AlköR 3.0 – Wie begegnet man Trinkern im öffentlichen Raum?

Friedliche Koexistenz

29.07.2019, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel (1), Projekt AlköR (2)

Marzahn. Es ist der Stoff, aus dem handfeste Nachbarschaftskonflikte entstehen: Menschen, vorwiegend Männer, treffen sich unter freiem Himmel regelmäßig auf Plätzen, Grünflächen und Parks, um miteinander zu reden, Musik zu hören oder Karten zu spielen – und dabei auch Alkohol zu konsumieren. Andere wie Mütter mit ihren Kindern auf Spielplätzen, Spaziergänger und weitere Passanten fühlen sich durch die Gruppen, die häufig auch lautstark miteinander kommunizieren, gestört. Wie geht man mit solchen Situationen um?

In Schöneberg wurde nicht lange gefackelt

Im Barbarossapark im Schöneberger Kiez fackelte das Bezirksamt im Jahr 2010 nicht lange: In der kleinen Grünanlage wurden nach Beschwerden von Anwohnern kurzerhand die Bänke abgeräumt, auf denen sich Trinker trafen (siehe hier… ) Bier und Schnaps konnten nicht mehr im Sitzen eingenommen werden, die Trinker wurden an andere Orte verdrängt. Doch auch andere Parkbesucher hatten durch die rigide Vorgehensweise keine Sitzgelegenheiten mehr.

Konflikt rund um Clara-Zetkin-Park

Ein ähnlicher Konflikt bestand auch in Marzahn-NordWest, vor allem rund um den Clara-Zetkin-Park. Doch eine Herangehensweise wie in Schöneberg stand nicht zur Debatte, erinnert sich Ove Fischer, im Bezirksamt verantwortlich für die Suchthilfekoordination.  Stattdessen wurde 2014 mit Mitteln aus dem Programm Soziale Stadt das Projekt AlköR (Alkohol im öffentlichen Raum) aus der Taufe gehoben. „Die von den Bewohnern als störend empfundene Gruppe wurde nicht einfach von ihrem Treffpunkt vertrieben.“ Es sei mit den Menschen geredet worden, alternative Standorte wurden für sie gesucht. Dort, wo sie andere weniger störten. „Parallel dazu informierten die Projektmitarbeiter die Öffentlichkeit durch Informationsstände, es gab Bürgerbefragungen und Berichte im Quartiersmanagement.“ Es entwickelte sich quasi eine friedliche Koexistenz.

Gemeinschaftsprojekt AlköR

AlköR, das 2019 bereits in die dritte Runde gegangen ist, ist ein Gemeinschaftsprojekt des DRK Kreisverbandes Berlin-Nordost e.V. und der pad gGmbH in Trägerschaft des Bezirksamtes. Matthias Schlame (DRK) und Uwe Barthel (pad gGmbH) sind von Anfang an dabei. Sie betreuen als Ansprechpartner vor Ort die Trinker, klären aber auch die Anwohner auf, nehmen Fragen, Beschwerden und Anregungen entgegen. „Ziel des Projekts ist es, die Konflikte im öffentlichen Raum zu reduzieren“, sagt Mattias Schlame. Es gehe nicht um eine Suchtberatung. „Natürlich vermitteln wir aber diejenigen, die das wollen, an geeignete Einrichtungen“, ergänzt Uwe Barthel.

