Beleidigendes Pamphlet ging an Aussiedlerverein Vision e.V.

Rassismus ist nicht hinnehmbar

20.01.2020, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn. Ist es nur ein böser Nachbarschaftsstreit oder Ausdruck von Rassismus? Am Freitag, 17. Januar, fanden die Mitglieder des Aussiedlervereins Vision e.V. im Briefkasten und an der Tür ihrer Räume ein Pamphlet (siehe Foto), in dem in fehlerhaftem Deutsch von „komischen Russen Babuschkas“ und „eure Hartz 4 Hütte“ die Rede war. Der vor rund 20 Jahren gegründete Verein hat seit langem sein Domizil in einer Erdgeschoss-Wohnung an der Wittenberger Straße 67. Wenige Stunden bevor in der Umweltstation Alpha II der Spielplatzinitiative Marzahn Spätaussiedler gemeinsam mit anderen Deutschen das Alte Neujahr, nach Julianischem Kalender traditionell der Beginn des neuen Jahres, feiern wollten, verursachte der offen geäußerte Hass Bestürzung. Die Beschimpfungen waren verknüpft mit lapidaren Vorwürfen, die Klingelanlage und den Türöffner im Haus nicht ordentlich zu benutzen. Am Montag, 20. Januar, will der Verein nach Aussage von Geschäftsführerin Medina Schaubert gegenüber LiMa+ Anzeige bei der Polizei erstatten.

Vor 20 Jahren gegründet

Schaubert machte in einer Stellungnahme deutlich, dass Vision e.V. im Mai vor 20 Jahren von der verstorbenen Svetlana Hayduk und Alexander Reiser gegründet worden war, um die Integration der Russlanddeutschen voranzutreiben und die Einheimischen über diese Volksgruppe aufzuklären. Rund 100.000 Deutsche waren bekanntlich nach dem Manifest der Zarin Katharina der Großen von 1763 zur Ansiedlung von Ausländern nach Russland ausgewandert. Bis 1939 war ihre Zahl in der Sowjetunion auf 1,5 Millionen Menschen angewachsen. Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion im zweiten Weltkrieg wurden die Russlanddeutschen nach Sibirien, Kasachstan, Kirgistan und Tadshikistan deportiert. Von 1941 bis 1948 wurden rund 850.000 Russlanddeutsche in die sogenannte Trud-Armee (Arbeitslager) gepresst. 35 Prozent starben in den ersten vier Jahren, Lima+ berichtete. Bis heute ist es das kollektive Trauma der Russlanddeutschen, kaum eine Familie, die nicht Angehörige in jener Zeit verlor. Ein Gedenkstein auf dem Parkfriedhof Marzahn erinnert seit 2002 daran.

Harter Kern Fremdenfeindlicher

„20 Jahre scheinen nicht genug gewesen zu sein, um den harten Kern der fremdenfeindlich gesinnten Bürgerinnen und Bürger zu erreichen. Alle Klischees, die wir meinten aufgeklärt zu haben, kommen dann in Form eines Flugblattes in erstaunlich konzentrierter Form bei uns im Briefkasten an“, sagt Medina Schaubert. Sie verweist darauf, dass bereits vorher „insbesondere eine Mietpartei des Hauses Ressentiments gegenüber unserer Arbeit in deutlichen Worten gefunden“ habe.

Viele Gewerbetreibende aus russichsprachiger Community

Schaubert sagt: „Wenn wir darüber nachdenken, wieso unsere Großeltern teilweise mehr Russisch sprechen als Deutsch, nämlich aus dem Hintergrund heraus, dass es zuweilen lebensgefährlich war, in der Sowjetunion Deutscher zu sein, empfinden wir, ehrlich gestanden, blanke Wut vor einer solchen Respektlosigkeit. Wenn wir jeweils darüber nachdenken, dass eine Person es als Beleidigung versteht, jemanden als „Russe“ zu bezeichnen, sind wir entsetzt über den primitiven Rassismus, der hier zum Vorschein kommt.“ Sie verwies darauf, dass viele Gewerbetreibende aus der russischsprachigen Community allein in Marzahn-Hellersdorf ansässig seien, „unter ihnen Ärzte, Anwälte, Pflegedienste, Kitas, Geschäfte, Kosmetiker etc. etc., die sich trauten eine Existenz aufzubauen und Arbeitsplätze zu schaffen“. Der Verfasserin oder dem Verfasser sei „ bewusst oder unbewusst“ der Fleiß unserer Landsleute entgangen“.

Nicht entmutigen lassen

Den Spätaussiedlern werde oft vorgeworfen, sie schotteten sich vor der Gesellschaft ab. „Tatsache ist aber, dass es keinen Russlanddeutschen gibt, der sich nicht mindestens einmal mit solchem Fremdenhass konfrontiert sah“, hebt Schaubert hervor. Vision e.V. arbeite hart daran, seine Mitglieder zu überzeugen, sich nicht durch solche Anfeindungen entmutigen zu lassen: „Wir versuchen ihnen zu verdeutlichen, dass es einzelne Personen sind, die aus den unterschiedlichsten Gründen den Russlanddeutschen feindlich gesinnt sind.“ Es sei aber auch Pflicht des Vereins, sobald Landsleute „pauschal angefeindet und verunglimpft werden, sich im Namen dieser dagegen zu wehren“, unterstreicht die junge Frau. In Marzahn-Hellersdorf leben rund 30.000 Deutsche aus Russland.

Viel Solidarität

Ein entsprechender Facebook-Post von Medina Schaubert wurde inzwischen viel kommentiert. Bürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke) versicherte den Vereinsmitgliedern sowohl die eigene Solidarität als auch die des gesamten Bezirksamts Marzahn-Hellersdorf. „Dummheit, Rassismus und Hass gehen leider zusammen, aber wir dürfen nicht nachlassen, das immer wieder zurück zu weisen“, schrieb sie. Auch viele andere Politiker und Bürgerinnen und Bürger erklärten sich mit Vision e.V. solidarisch.

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