Zwischen Stadt und Land (18)

Es kann so einfach sein

03.06.2018, Marcel Gäding

Fotos: Staatskanzlei Brandenburg - Daniel Gebhart de Koekkoek (1), Marcel Gäding (2-4)

Seit einigen Tagen fahren Autos mit großen Werbeaufstellern durch Berlin. „Schön, wenn man da zu Hause ist, wo andere nur am Wochenende hinkönnen“. Zu sehen ist das Ufer eines Sees, dazu ein idyllischer Schilfgürtel. Ausgedacht haben es sich die Strategen einer Berliner Werbeagentur, die im Auftrag des Landes Brandenburg Werbung für die Mark machen. Das Motto passt zum Land wie zu den Leuten. „Brandenburg. Es kann so einfach sein.“

Als jene Kampagne vor geraumer Zeit an den Start ging, gab es zunächst Kritik aus dem Landtag. PolitikerInnen, die es nicht oft auf die Reihe kriegen, sich selbst ordentlich zu vermarkten, glänzten mit viel Häme über die Spots und Plakate. Wer aber irgendwann einmal von Berlin nach Brandenburg gezogen ist, der findet sich darin wieder. Fünf Beispiele, die für ein Leben abseits von Hektik und Alltag der Großstadt sprechen:

Die Kahnfahrt: Kürzlich erhielten wir von Freunden eine Whatsapp-Nachricht. „Seid Ihr spontan?“ wurden wir gefragt. Neugierig fragten wir nach dem Grund. „Wir wollen Kahn fahren und im Anschluss grillen“, kam als Antwort. Anderthalb Stunden später standen wir mit gepackter Tasche, reichlich Mückenschutz und Sonnencreme am Nebenarm der Spree, mitten im Unterspreewald. Dort wartete bereits eine befreundete Familie, die seit vier Jahren einen Spreewaldkahn ihr eigen nennt. Fünf Stunden befuhren wir diese wundervolle Landschaft, die so herrlich still war, dass man jedes Tierchen im Unterholz hören konnte. Es kann so einfach sein.

Der Arbeitseinsatz: Vergangenes Jahr blieb auch unser Grundstück nicht von dem schweren Sturm namens Xavier verschont. Eine unserer Fichten geriet erst in Schieflage, um später in Nachbars Garten zu landen. Ein Kamerad aus unserer Freiwilligen Feuerwehr bot an, bei Gelegenheit das Desaster zu beseitigen. Einige Freunde erklärten sich bereit, mitzuhelfen. Nach einem vierstündigen Arbeitseinsatz war die Sache erledigt. Zum Dank haben wir den Grill angeschmissen. Tage später unterstützten wir einen unserer Helfer im Gegenzug dabei, eine alte Wäschemangel zu transportieren. Es kann so einfach sein.

Das Bürgerbüro: Unser Umzug war reiner Stress. Alte Wohnung renovieren, mit dem Kleintransporter Möbel ins neue Haus bringen. Als wir uns einigermaßen erholt hatten, ging es an die Formalitäten. Nachsendeaufträge einrichten – und ummelden. Das Rathaus kannten wir schon, dort hatten wir ein Jahr zuvor unser Aufgebot bestellt. Im Internet lasen wir, dass es für Personalausweisangelegenheiten ein Bürgerbüro gibt. Aus Berlin wussten wir, dass man sich am besten online einen Termin besorgt. Doch auf der Webseite unserer neuen Heimatstadt gab es diese Möglichkeit nicht. Also fuhren wir auf gut Glück los, in der Annahme, dass wir einige Wartezeit einplanen müssten. Vor Ort angekommen, gab es eine Überraschung. Nichts mit Warten! Minuten später waren wir „eingebürgert“. Es kann so einfach sein.

Der Badesee: Acht Jahre hatten wir nahe unserer neuen Heimatstadt ein kleines Wochenendgrundstück. Unsere Freunde beneideten uns, befand sich doch fast vor der Tür ein kleiner See. Davon gibt es in der Region ohnehin reichlich. Weil wir uns angesichts der tropischen Temperaturen nach einem abendlichen Bade sehnten, riefen wir unsere früheren Gartennachbarn an. Denn jener See ist in privater Hand. Wer ins Wasser will, muss Pächter sein oder Gast eines Gartenbesitzers. Wir luden uns also kurzum selbst ein. Nachdem wir in das 27 Grad kalte – pardon – warme Nass sprangen, ließen wir später den Tag am Grill ausklingen. Es kann so einfach sein.

Der Biobauer: Der Freund aus dem Nachbardorf ist weiß Gott kein Ökofanatiker. Aber einer, der das Ursprüngliche mag. Vergangenen Herbst baute er in seiner Freizeit einen Hühnerstall, sicherte das Familiengrundstück mit Zäunen und kaufte sich Hühner. Seitdem besorgen wir unsere Eier bei ihm und versorgen gelegentlich auch unseren Berliner Büronachbarn damit. Kürzlich fragte unser Kumpel, ob wir zu Weihnachten eine Ente haben wollen. Er müsse das wissen, weil er dann genügend Küken kaufe. Inzwischen hat olle Krischan einen kleinen, feinen Geflügelhof und spielt nun mit dem Gedanken, auch Kartoffeln und Gemüse anzubauen. Es kann so einfach sein.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt mit Frau sowie drei Katzen in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Seit dem Umzug vor fast drei Jahren hat sich das soziale Leben der Beiden komplett verändert.

 

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