„Fernwärme“: Fotografische Erkundungen in Marzahn-Hellersdorf

Freundlicher Blick von außen

14.02.2019, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel (1-13, 15), Julia Fenske (14), Stefan Weger (16)

Marzahn-Hellersdorf. Der Titel der Ausstellung spricht für sich: „Fernwärme“. Er ist nicht nur der riesigen Fernwärmeleitung geschuldet, die sich wie eine kilometerlange, silberne (inzwischen auch vielfacht mit Graffiti verzierte) Schlange durch den Bezirk zieht. Das Wort ist gleichzeitig ein Motto für die Arbeiten, die 20 Studenten der renommierten Ostkreuzschule für Fotografie jetzt vorgelegt haben – ein freundlicher Blick von außen. Ein Jahr lang hatten sie den Bezirk erkundet. Die künstlerisch hochwertigen Bilder zeichneten ein „ehrliches Porträt vom echten Leben im Bezirk“, so Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke) am Mittwoch, 13. Februar, bei der Pressevorbesichtigung im Schloss Biesdorf. Die Exposition mit sehr unterschiedlichen fotografischen Positionen wird am Sonnabend, 16. Februar eröffnet. Zur Ausstellung entstand ebenfalls ein sehenswerter Katalog mit einer Auswahl von Arbeiten aller Beteiligten, in dem diese auch ihr Herangehen an ihr jeweiliges Thema begründen.

Kaum einer war vorher schon mal da

Kaum einer der jungen Fotografen hatte vorher Marzahn-Hellersdorf besucht, erzählt Stefan Weger, einer der Ostkreuz-Studenten, der aus Bremen stammt und in Neukölln wohnt. „Ein paar waren mal zum Klettern im Eichepark, das war’s dann auch schon.“ Mit dem Ausstellungs-Projekt änderte sich das. Einer der Mitwirkenden habe sich sogar die Sohlen von zwei Paar Schuhen durchgelaufen. Weger, der seine Arbeiten mit „Vom Kommen, Gehen und Bleiben“ betitelt hat, hat auch das Cover des Katalogs bestückt: Drei Mädchen am Wuhleteich – zwischen Kind und Frau, selbstbewusst, offen und doch mit einer Spur Geheimnis. Ein Bild von Tamara Eckhardt zeigt eine junge Mutter mit Säugling, eine Perserkatze thront auf einem Fensterbrett, hinter den Glasscheiben sind die Umrisse des gegenüberliegenden Plattenbaus zu sehen – eine moderne Madonna mit Kind. „Vom plötzlichen Erwachsenwerden“ hat Eckhardt ihre Serie über Mütter im Jugendalter genannt. Es sind zarte Fotos, die berühren. Dass Marzahn-Hellersdorf aber nicht nur ein junger Bezirk ist, sondern auch in die Jahre kommt, ist den großformatigen Porträts von Julia Fenske zu entnehmen. Im Pestalozzi-Treff in Mahlsdorf hat sie Senioren abgelichtet, deren Gesichter die Spuren gelebten Lebens tragen. Sie blicken humorvoll und stolz, aber auch nachdenklich und etwas weise.

Ganz eigene Geschichten

Andere Arbeiten zeigen Grafisches, Architektur und Landschaften, Momentaufnahmen und Stillleben. Aber auch Produkte, die „made in Marzahn-Hellersdorf“ sind (Caroline Heinecke „Harry, der Kosmonaut mit den maßgeschneiderten Schuhen) und auf ganz besondere Weise in Szene gesetzt wurden. Eins ist allen 20 Serien gemeinsam: Sie nähern sich dem Bezirk auf behutsame Weise, stellen Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener Berufe und Schichten in ihrer Würde dar – und erzählen damit ganz eigene Geschichten.

Fair und mit Empathie

Gestartet wurde das Projekt, das sich in die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Gründung des Bezirks Marzahn einreiht, im vergangenen Jahr. Grundlage war ein Kooperationsvertrag zwischen dem Standortmarketing des Bezirksamtes und der Ostkreuzschule, LiMa+ berichtete . Hatte damals Bürgermeisterin Pohle noch einige Bedenken, ob die Arbeiten tatsächlich ausgewogen werden, weil dem Bezirk seit Jahren von außen ein Negativimage aufgedrückt wurde, äußert sie sich jetzt zufrieden: „Es ist super geworden.“ Die Bilder zeigten den Bezirk ungeschminkt, aber immer fair und mit Empathie.

Völlig frei in der Themenwahl

In der Themenwahl seien die Studentinnen und Studenten völlig frei gewesen, sie mussten keinen Auftrag oder irgendwelche Vorgaben erfüllen, sagt Projektleiter und Ostkreuzschule-Dozent Ludwig Rauch, selbst freier Fotograf. Die Umsetzung gehört zur regulären Arbeit in den Fachklassen. Unterstützt wurden sie dabei von den Lehrkräften Maria Sewcz und Tobias Kruse. Rauch hat die Ausstellung gemeinsam mit Karin Scheel kuratiert, der Leiterin der kommunalen Galerie Schloss Biesdorf, die das Projekt begleitete. Er spricht von einer Win-Win-Situation: „Es war sowohl für den Bezirk als auch für uns etwas Neues.“ Und Schulleiter Werner Mahler sagt: „Wir haben schnell gemerkt, dass es etwas Tolles wird.“ Eine solch große Ausstellung in einem repräsentativen Haus wie Schloss Biesdorf sei auch für die Ostkreuzschule etwas Besonderes.

Titel „ganz demokratisch ausgewählt“

Laut Dr. Oleg Peters vom Standortmarketing des Bezirks sind rund 10.000 Euro in das Gemeinschaftsprojekt geflossen. Den Druck des Katalogs (750 Exemplare) sponserte der Energieversorger Vattenfall. Den Titel für die Ausstellung habe es aber schon vorher gegeben, beteuert Stefan Weger: „Den haben wir Studenten und die Lehrkräfte ganz demokratisch unter mehreren Vorschlägen ausgewählt.“

Ausstellung „Fernwärme –Marzahn-Hellersdorf – Fotografische Positionen“, Schloss Biesdorf, Alt-Biesdorf 55: Vernissage 16. Februar, 18 Uhr. Gezeigt wird die Exposition vom 17. Februar bis 29. März, Eintritt frei. Geöffnet (außer dienstags): täglich von 10 bis 18 Uhr, freitags 12 bis 21 Uhr.

Der Katalog „Fernwärme“ kann gegen eine Schutzgebühr von 10 Euro bei der Vernissage erworben werden. Danach bei Thalia Berlin – Eastgate Berlin, Marzahner Promenade 1a; Kaulsdorfer Buchhandlung, Heinrich-Grüber-Straße 9; Buchhandlung Petras, Fritz-Reuter-Straße 12; Biesdorfer Papeterie, Oberfeldstraße 179; Tourismusinformation Marzahn-Hellersdorf, Hellersdorfer Str. 159; Bezirksmuseum Marzahn Hellersdorf, Alt-Marzahn 51.

Bei Instagram sind die Arbeiten auch zu sehen: fernwaerme_ausstellung

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