In Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg

Gedenken an die Opfer des Faschismus

24.01.2014, Klaus Tessmann

Foto: Klaus Tessmann

Der 27. Januar ist seit 1996 bundesweit der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Die Bezirksverordnetenversammlung Marzahn-Hellersdorf und der Heimatverein Marzahn-Hellersdorf e. V. laden bereits am Sonnabend, dem 25. Januar, um 10 Uhr zu einem stillen Gedenken an der Stele für die Zwangsarbeiter auf dem Parkfriedhof Marzahn, Wiesenburger Weg 10, ein. Worte des Gedenkens spricht die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau.

Stele zum Gedenken an Zwangsarbeiter
Dieser Friedhof in Marzahn spiegelt auf vielfältige Weise Jahre leidvoller Geschichte wider. Dort sind russische und deutsche Soldaten begraben, ein Gedenkstein erinnert an die Verfolgung der Sinti und Roma auch das Andenken an die Berliner Bombenopfer wird wach gehalten. Vor zehn Jahren – am 27. Januar 2004 – wurde die Stele zum Gedenken an die Zwangsarbeiter feierlich eingeweiht. Sie soll an all die Menschen erinnern, die in den Jahren des zweiten Weltkrieges nach Deutschland verschleppt und zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden. Die Pyramide mit einem Sockel, auf dem eine bronzene Figur sitzt, wurde von Künstler Michael Klein im Auftrag des Heimatvereins geschaffen. Aus seiner Werkstatt stammen viele Plastiken im Berliner Stadtbild, so das Denkmal für die Hugenotten in der Friedrichstraße sowie Bettina und Achim von Arnim am gleichnamigen Platz im Prenzlauer Berg.

In 27 Lagern waren Menschen eingepfercht
Auf dem Gebiet des heutigen Bezirks Marzahn-Hellersdorf gab es in der Zeit des zweiten Weltkrieges 27 Lager für Zwangsarbeiter. Viele Details aus jener Zeit sind bis heute unbekannt. So lässt sich die genaue Zahl der Menschen, die hierher verschleppt worden sind, nicht mehr ermitteln. Vermutlich waren es zeitweilig über 10.000 Menschen. Das Reichsbahnlager in der Kaulsdorfer Straße 90 war das älteste und größte Lager. Allein dort waren über 1.400 Menschen eingepfercht. Es waren hauptsächlich sogenannte „Ostarbeiter“ aus der Sowjetunion, Polen, französische Kriegsgefangene, die „Westarbeiter“ aus Italien, Belgien und den Niederlanden sowie Menschen aus der Tschechoslowakei.

Die Deutsche Reichsbahn beschäftigte die meisten Zwangsarbeiter. Sie allein betrieb sieben Lager in Marzahn-Hellersdorf. Die Zwangsarbeiter aus sechs weiteren Lagern waren für den Generalbauinspektor Albert Speer in ganz Berlin tätig. Auch ortsansässige Firmen bedienten sich der Zwangsarbeiter. Hauptprofiteure dabei waren Hasse & Wrede am S-Bahnhof Marzahn, die Landwirtschaft, Gewerbe und Kleinbetriebe. Einige Firmen wie der Rüstungsbetrieb Hasse & Wrede und die Märkische Wachsschmelze in der Chemnitzer Straße in Kaulsdorf hatten auf ihrem Betriebsgelände eigene Zwangsarbeiterlager.

Sinti und Roma waren zusammengepfercht
Auch die Stadt Berlin war beteiligt, die Stadtverwaltung unterhielt mindestens zwei Lager im Bezirk. Eines auf dem Gut Hellersdorf, das andere in der Treskowstraße in der Nähe des S-Bahnhofes Mahlsdorf. Am Wiesenburger Weg, in der Nähe des S-Bahnhofes Marzahn, wurde 1936 ein Lager geschaffen, in dem Sinti und Roma aus ganz Berlin zusammengepfercht und zur Zwangsarbeit in Berliner Betrieben herangezogen wurden. Viele der Zwangsarbeiter überlebten diese Zeit nicht. Die genaue Zahl ist bis heute nicht bekannt. Historiker können aber belegen, dass sich auf dem Marzahner Parkfriedhof Gräber von über 1.400 Zwangsarbeitern aus ganz Berlin und dem Umland befinden, darunter auch Gräber von etwa 100 Zwangsarbeiterkindern.

