Jüdischer Garten wird die letzte internationale Anlage in Marzahn

„Gärten der Welt“ sind komplett

19.11.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: atelier le balto, Manfred Pernice und Wilfried Kuehn (1), Birgitt Eltzel (2-7)

Marzahn. Mit der Realisierung des geplanten Jüdischen Gartens wird die Entwicklung der „Gärten der Welt“ abgeschlossen. Das sagte der Geschäftsführer der Grün Berlin GmbH, Christoph Schmidt, kürzlich bei einem Workshop des Vereins „Freunde der Gärten der Welt“. Denn für weitere internationale Gärten gibt es auf dem 43 Hektar großen Gelände zwischen Blumberger Damm, Eisenacher Straße und Kienberg schlicht und einfach keinen Platz mehr. Die landeseigene Grün Berlin, die die aus dem Erholungspark Marzahn hervorgegangene Anlage betreibt, setzt deshalb statt auf weitere Expansion auf qualitative Veränderungen. So soll es mit einem geplanten Gebäude am Standort der IGA-Blumenhalle dann auch weitere Indoor-Angebote geben. Wie das Haus aussehen soll und wann es realisiert wird, ist jedoch wegen Differenzen mit dem Senat über die Anzahl der darin ebenfalls geplanten Auto-Stellplätze noch unklar, wir berichteten. Verbessert werden sollen ebenfalls die Verkehrssituation sowie der Service und die Veranstaltungstätigkeit. Gedacht ist an mehr, auch kleinere Events. Zudem soll ab der Wintersaison 2019/2020 die Arena eine Eislauffläche bieten.

Mischa und Mascha werden versetzt

Für den rund 1.000 Quadratmeter großen Jüdischen Garten müssen die riesigen Schaukelbären Mischa und Mascha weichen, die im Rahmen der Berliner Gartenschau von 1987 entstanden, als welche der Park zum 750. Berlin-Jubiläum angelegt wurde. Laut Frank Sadina, der als Projektmanager der Grün Berlin den Wettbewerb zum Jüdischen Garten begleitete, werden die beliebten Spielfiguren auf eine etwa 150 Meter entfernte Fläche versetzt. Der Jüdische Garten, der, wie berichtet nach dem preisgekrönten Entwurf des Ateliers le balto entstehen soll, wird sich damit im „Gartenband“ zwischen dem Orientalischen und dem Christlichen Garten befinden. Realisiert werden soll das von der Allianz Umweltstiftung gemeinsam mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Axel Springer Stiftung initiierte und geförderte Vorhaben in zwei bis drei Jahren. Im Vorfeld des Wettbewerbes waren auf Empfehlung des Zentralrats der Juden in Deutschland Repräsentanten des jüdischen Kulturkreises eingeladen worden, um die Aufgabenstellung und den Verlauf fachlich zu begleiten.

Entwurf wird jetzt konkretisiert

Jetzt muss der Entwurf konkretisiert werden. Denn einen klassischen Jüdischen Garten gibt es eigentlich gar nicht. Le balto hatte die Frage „Was ist ein jüdischer Garten?“ mit einem großflächigen Netz eines Nutz- und Schaugartens beantwortet. Dort sollen Pflanzen, die zur Geschichte der Juden in Berlin gehören, ihren Platz finden. Welche das sind, soll in der nun startenden Recherche-Phase herausgefunden werden. Nach Worten Sadinas wird auf Symbolik und Glaubens-Inschriften verzichtet. Und es soll auch kein israelischer Garten werden. „Schon bei den ersten Diskussionen gab es die einhellige Auffassung, dass das Judentum nicht nur Israel ist“, sagte er in seinem Vortrag während des Workshops. Der Garten müsse in Mitteleuropa, in Berlin, „verhaftet sein“. Es werde Wert darauf gelegt, dass die jüdische Kultur Berlins mit all ihren Verflechtungen dargestellt wird. Daraus erkläre sich auch das Wegenetz mit den Pflanzflächen. Die Blumen und Pflanzen dort sollen solche sein, die im jüdischen Berliner Alltag üblich und gebräuchlich waren und sind wie beispielsweise Damaszener Rose, Wein oder Hopfen. Baubeginn für den Jüdischen Garten ist 2019.

