Neuer Informations- und Gedenkort Rummelsburg eingeweiht

Erinnerung im Stadtraum

13.01.2015, Pia Szecki

Fotos Pia Szecki. Zum Vetgrößern auf das Hauptbild klicken.

Rummelsburg. „Zukunft braucht Erinnerung“, steht auf der Schleife des Kranzes, den der Nachbarschaftsverein WiR e.V. zu Füßen der drei großen Gedenk-Stelen an der Hauptstraße 8 in den Januarregen abgelegt hat. Einer, der helfen will, die Erinnerung lebendig zu halten, ist trotz des unwirtlichen Wetters an diesem Vormittag, 12. Januar, nach Rummelsburg gekommen: Horst Jänichen. Der heute 83jährige war 1946 als Oberschüler vom sowjetischen Geheimdienst als „Werwolf“ verhaftet und im Speziallager Hohenschönhausen, später im Lager Nr. 7 auf dem Gelände des einstigen KZ Sachsenhausen inhaftiert worden. „Als ich 1948 freikam, bin ich nach Westberlin, um der dortigen ´Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit´ über diese Lager zu berichten“, erzählt Jänichen. 1950 wurde er vom Staatssicherheitsdienst der DDR verhaftet und aufgrund der Berichte und der Verteilung von Flugblättern und Zeitungen wegen „faschistischer Propaganda“ zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Vier Monate seines jungen Lebens musste Jänichen in der Vollzugsanstalt Rummelsburg verbringen, den Rest der langjährigen Haftstrafe in Halle und Chemnitz. 1959 floh er gen Westen.

Opfern aus drei Epochen wird gedacht
Horst Jänichens Geschichte wird nun auf einer von insgesamt 18 Biografie-Stelen in einer Open-Air-Ausstellung auf dem Gelände des einstigen Arbeitshauses und späteren Gefängnisses Rummelsburg erzählt. An dem historischen Ort „kreuzen sich verschiedene Dimensionen der deutschen Geschichte topografisch“, stellt Kurator Thomas Irmer fest. So widmet sich die neue Dauerausstellung im öffentlichen Raum beispielhaft jenen Lebens- und Leidenswegen von Menschen, die in der Zeit von 1879 bis 1990 in drei verschiedenen staatlichen Systemen (Kaiserzeit, Nazidiktatur, DDR-Regime) in unterschiedlicher Art und Weise ausgegrenzt und verfolgt wurden. Von der Gründung bis Anfang der 1950er Jahre als Arbeitshaus zur Unterbringung „sozialer Randgruppen“ wie z.B. Bettler, sogenannte Asoziale, Wohnungslose, Prostituierte, Sucht- oder psychisch Kranke genutzt, ließ die DDR-Volkspolizei die Einrichtung 1951 zum zentralen Männer-Gefängnis in Ostberlin umbauen. Hier wurden auch viele politische Häftlinge gefangen gehalten, darunter DDR-Bürgerrechtler sowie Fluchthelfer aus der Bundesrepublik und Westberlin. Der Tag der Einweihung des neuen Gedenkortes am gestrigen 12. Januar fällt zudem auf den Jahrestag, „an dem 1941 30 jüdische Insassen des Arbeitshauses im Rahmen einer sogenannten Sonderaktion abtransportiert und wenig später in der Heilanstalt Bernburg als der damaligen ´T4´-Tötungsanstalt mit Gas ermordet wurden“, erklärt Rainer E. Klemke, der Leiter des Runden Tisches für einen Informations- und Gedenkort Rummelsburg.

Anwohnerinitiative gewürdigt

Der frühere Bezirksbürgermeister und jetzige Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) würdigte bei der Einweihung vor allem den „partizipatorischen Prozess“ des Runden Tisches, in dem gemeinsam mit den Anwohnern, Zeitzeugen, Historikern und anderen der Wunsch realisiert wurde, „Gedenken zu organisieren“. Die zweijährige Arbeit des Runden Tisches, der von den Anwohnern initiiert wurde, sowie neueste Forschungsergebnisse hatten die Grundlage für den neuen Informations- und Gedenkort geschaffen, für dessen Umsetzung in einem anonymen Wettbewerb der Entwurf der Berliner Gestalterin Helga Lieser ausgewählt wurde: ein modulares System mit stählernen Biografie-Stelen in der Ich-Erzähl-Form, die durch ihre unterschiedliche Beschaffenheit schon äußerlich den verschiedenen Epochen zugeordnet werden können und sich behutsam ins Bild des umgebenden Wohngebiets einpassen. Die Gestaltung des Gedenkortes wurde mit 100.000 Euro aus Mitteln des Bezirks Lichtenberg sowie mit etwa 150.000 Euro aus Mitteln des Mauerfonds der Senatskanzlei ermöglicht. Zusätzlich zu den Gedenkstelen soll in den kommenden Monaten auch eine neue Version der Rummelsburg-App erarbeitet werden, die neben der DDR-Zeit die Kapitel Kaiserreich, Weimarer Republik und Nazidiktatur beleuchtet. Ausführliche Informationen und der Download der App (ab Mai 2015) finden sich auf der Website zum Gedenkort.

 

 

 

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