metall. „Sieht wieder ganz gut aus“, sagt eine Frau, die gerade auf dem Weg ist, ihre Tochter vom coronabedingten, reduzierten Schulunterricht abzuholen. Ihr Haus gehört zu denen, die bereits in Ordnung gebracht wurden. Andere im Quartier werden noch folgen.

Noch keine Lösung für “Haus der Gesundheit”

Fast fertig ist auch der Neubau einer Handelseinrichtung an der Neuen Grottkauer Straße, in die der bisherige Rewe-Markt einziehen soll. Und auch beim Hellersdorfer Corso, einem Einkaufszentrum, das lange durch Leerstand geprägt war, tut sich etwas. Dort wird die Bibliothek Kaulsdorf-Nord, die ihr bisheriges Domizil am Cecilienplatz wegen eines geplanten Neubaus verlassen muss, einziehen. Voraussichtlich am 1. September findet die Neueröffnung statt. Und auch am Kulturforum Hellersdorf an der Carola-Neher-Straße 1 ist ein Baufortschritt zu erkennen. Das 2018 geschlossene Haus wird für 2,2 Millionen Euro saniert und soll künftig als kommunales Kulturhaus dienen. Einzig für einen zentralen Schandfleck, das wegen Brandschutzmängeln seit sechs Jahren leerstehende “Haus der Gesundheit”, gibt es bisher noch keine Lösung. Die Berliner Immobilienlenmanagement (BIM) GmbH hatte die Kosten einer Sanierung auf 20 Millionen Euro geschätzt.

Daten und Fakten aus dem Monitoring:

Untersucht wurden 436 Planungsräume in Berlin. Ausgeschlossen wurden dabei Gebiete mit weniger als 300 Einwohnern wie z.B. Tegeler Forst oder Gewerbegebiet Bitterfelder Straße.

42 Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf wurden gegenüber 2017 ausgewiesen, 7 darunter neu. 9 Gebiete wurden nicht mehr so definiert.

3 Gebiete in Marzahn-Hellersdorf befinden sich unter den 42 ausgewiesenen Gebieten mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf. Für Lichtenberg wurde kein Gebiet so ausgewiesen.

47 Gebiete in Berlin wurden als Planungsräume mit niedrigem sozialen Status ausgewiesen, 67 mit hohem sozialen Status. Zwei Drittel aller Planungsräume haben durchschnittlichen oder mittleren Status.

Von 53 Planungsräumen in Großsiedlungen haben nur 24 niedrigen oder sehr niedrigen Status, also weniger als die Hälfte.

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