Kein reales Vorbild

Der Jüdische Garten teilt mit dem Christlichen Garten ein Schicksal – er wird eine gartenkünstlerische Anlage ohne reales Vorbild. Denn bereits der Christliche Garten war ein Kopf-Konstrukt, während der Orientalische Garten sich an historische und aktuelle Beispiele aus Marokko anlehnt. Deshalb gab es gerade um den 2011 eröffneten Christlichen Garten, wo erstmals eine Religion in den Mittelpunkt gestellt wurde, heftige Diskussionen. In einer 2017 veröffentlichten Publikation des Vereins Freunde der Gärten der Welt ( „Die Gärten der Welt in Berlin-Marzahn. Wie sie entstanden sind. Teil 2) schreibt Bernd Schütze, Leiter des Umwelt- und Naturschutzamtes Marzahn-Hellersdorf, dass es noch bis 2004 die klare Haltung des Senats gewesen sei, keinen der Gärten nach einer Religion zu benennen. Deshalb sei 2005 der „Garten der vier Ströme“ orientalisch genannt worden, religiöse Zitate in den arabischen Schriftzügen wurden ausgeschlossen. Danach jedoch seien die traditionellen „Gärten der Welt“ religiös umgedeutet worden – so beispielsweise der Chinesische „Garten des wieder gewonnenen Mondes“ nach taoistisch, der „Garten der drei Harmonien“ von balinesisch nach hinduistisch und der „Garten des zusammenfließenden Wassers“ von japanisch nach buddhistisch. 2006 wurde dann ein Expertenkolloquium beauftragt, einen Christlichen Garten an die Seite der anderen Gärten zu stellen.

Berufung auf Religionen umstritten

Nun kommt also ein Jüdischer Garten dazu. Und ist, wie erste Kommentare auf die Nachricht dazu zeigen, wegen der Berufung auf die Religion bereits ähnlich umstritten wie seinerzeit der Christliche Garten. Wolfgang Brauer, Historiker, Lehrer und Vorsitzender des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf, schrieb uns dazu: „Die Grün Berlin GmbH arbeitet mit Mogelpackungen. Der Öffentlichkeit werden Dinge suggeriert, die es nirgendwo gibt. „Christlicher Garten“ war schon eine bemühte Konstruktion am Rande der Lächerlichkeit. Mit dem „Jüdischen Garten“ wird das fortgesetzt. Dahinter steckt eine scheinbar religiöse Überformung des humanistischen Grundgedankens der „Gärten der Welt“, die diesen beschädigt. Marketingabsichten kommen ideologisch verkleistert daher. Mit gespaltener Zunge: Der „Islamische Garten“ wurde seinerzeit wegen des Einspruchs eines einzigen „Islamkritikers“ gegen den Willen seiner Schöpfer in „Orientalischer Garten“ umbenannt. Wenn nun ausgerechnet das Täter-Volk des Holocaust sich anschickt, eine nicht vorhandene jüdische Tradition pflegen zu wollen, ist das eine Blasphemie sondergleichen.“ Auch andere Leser verwiesen in Facebook-Kommentaren darauf, dass sie die Gartenkunst nicht im Zusammenhang mit Religionen sehen.

Freundesverein hat Frieden geschlossen

Der Gartenfreunde-Verein indes scheint seinen Frieden mit dem Zusammenspiel von Gärten und religiöser Deutung gemacht zu haben. Denn bei der Vorstellung des Projekts „Jüdischer Garten“ gab es nur wenig Kritik. Lediglich ein Mann monierte noch: „Warum muss in Berlin, das vor allem durch Atheisten geprägt ist, die Religion so herausgehängt werden?“ Dr. Heinrich Niemann, einst als Stadtrat in Hellersdorf, dann in Marzahn-Hellersdorf u.a. für das bezirkliche Grün verantwortlich, sagte, das Wettbewerbsergebnis zeige einen „sehr vorsichtigen Lösungsansatz“. Es sei auch ein Bekenntnis Berlins: „Mit einer solchen Sache kann ich leben.“ Prof. Erika Maier, die langjährig für die Linken im Bezirksparlament wirkte, sprach von Toleranz, gerade weil es ja schon einen Christlichen Garten gebe. Auch Bernd Schütze, der sich in seinem oben genannten Aufsatz gegen die Fortsetzung religiöser Umdeutung der Gartenkultur wandte, hat sich inzwischen weitgehend versöhnt. Er verweist darauf, dass der Jüdische Garten ebenso wie der Christliche „ein erfundener Garten“ ist. Man müsse ihn „lesen“ (ebenso übrigens wie die zur IGA entstandenen internationalen Gartenkabinette). Und das könne spannend werden. Grün-Berlin-Chef Schmidt formulierte, was wahrscheinlich die meisten Besucher empfinden werden, wenn der Jüdische Garten eröffnet wird: „Ich sehe ihn vor allem als Beitrag zur Gartenkultur.“ Und diese verbinde Menschen weltweit.

 

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