Er war der erste Bürgermeister des Bezirks Marzahn

Gerd Cyske verstorben

19.06.2020, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel (1, 3-7), Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf/Forschungsstelle Baugeschichte Berlin (29

Marzahn-Hellersdorf. Marzahns erster Bürgermeister Gerd Cyske ist am 7. Juni im Alter von 91 Jahren verstorben, wie LiMa+ erfuhr. Frank Petersen, Sprecher des Bezirksamtes, bestätigte die Information. Mit dem Namen Gerd Cyske ist der Aufbau des Bezirks Marzahn (der damals so wie auch heute Marzahn-Hellersdorf ebenfalls Biesdorf, Hellersdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf umfasste) untrennbar verbunden.

Aus Lichtenbergern wurden Marzahner

Marzahn war das größte Projekt des 1973 beschlossenen Wohnungsbauprogramms der DDR. Als Vorsitzender der Plankommission des Stadtbezirks Lichtenbergs, zu dem Marzahn damals gehörte, kannte Gerd Cyske die Planungen für die neue Großsiedlung auf ehemaligen Rieselfeldern gut. Als er sein Amt im neugegründeten Bezirk antrat, waren dort schon seit 1977 Plattenbauten errichtet worden. Die Bewohner der neuen Häuser aber waren mehr als ein Jahr lang noch Lichtenberger. Im Dezember 1977 hatten die ersten Familien einen Wohnblock an der Marchwitzstraße bezogen. Erst am 5. Januar 1979 wurde der Bezirk Marzahn gegründet.

Aufbruchsstimmung in der “Gummistiefelzeit”

Es herrschte die Zeit der Gummistiefel. Daran erinnerte sich Gerd Cyske in einem der ersten Beiträge von LiMa+. Die Großsiedlung war eine einzige große Baustelle, vor den Wohnhäusern existierten nur wenige fertige Wege. Wenn es regnete, war es überall schlammig. Gummistiefel, die dann in S-Bahn, Bus oder Straßenbahn gewechselt wurden, waren unerlässliche Accessoires. Und weil es zu wenige gab, wandte sich der Bürgermeister an das zuständige Ministerium und organisierte, dass beim ersten Stadtbezirksfest „Marzahner Frühling“ welche verkauft werden konnten. Wann immer Gerd Cyske auf diese Zeit zu sprechen kam, berichtete er von einer regelrechten Aufbruchstimmung. 60.000 Wohnungen, dazu Schulen, Kindergärten, Handels- und andere Einrichtungen entstanden von 1977 bis 1990. Da gab es viel zu organisieren. Beim Bezug der neuen Wohnblöcke ging es ausgesprochen effizient zu: Bei der Schlüsselübergabe war die Verwaltung vor Ort, andere Einrichtungen auch. Alles konnte auf einen Schlag erledigt werden – von der polizeilichen Anmeldung über den Kita- oder Schulplatzantrag bis hin zur Ummeldung von Radio, Fernsehen und Zeitungen. Darauf war Gerd Cyske stolz. Auch darauf, dass viele Hausgemeinschaften an den Wochenenden in zahllosen Arbeitseinsätzen die Grünanlagen vor ihren Wohnungen mit gestalteten. Im Wettbewerb um die „Goldene Hausnummer“ wurden die aktivsten ehrenamtlichen Helfer geehrt.

Nicht lange im Rathaus

Im Rathaus am Helene-Weigel-Platz wirkte der erste Marzahner Bürgermeister nicht lange. Fast zehn Jahre lang war der Rat des Stadtbezirks in der Maratstraße 182 untergebracht, wo sich heute die Musikschule befindet. Erst Ende 1988 wurde das Marzahner Rathaus, eines von nur drei in der DDR gebauten Rathäusern, schrittweise bezogen und am 10. Januar 1989 offiziell eröffnet. Nach der politischen Wende verlor Gerd Cyske (SED) wegen der Wahlfälschungen im Mai 1989 seinen Posten. Er wurde wie auch andere DDR-Bürgermeister zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Gerd Cyske hat sich für sein damaliges Handeln öffentlich entschuldigt. Und er machte deutlich, dass er sich aufrichtig für die Beteiligung an den Fälschungen bei der Kommunalwahl schämte. Er hatte blindlings der Parteidisziplin gehorcht. Eine Zeitlang wurde er von der neuen politischen Führung im Bezirk geschnitten, später aber zu verschiedenen Veranstaltungen eingeladen – nun als Zeitzeuge. Auch bei den Jahresempfängen des Bezirksamtes war Gerd Cyske häufig dabei. Die Festveranstaltung zum 40. Bezirksjubiläum am 5. Januar 2019, zu der er wie alle anderen früheren Marzahner und Hellersdorfer Bürgermeister eine Einladung erhalten hatte, konnte er allerdings nicht mehr besuchen. Damals war er schon krank.

Eine Uhr für den Helene-Weigel-Platz kam 26 Jahre später

Gerd Cyske lebte etliche Jahre in einem Hochhaus am Helene-Weigel-Platz, später in einer kleineren Wohnung an der Poelchaustraße. Marzahn blieb er auch als Rentner treu. Des Öfteren schaute er auf dem Platz vor dem Rathaus nach dem Rechten. Es ärgerte ihn sehr, dass sich dieses zunehmend ungepflegt präsentierte, in den Blumenkästen an den Fenstern Unkraut wucherte. Dass das denkmalgeschützte Haus in absehbarer Zeit saniert und modernisiert wird, wie es schon lange schon geplant ist, wird er nicht mehr miterleben. Sehr gefreut hat sich Gerd Cyske aber im Jahr 2015, als endlich einer seiner langgehegten Wünsche wahr wurde: Auf dem Helene-Weigel-Platz wurde eine öffentliche Uhr als Landmarke installiert – 26 Jahre nach dem Bezug des Rathauses. Das jetzt meist das „alte“ genannt wird. Denn die Bezirkschefs von Marzahn-Hellersdorf, aktuell Dagmar Pohle (Linke), residieren seit der Bezirksfusion im Jahr 2001 am Alice-Salomon-Platz in Hellersdorf.

Herzliches Beileid der Familie

Nun ist der erste Bürgermeister von Marzahn gestorben. Wir sprechen seiner Familie unser tiefempfundenes Beileid aus. Auch uns wird er fehlen. Als sachkundiger und selbstkritischer Gesprächspartner über die Marzahner Anfangsjahre und als freundlicher Mensch. R.I.P.

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