Drinnen + draußen

Gelassenheit heißt die Devise

07.10.2018, Linna Schererz

Foto: Linna Schererz

„Am schönsten ist der Urlaub, wenn man an zu Hause denkt“, hat die Mutter immer gesagt. Als Kinder haben wir das nicht verstanden. Am schönsten ist im Urlaub doch der Urlaub und nichts sonst, dachten wir immer. Heute, einigermaßen gereifter, wird uns klar, was sie damals meinte. Denn die Sorgen und Ärgernisse unseres Alltags gewinnen eine ganz andere Dimension, wenn man relaxt betrachten kann, womit sich andere so herumplagen müssen. Und dennoch damit (halbwegs) entspannt umgehen.

Bus-Schlange – Fahrer macht Pause

In Bella Italia beispielsweise, wo wir unsere letzten Ferien verbrachten. Unsere Landung auf dem Flughafen Neapel funktionierte ganz gut, die Fahrt zum Hafen dagegen ließ Berliner Kümmernisse ziemlich blass aussehen. Nicht nur dass sich eine mindestens hundert Meter lange Schlange an der Bushaltestelle gebildet hatte. Der Bus kam auch irgendwann (laut Fahrplan hätte es eine runde halbe Stunde eher sein müssen). Doch dann machte der Fahrer erst einmal ausgiebig Pause. Muss ja auch sein. Was hierzulande wohl eine Revolte hervorgerufen hätte, veranlasste die Neapolitaner nur zu einem müden Schulterzucken: Ist halt so. Unruhig wurden nur die Ausländer, die mit dicken Koffern herumstanden und auf eine der Inseln im Golf wollten. Dabei fahren dorthin immerzu Fähren und Tragflächenboote. Wozu sich also aufregen, auch wenn sich im nach gehöriger Wartezeit startenden Bus die Menschen sich sehr, sehr nahe kamen. Außerdem hätte man ja nicht so geizig sein müssen und ein Taxi nehmen können. Schließlich kamen die Taxifahrer oft genug mit ihren Offerten zu den Schlangestehenden.

Rätselraten um den richtigen Kai

Im Hafen ging’s weiter. Während die elektronische Infotafel die Abfahrt des Schiffes für Mole 7 beschrieb, sagte eine Lautsprecherstimme etwas von Mole 1. Dort wiederum nahm eine energische Dame die Passagiere ins Schlepptau zu einer Abfahrtsstelle am Hafenende. Warum, wurde nicht erklärt. An der Anzeigetafel blieb der ursprüngliche Kai angezeigt – ein schönes Verwirrspiel, das die meisten Passagiere mit stoischem Gleichmut begleiteten: Ist eben so. Nur kurz vor Abfahrt sprang noch ein gut gekleideter Italiener quasi im letzten Moment auf den Kahn, sehr erregt. Die anderen Mitreisenden betrachteten ihn amüsiert – die Inländer wohl, weil er das Chaos nicht bewältigt hatte (kommt bestimmt aus Mailand, tuschelte mein Nachbar), die Ausländer, weil sie stolz darauf waren, sich trotzdem zurechtgefunden zu haben.

Wie Fische in der Sardinenbüchse

Das Ist-eben-so konnten wir auch auf unserer Ferieninsel erleben. Dort verkehren Busse, die einen an jeden Ort der Isola bringen. Theoretisch. Denn dazu muss man es erst einmal schaffen, in das Fahrzeug zu gelangen. Dort drinnen drängen sich die Fahrgäste nämlich wie Fische in einer Sardinenbüchse, egal, auf welcher Strecke und zu welcher Tageszeit. Die meisten sind übrigens Feriengäste, weshalb die Freundlichkeit der Insulaner eindeutig zu bewundern ist. Zudem sind die Haltestellen ziemlich abenteuerlich. Es gibt kaum Gehwege, man steht halt ein kleines Stück auf der Fahrbahn und atmet den Feinstaub ein, der dort wegen unablässig verkehrender Dieselautos und Zweitakter in einer Konzentration verbreitet wird, die in Berlin wohl noch nie registriert wurde. Ist eben so.

Mit Macken leben und wenig meckern

Trotzdem haben wir uns auf der schönen grünen Insel gut erholt. Wir haben gelernt, mit ihren Macken zu leben und wenig zu meckern. Vielleicht gelingt es uns ja, diese Gelassenheit in Berlin weiter zu pflegen. Dann wäre der Urlaub richtig gelungen.

 

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