Mahnwache vor dem Rathaus Lichtenberg

Eltern trommeln für mehr Schulplätze

28.06.2018, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding (Zum Vergrößern bitte auf das jeweilige Foto klicken!)

Lichtenberg. Drei Tage haben Eltern vor dem Rathaus ausgeharrt und mit einer Mahnwache für mehr Schulplätze in Lichtenberg demonstriert. Für die ungewöhnliche Aktion schlugen sich die Mütter und Väter sogar die Nächte um die Ohren – am Lagerfeuer und mit Kaffee, den Anwohner spendierten.

Um kurz nach 8 Uhr in der Früh ist Annett Lange am Start. Nach einigen wenigen Stunden Schlaf in ihrem Wohnmobil ist die Mutter wieder zur Stelle. Lange muss sie nicht warten, bis ein Autofahrer aus Sympathie mehrfach auf die Hupe drückt. Lange antwortet, in dem sie einmal kräftig in ihre knallrote Trillerpfeife pustet. Kurz danach überreicht ihr eine Anwohnerin frisch gebrühten Kaffee in einer Thermoskanne. Nur die Milch muss sich Annett Lange selbst organisieren.

Es ist Tag drei eines ungewöhnlichen Protestes vor dem Rathaus Lichtenberg, zudem der Bezirkselternausschuss (BEA) aufrief. Seit Montagfrüh harrten vor dem roten Backsteinbau Eltern aus dem ganzen Bezirk aus. Der Vorplatz war voller Transparente, der übergroße Buddybär umringt von Luftballons der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften, kurz GEW. „Lichtenberger Schulen am Limit“ schrieben die Mütter und Väter mit Kreide auf die grauen Gehwegplatten. Auf Transparenten fanden sich Aussagen wie „Es fehlen 3.263 Schulplätze“ oder „Hilfe, wir platzen“. Es wurde getrommelt und gepfiffen.

Während Bezirksamtsmitarbeiter morgens an der Feuerstelle mit der heißen Glut aus der Nacht ins Rathaus eilten, blieben Passanten stehen. „Einige haben uns sogar Essen vorbeigebracht oder erlauben uns, bei ihnen zu Hause auf die Toilette zu gehen“, sagt Annett Lange, Mitglied im Vorstand des BEA. Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) ließ sich bei den Demonstranten ebenso blicken wie der für Schulen zuständige Bezirksstadtrat Wilfried Nünthel (CDU). Das Fernsehen war da, und die sozialen Netzwerke lieferten quasi im Stundentakt Bilder sowie Videos von der Aktion. Mittwochabend endete die Aktion.

Rasanter Anstieg der Schülerzahlen

Im wachsenden Bezirk Lichtenberg fehlt es an Schulplätzen. Noch nie wurden in der Geschichte des Bezirks derart viele Wohnungen in so kurzer Zeit gebaut, noch nie zog Lichtenberg so viele junge Familien an. Noch nie mussten aber auch Schüler so eng zusammenrücken wie aktuell. Dabei war schon vor Jahren absehbar, dass die Kapazitäten nicht ausreichen würden. Ähnlich geht es anderen Bezirken. Insofern kann man also von einem Gesamtberliner Problem sprechen.

Die Situation in Lichtenberg lässt sich am besten in Zahlen ausdrücken, die der am Mittwochabend vom Bezirk vorgelegte Schulentwicklungsplan enthält: Im Schuljahr 2018/2019 fehlen3.263 Schulplätze, im Jahr 2023/2024 sogar 4.331. Schon jetzt werden in einer ersten Klasse nicht selten bis zu 26 Schüler, in Ausnahmefällen sogar mehr betreut. „Diese massive Verdichtung führt zu Abstrichen in der Qualität“, mahnt Björn Sacknieß, dreifacher Vater und ebenfalls Mitglied im Bezirkselternausschuss. Mitstreiterin Annett Lange berichtet davon, dass die Zahl der Schüler in der Grundschule am Gutspark von einst 300 auf nunmehr 500 angestiegen ist. Seit fünf Jahren mache man auf das Problem aufmerksam. „Konkret ist aber nichts passiert“, kritisiert die Mutter eines zehnjährigen Mädchens. Zudem bemängelt der Bezirkselternausschuss, dass der Bezirk lange keine transparenten Zahlen lieferte. Auch fehle es seit zwei Jahren an einem aktuellen Schulentwicklungsplan. Dass der Bezirk erst kürzlich über eine bis 2026 angelegte und 900 Millionen Euro teure Schulbauoffensive informiert habe, stimmt die Eltern wenig milde. „Das hilft uns aktuell nicht weiter, denn die Probleme haben wir jetzt“, sagt Björn Sacknieß.

Lange fehlte Geld für neue Schulen

Natürlich könnte der für Schulen zuständige Bezirksstadrat Wilfried Nünthel (CDU) nun lange in der Vergangenheit nach den Schuldigen für die Misere suchen. Doch der Bezirkspolitiker ist Pragmatiker und einer, der eher nach vorne schaut. „Vor fünf Jahren war schlichtweg für neue Schulen kein Geld da“, sagt Nünthel, der den Fachbereich erst im November 2016 übernahm. Seit vergangenem Herbst lässt seine Abteilung den Schulentwicklungsplan erarbeiten. Das Papier enthält unter anderem Angaben über die fehlenden Schulplätze sowie Prognosen.

„Zum ersten Mal haben wir ein Instrument, das sich unkompliziert aktualisieren lässt“, sagt Nünthel. Ja, sicherlich, vieles käme zu spät, räumt er ein. Und dennoch arbeitet seine Verwaltung unter Hochdruck daran, die Situation zu entspannen. Derzeit entstehen an zehn Standorten sogenannte Mobile Ergänzungsbauten – Schulcontainer mit zusätzlichen Klassenräumen. Zudem nehme mit Beginn des Schuljahres 2019/2020 eine neue Grundschule in der Konrad-Wolf-Straße ihren Betrieb auf. Ein Jahr später wird ein Neubau in der Sewanstraße eröffnen. Außerdem kündigt Nünthel an, dass künftig nur dann Bebauungsplanverfahren für neue Wohnungen genehmigt würden, wenn auch sichergestellt ist, dass es in der betreffenden Region ausreichend Schulplätze gibt.

Fast 7.500 neue Schulplätze bis 2023

Immerhin: Bis 2023 baut der Bezirk sein Schulnetz so aus, dass 7.438 zusätzliche Schulplätze bereitstehen. „Diese Planung ist abgesichert“, sagt Nünthel. Sicher sei auch, dass auch im kommenden Schuljahr jeder Grundschüler einen Platz bekomme. Notfalls würde der Bezirk Buslinien einrichten, um die Kinder an Schulen zu bringen, die noch Kapazitäten haben. Schwieriger ist es bei den Oberschülern. Hier schließt Nünthel nicht aus, dass diese mitunter auch in Marzahn-Hellersdorf oder Friedrichshain-Kreuzberg nach einem freien Platz suchen müssen. Ein Dauerzustand soll dies aber nicht sein.

Den Protest der Eltern empfindet Nünthel nicht als Kritik, sondern vielmehr als Unterstützung. „Unser Anliegen können wir nicht alleine bewältigen“, sagt er. Und auch Annett Lange vom Bezirkselternausschuss setzt auf ein Miteinander statt auf ein Gegeneinander. „Nur gemeinsam können wir eine Lösung finden.“

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