Am hinteren Ende des Marzahner Parkfriedhofes liegen mehrere Reihen schlichter Gräber. Einfache Metallplatten, manchmal mit Namen, viele aber auch ohne – kein Gedenkstein, keine Tafel gibt Auskunft über die Schicksale der Menschen, die hier vor über 69 Jahren beerdigt wurden. Auf diesem Teil des Friedhofes Wiesenburger Weg liegen Zwangsarbeiter begraben, die während des zweiten Weltkrieges in der Berliner Rüstungsindustrie schuften mussten.

Kinder-Schicksale bis heute unerforscht
Bis heute fast unbeachtet und unerforscht sind die Schicksale der Kinder Die Marzahner Jugendinitiative aus dem Haus „Pro-social“ hat vor vier Jahren einen Anfang gemacht und sich mit ihnen beschäftigt. Von einem Zeitzeugen erfuhren die Jugendlichen, dass es in Kaulsdorf ein Lager für sowjetische Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren gegeben hat. Diese Mädchen mussten für die Bahn arbeiten und waren damals so alt wie die Jugendlichen heute. Anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus hatten Jugendliche aus Hellersdorf und Marzahn bei zwei internationalen Jugendbegegnungen mit Jugendlichen aus den Partnerstädten Tychy und Minsk eine Bronzeplastik und eine Gedenktafel geschaffen. Die Plastik, ein Engel, der schützend seine Flügel ausbreitet, trägt den Namen „Vernichtete Unschuld“. Der Künstler Bernd Streiter hat den jungen Leuten bei der Kreation geholfen. Bei der Einweihung verlasen die Jugendlichen in deutsch, russisch und polnisch 108 Namen von Zwangsarbeiterkindern, die bis 1945 ums Leben kamen.

Der Heimatverein Marzahn-Hellersdorf unterstützt die Initiativen. „Die Erforschung der Geschichte von Zwangsarbeiterinnenkindern ist ein sinnvolles Thema für eine oder mehrere Projektgruppen von Schulen oder Jugendeinrichtungen“, sagt Vorsitzender Wolfgang Brauer. „Wir helfen dabei gerne mit fachlichem Rat.“

Gedenken in Lichtenberg
Auch im Bezirk Lichtenberg wird am 27. Januar 2014 an die Opfer des Nationalsozialismus gedacht. An mehreren Orten werden durch Mitglieder des Bezirksamtes Kränze und Blumengebinde niedergelegt:

Um 10 Uhr mit Stadtentwicklungsrat Wilfried Nünthel (CDU) an den Erinnerungsstelen für das Zwangsarbeiterlager in der Wuhlheide, am Tierpark.

Um 10.00 Uhr mit Bildungs- und Kulturstadträtin Kerstin Beurich (SPD), am Ehrenmal an der Erlöserkirche, anschließend am Gedenkstein für Erwin Nöldner auf dem Nöldnerplatz.

Um 10.00 Uhr mit dem Stellvertretenden Bürgermeister Andreas Prüfer (Die Linke), an der Gedenktafel am Fennpfuhl.

11.00 Uhr mit Bürgermeister Andreas Geisel (SPD), am Gedenkstein Konrad Wolf Straße 92, gemeinsam mit Schülern des Manfred-von-Ardenne-Gymnasiums, anschließend an der Gedenktafel für Viktor Aronstein, Werneuchener Straße.

15 Uhr mit Andreas Geisel, Andreas Prüfer und Jugendstadträtin Sandra Obermeyer (parteilos, für Die Linke), am Gedenkstein auf dem Loeperplatz an der Kirche. Mit dabei Vertreter der Ortsgruppe VVN-BdA.

Von 18 Uhr bis in die Morgenstunden wird es eine Licht-Projektion an die Giebelwand des ehemaligen Stadthauses Türrschmidt-, Ecke Stadthausstraße geben. Namen und Lebensdaten von über 300 vertriebenen und umgekommenen Menschen jüdischer Herkunft, die ihren Wohnsitz im ehemaligen Bezirk Lichtenberg hatten.

Foto 1: Gedenktafel auf dem Parkfriedhof Marzahn
Foto 2 bis 4: Einweihung einer Stele 2004 zum Gedenken an Zwangsarbeiter
Foto 5 und 6: Jugendliche erschufen eine Plastik zum Gedenken an Zwangsarbeiterkinder

 

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