Menschen mit vielen Problemen

Es sind vor allem zwei Gruppen, die sich im Gebiet rund um den Clara-Zetkin-Park regelmäßig treffen: Eine „Kartenspieler“ genannte Gruppe von älteren Männern über 60 Jahre, Spätaussiedler aus der früheren Sowjetunion. Und eine andere Gruppe, die vor allem aus Männern um die 30 und einigen jüngeren Frauen aus osteuropäischen Ländern besteht. „Im Grunde ist es wie in Kneipen, wo man sich früher regelmäßig mit seinen Bekannten traf“, sagt Uwe Barthel. Doch die Menschen aus beiden Gruppen könnten sich keinen Gaststättenaufenthalt leisten. „Sie kaufen ihr billiges Bier bei Netto.“ Das gemeinsame Trinken sei jedoch nicht der eigentliche Grund für ihre Zusammenkünfte: „Es sind Leute mit der gleichen Sprache und der gleichen Kultur.“ Und oft ähnlichen Problemen: Sucht, Drogensubstitution, fehlende Jobs, mangelnde Ausbildung, Einsamkeit. „Die Treffen haben somit auch eine soziale Funktion.“ Matthias Schlame erzählt, dass zur „Kartenspielergruppe“ beispielsweise ein früherer Erdölingenieur gehört, auch ein Kapitän zur See – Menschen, denen es in der neuen Heimat nie gelang, beruflich richtig Fuß zu fassen.

Auszug aus dem Blockhaus

Bis April dieses Jahres hatten sie ihren Treffpunkt im Blockhaus Rabenhorst, das bei Projektstart 2014 bereits drei Jahre leer stand. Dort arbeiteten sie auch alte Bänke, die aus verschiedenen Spenden stammten, selbst auf. Die Sitzgelegenheiten kamen einem Sprecher des Quartiersrates, aus stillgelegten Jugendfreizeiteinrichtungen, und aus dem Fundus des Grünflächenamtes. Doch das Blockhaus, eine Einrichtung des Jugendamtes, muss nun weichen. Der angrenzende Kita-Standort soll erweitert werden. „Die Gruppe ist deshalb jetzt zunächst an den Rand der Liegewiese, etwa 100 Meter entfernt vom Wasserspielplatz Rabensteiner Straße, gezogen. Zur selben Zeit, wo die Männer Karten spielen und Bier trinken, treffen sich übrigens ihre Frauen auf den Bänken am Spielplatz zum Schwatz“, sagt Barthel. Mittlerweile hat der Aussiedlerverein Vision e.V. angeboten, in der kalten Jahreszeit die Räumlichkeiten des Vereins an der Wittenberger Straße 67 zu nutzen.

Abgeschirmter Standort geplant

Für die jüngere Gruppe am Clara-Zetkin-Park ist ein abgeschirmter Standort angedacht, ähnlich dem am Leopoldplatz in Wedding. Dort bekam die Trinker- und Drogenszene einen abgegrenzten, nicht direkt einsehbaren Bereich (siehe hier …). Die Menschen werden dort  auch von Streetworkern betreut. „Wir könnten uns sogenannte Pylonen, mit Steinen gefüllte Korbmauern, als Sichtschutz vorstellen, die gut in den öffentlichen Raum passen“, sagt Ove Fischer. „Bisher sind wir aber über das Stadium einer Idee noch nicht heraus.“ Wenn das Vorhaben mit dem Grünflächenamt als Kooperationspartner hoffentlich ab August angegangen werde, könne man als Beitrag auch „die Muskelkraft der Zielgruppe“ anbieten. Sprich: Die Trinker werden mit daran arbeiten, sich ihren Treffpunkt zu schaffen.

Projekt soll ausgedehnt werden

Bis 2020 wird das Projekt AlköR noch vom Quartiersmanagement Marzahn-NordWest finanziert. Weil dieses dann ausläuft, soll AlköR als sogenanntes Leuchtturmprojekt künftig aus dem Bezirkshaushalt gefördert werden. Geplant sei auch eine Ausdehnung auf andere Gebiete von Marzahn-Hellersdorf, so Ove Fischer. „Arbeitsschwerpunkte werden dort entstehen, wo Nutzungskonflikte zwischen im öffentlichen Raum Alkohol trinkenden Menschen und der Bewohnerschaft auftreten. Für den Doppelhaushalt 2020/21 sind Gelder in der bisherigen Höhe ab 2021 beantragt.“

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