Stolpersteine für das Ehepaar Emilie und Emil Roth

Erinnerung an jüdische Nachbarn

07.08.2014, Klaus Tessmann

Fotos: Klaus Tessmann

Kaulsdorf. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt der Talmud, eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums. Vor vielen Berliner Häuser erinnern Stolpersteine daran, dass dort einmal jüdische Nachbarn gewohnt haben. Zwei neue Gedenktafeln sind am Mittwoch, 6. August, vor dem Wohnhaus in der Hannsdorfer Straße 8 in Kaulsdorf dazu gekommen. Das sind die Stolpersteine 28 und 29 im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Sie erinnern an das Ehepaar Emilie und Emil Roth, die dort bis 1942 gewohnt haben. Beide wurden 1942 deportiert, über ihr Schicksal ist seitdem nichts mehr bekannt. Mit der Geschichte dieser ehemaligen Bewohner hat sich die Kaulsdorfer Ärztin Dr. Barbara Töpfer beschäftigt.

Ein Jahr Nachforschungen
Viele Stunden ehrenamtlicher Arbeit hat sie in Archiven verbracht, um mehr über die Bewohner der damaligen Billungstraße 8 zu erfahren. Drei Überlebende des Holocausts hat Dr. Töpfer bei ihren Recherchen noch gefunden. Seit 1962, ihrem 15. Lebensjahr, wohnt sie in der Hannsdorfer Straße in Kaulsdorf. Von der tragischen Geschichte jüdischer Bewohner des Hauses in der Zeit des Nationalsozialismus erfuhr sie von Nachbarn. Vor einem Jahr kam Dr. Töpfer auf die Idee, Nachforschungen anzustellen. Auslöser für ihre Aktion war ein Spaziergang durch das jüdische Viertel am Hackeschen Markt. Dort erinnern viele Stolpersteine an jüdisches Leben vor 1933. „Als Ergebnis meiner Suche in der Vergangenheit werden heute, nunmehr 72 Jahre nach der Deportation in den Tod, diese kleinen Gedenksteine für Emilie und Emil Roth vor ihrem Wohnhaus verlegt“, sagte die Kaulsdorferin. Damit werde ihnen die Ehre erwiesen und zugleich auch die Erinnerung an sie und ihr Schicksal für die heutige und zukünftige Generation wach gehalten.

Aus dem Beamtendienst entlassen
Barbara Töpfer hatte herausgefunden, dass das Ehepaar Roth 1929 ihr Haus in der damaligen Bülowstraße 3 (der späteren Billungstraße 8, heute Hannsdorfer Straße 8) gebaut haben. Emil Roth wurde am 11. Juni 1881 in Solopisky in Böhmen geboren. Er absolvierte ein Ingenieursstudium in Pilsen. Seit 1915 wohnte er in Berlin zunächst in Neukölln, dann in  Niederschönhausen und ab 1930 in Kaulsdorf. Aus Emil Roth‘s Vermögenserklärung vom 31. März 1942 geht hervor, dass er 100 Reichsmark monatliche Rente von von der Reichsversicherungsanstalt bekam. Als Beruf hatte er in der Vermögenserklärung Stadtingenieur a.D. (Tiefbauingenieur) angegeben. Er wurde bereits im April 1933 als jüdischer Beamter aus dem Dienst entlassen. Ab 1939 wurde er zu Dienstleistungen zwangsverpflichtet. Unter anderen arbeitete Emil Roth als Hilfsarbeiter bei der Daimler–Benz-AG in Marienfelde. Dafür bekam er einen Stundenlohn von 76  Pfennigen. Es war damals eine Praxis der Nationalsozialisten, gut ausgebildete jüdische Menschen weit unter ihrer Qualifikation zu schweren körperlichen Arbeiten heranzuziehen. Dafür bekamen sie nur die Hälfte des Lohns eines „arischen“ Arbeiters für die gleiche Tätigkeit.

Mit 60 Jahren deportiert
Emilie Roth, geborene Becker, wurde am 6. März 1882 in Rockenhausen in der Pfalz geboren und hatte noch vier Geschwister. Zwei Schwestern und dem Bruder gelang noch rechtzeitig die Flucht in die USA. Die älteste Schwester Karoline und deren Mann, wurden von Karlsruhe aus bereits im Oktober 1940 nach Frankreich deportiert und dort interniert. Karoline wurde 1942 in Ausschwitz ermordet. Seit 1939 bewohnte das Ehepaar Roth zwei Zimmer und Küche im Dachgeschoss. Bad und Diele teilten sie mit anderen jüdischen Mitbewohnern, die ebenfalls ab 1939 als Untermieter eingewiesen worden waren. Emil und Emilie Roth waren beide 60 Jahre alt, als sie mit dem 14. Osttransport vom Bahnhof Grunewald in Richtung Lublin deportiert wurden. Ihr weiteres Schicksal ebenso wie das aller 781 Personen des 14. Osttransportes ist nicht geklärt. Barbara Töpfer verwies darauf, dass heute nur noch diese wenigen Fakten für das Leben von zwei Menschen stehen. „Was für Menschen und Nachbarn sie waren, welche Gefühle, Hoffnungen und Ängste sie hatten, wird uns verborgen bleiben“, sagte sie. Die Nichte von Emilie Roth, Jane Hirsch, lebt noch in Los Angeles. Sie ist inzwischen 92 Jahre alt.

Weitere Bewohner des Hauses ermordet
Die Initiatorin erinnerte während der Gedenkveranstaltung auch an Walter Philipp, der als Jugendlicher mit seinen Eltern in diesem Haus gewohnt hat. Ihnen gelang im Oktober 1941 die Flucht. „Ich erinnere heute hier auch an das Schicksal von Ludwig und Gerda Plaut, geboren 1907 bzw. 1910, und das ihrer drei Kinder, die 1939 von Hessen nach Berlin zogen“, so Frau Töpfer weiter. „Sie wurden am 27. November 1941 nach Riga deportiert. In einem Wald bei Riga hat man alle 1.048 Personen, die sich im selben Zug wie Familie Plaut befanden, am frühen Morgen des 30. November erschossen. Die Kinder Joachim, Meinhardt-Hans und Heinz waren gerade einmal neun, sechs und fünf Jahre alt. Auch Hedwig Mentzen, geboren 1882 in Steinbach/Bayern, wohnte vor ihrer Deportation am 28. März 1942 hier.“ Bei den Recherchen half auch der Kreisverband Ost des Deutschen Gewerkschaftsbundes. „Wir unterstützen seit Jahren diese Projekte“, sagte Bernd Lehmann vom DGB-Kreisverband. Vor allem im Lichtenberger Ortsteil Karlshorst wurden bereits viele Stolpersteine verlegt. Dort werden auch entsprechende Führungen organisiert. Wie Lehmann betonte, waren Emil und Emilie Roth „keine Widerstandskämpfer, sondern ganz einfache Menschen.“

Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig initiierte das Projekt Stolpersteine 1992. In den vergangenen 20 Jahren verlegte er allein in Berlin 5.500 davon. In 944 deutschen Städten und in 17 weiteren Ländern Europas gibt es mittlerweile 46.000 Stolpersteine. Im Siedlungsgebiet Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf sind es nun 29.

 

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