Eine jahrhundertealte Geschichte der Migration

Geflüchtet, zwangsangesiedelt, zugewandert

12.03.2015, Linna Schererz

Fotos: Linna Schererz

Marzahn-Hellersdorf. Wie lebte man in Marzahn-Hellersdorf vor Jahrhunderten und wie in der jüngeren Geschichte? Der Heimatverein betrachtet diese Frage immer wieder unter anderen Aspekten. Für den diesjährigen „Tag der Heimat- und Regionalgeschichte“, den die Hobbyhistoriker am 10. Oktober ausrichten, haben sie sich ein brisantes Thema vorgenommen. „Dabei wird es um das Thema Migration und Besiedlung gehen“, sagt der langjährige Vereinsvorsitzende Dr. Wolfgang Brauer, der für die Linken im Abgeordnetenhaus sitzt. Angesichts der seit 2013 andauernden Auseinandersetzungen um Asylbewerber und Flüchtlingsheime in Marzahn-Hellersdorf liefert der Verein damit einen Baustein für eine hochaktuelle Debatte.

Neue Bewohner mit Bau der Großsiedlungen
„Wir wollen zeigen, dass die Geschichte dieses Bezirkes immer schon von Einwanderung und Umsiedlern geprägt war“, sagt Brauer. Bereits zur Bronzezeit war die Region besiedelt, wie architektonische Funde nachweisen. Im 7. bis 12. Jahrhundert n.Chr. kamen slawische Siedler, deren Dörfer ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts unter der Herrschaft der Askanier weichen mussten. Im 18. Jahrhundert gelangten Kolonisten aus der Pfalz nach Marzahn, unter den 19 Siedlerfamilien wurde das Vorwerk aufgeteilt. „Und im 19./20. Jahrhundert gab es Einwanderungen aus ehemaligen polnischen Gebieten, unter der Hitlerherrschaft Tausende Zwangsarbeiter, aber auch eine Vielzahl von Vertriebenen und Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Eine weitere große Zuwanderungswelle begann mit dem Bau der Großsiedlungen Marzahn und Hellersdorf – lebten auf dem heutigen Bezirksterritorium davor zirka 50.000 bis 60.000 Menschen, waren es um 1989 knapp 300.000 Einwohner. In den 1990er-Jahren kamen Tausende sogenannte Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion dazu. Auch ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter ließen sich im Bezirk nieder. Zudem wurden mit dem Jugoslawienkrieg viele Flüchtlinge aus Bosnien und anderen Teilen des Landes aufgenommen. „Wir werden das Thema breit recherchieren und dokumentieren“, sagt Brauer. Damit wolle man auch zu einer Versachlichung der aktuellen Debatte beitragen.

Fundgrube nicht nur für Geschichtslehrer
Es ist nicht das erste Mal, dass sich der Heimatverein, der insgesamt 143 Mitglieder zählt, den großen politischen Fragen der Vergangenheit zuwendet – und damit auch den Debatten der Gegenwart. Im Berliner Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ 2013 beschäftigten sich die Heimatforscher mit Marzahn-Hellersdorf im „Dritten Reich“. Eine Broschüre, die insgesamt elfte in der Reihe „Beiträge zur Regionalgeschichte“, ist inzwischen aus den Vorträgen zum damaligen Tag der Regional- und Heimatgeschichte entstanden. Der 184 Seiten starke Band mit zahlreichen historischen Fotos, der sich unter anderem mit den gezielten Krankenmorden in der Anstalt Wuhlgarten und der Zwangsarbeit im Territorium beschäftigt, dürfte nicht nur für Geschichts- und Sachkundelehrer eine wahre Fundgrube sein.

Das Buch kann zum Preis von 6 Euro in folgenden Einrichtungen erworben werden:
Buchhandlung von Thiele, Oberfeldstraße 2-3, Biesdorf; Buchhandlung KIK, Marzahner Promenade 37, Marzahn;   Kaulsdorfer Buchhandlung, Heinrich-Grüber-Straße 9, Kaulsdorf;   Buchhandlung Petras, Fritz-Reuter-Strasse 12, Mahlsdorf;    Bezirksmuseum
Alt-Marzahn 51, Marzahn.

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