Frau & Mann

Frau will reden – Mann Held sein

02.12.2018, Volkmar Eltzel

Foto: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Da kann man vitaminreiches Obst und Gemüse essen, sich mit warm-kalten Wechselduschen abhärten und nach jedem Händeschütteln die Vordergliedmaßen mit Seife waschen. – Wenn in der S-, Straßen- oder U-Bahn auch nur ein mit Erkältungsviren infizierter Fahrgast zusteigt, dann war es das. Bei dem unweigerlich folgenden Hustenanfall kann einem Angst und Bange werden, die Mandeln könnten jeden Augenblick den kranken Körper für immer verlassen. Noch ein paar Nieser hinterher, super! Hand oder Arm vor den Mund halten? – Wieso denn, denkt sich der Infektionsegoist. Ich bin ja schon krank. So werden gerne mal eben hunderttausende kleine Monster in die Wagen-Luft hinausgeschleudert. Die verteilen sich und feiern eine wilde Sex-Party, nachdem sie sich in viele neue Wirte eingenistet haben. Wären die Virenbiester größer und sichtbar, die Menschen würden angesichts der exponentiellen Vermehrungsorgie in Panik geraten. Bald werden sie die Auswirkungen der unsichtbaren Kettenreaktion am eigenen Leibe zu spüren bekommen. Bis dahin schütteln sie nun ihrerseits als tickende Infektionsherde andernorts Hände, geben Bussis und tauschen virenschwangere Flüssigkeiten aus. Die ganze gesunde Lebensweise war für die Katz. Konnte der Krankheitsverursacher aus der Bahn nicht einfach zu Hause bleiben anstatt alle anzustecken?

Danke Kollegen!

Kaum auf Arbeit, kommt ein Kollege mit kleinen Augen und roter Nase auf einen zu. „Öho öho …, dnee, dnee, dehth schon, öho, öho…“, schnief, rotz und röchel. „Kanndh dnochggh abetnh…“
Die Inkubationszeit, bis die Volkskrankheit nach der Ansteckung ausbricht, variiert von Mensch zu Mensch und schürt die Hoffnung, es werde einen selbst schon nicht erwischen. Aber dann beginnt es meist mit einem plötzlichen Kribbeln in der Nase, gefolgt von einem kräftigen Nieser. Der weitere Verlauf ist bekannt. In den letzten Jahren mutierten die Erkältungsviren scheinbar zu besonders aggressiven und hartnäckigen Erregern. Die körpereigenen Widerstandskräfte haben es da schwer.

Frau ist erkältet

Tritt die Seuche gar innerhalb der Familie auf, gibt es überhaupt keine Chance mehr, sich zu schützen. Frau und Mann gehen unterschiedlich mit dem vorübergehenden Leiden um. Er hat ihr in diesem Jahr wieder mal den Vortritt überlassen. Sie möchte schon am Frühstückstisch darüber reden. Zum besseren Verständnis wurde die Erkältungssprache ins Hochdeutsche übersetzt:
„Hier oben (sie greift sich an Nase und Stirn) ist alles zu! Mir brummt der Schädel! Ich weiß gar nicht, wo ich mir das geholt habe. Bestimmt, weil Du das Fenster nachts immer ankippst.“ Mann nimmt es nickend und mit bösen Vorahnungen zur Kenntnis. Aber Frau möchte sich austauschen, bedauert und in den Arm genommen werden. Sie setzt noch einige, Mitleid heischende Details oben drauf: „Ist das bei dir dann auch immer so, wenn du im Bett liegst? Es läuft von der Nase in den Rachen, dann verschlucke ich mich und…“ – „Nein, nein, stopp!“, ruft Mann dazwischen. „Die genauen Schnodder-Details will ich gar nicht wissen“. Beleidigt schnaubt sie sich die Nase, stopft das durchtränkte Papiertaschentuch in die Hosentasche, um danach die Brötchen im Körbchen anzugrabbeln. Mann will ja nicht mit einer Kranken zanken und nimmt es hin. In den nächsten Tagen wiederholen sich ähnliche Gespräche. Frau hat sich aus der Apotheke gleich eine ganze Batterie Chemikalien geholt. Dazu Ingwer und alle möglichen Teesorten. Die helfen wahrscheinlich wenig, aber sie senden das visuelle Signal: „Ich bin kraaank!“
Irgendwann nach acht bis zehn Tagen berappelt sie sich und die Beschwerden lassen allmählich nach…

Mann kämpft mit Erkältungstod

Kaum dass Frau genesen und wieder putzmunter ist, kommt – DIE MANNESERKÄLTUNG! Eine gaanz andere Liga. Explosionsartig haben sich die kleinen Feinde heimlich im männlichen Körper verbreitet und greifen nun hinterrücks und erbarmungslos an. Aus der Nase laufen pro Minute gefühlte zwei Liter Schnupfensekret, im Kopf dröhnen die Rammhämmer, Hustenanfälle lassen alles ringsum erbeben und nehmen dem Geschundenen die Luft zum Atmen. Mann möchte, dass Frau sieht, wie heldenhaft er diese Höllenqualen durchsteht, weil er ja ein ganzer Kerl ist. „Aaoohhäähh…“, stöhnt er ein paarmal, ohne verbal zu jammern. Nein, er will nicht drüber reden! Verbunden mit einem vor Anstrengung verzerrten Gesicht, soll das Geräusch nur zeigen, dass er fast mit dem Tode ringt, weder Willens noch fähig, per Sprache zu kommunizieren.
„Ach, jetzt hab dich nicht so“, bügelt sie ihn ab. Die eigene, im Vergleich zum Mann harmlose Nasenschleimhaut- und Atemwegsentzündung, verdrängt Frau komplett. „Du hast nur einen ganz normalen Schnupfen und Husten.“ Mann lehnt lindernde Nasentropfen, Salben und Hustensaft (Restbestände reichen für noch zehn Erkältungen) ebenso strikt ab wie Dampf- und Erkältungsbäder. Er findet, sein Alabasterkörper muss ohne fremde Hilfe und stärker denn je als Sieger aus diesem Viren-Krieg hervorgehen. Unter Aufbietung aller verbliebenen Kräfte schleppt er sich des Morgens an den Frühstückstisch. Während es aus der Nase auf den Teller tropft, würgt Mann bei gefühlten 41,8 Grad Körpertemperatur mit ersterbender Stimme noch einen (vorerst) letzten Satz heraus:
„Kanndh dnochggh abetnh gehndh.“

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden