Pläne für Quartier Gehrenseestraße werden konkret

Eine Stadt der kurzen Wege

17.05.2019, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding

Alt-Hohenschönhausen. Grün, modern, offen und autofrei – auf diesen kurzen Nenner lassen sich die Pläne für das Quartier Gehrenseestraße bringen, die am Mittwochabend, 15. Mai, präsentiert wurden. Gleichzeitig verkündeten Investoren und Bezirk eine Botschaft, auf die viele Menschen im Kiez schon lange warten: „Jetzt geht es wirklich los“, sagte Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke). Ab 2022 sollen sich auf dem 6,3 Hektar großen Areal, das einst das Zuhause für Hunderte Vertragsarbeiter aus Vietnam, Mosambik und Angola war, die Baukräne drehen.

Kompletter Leerstand seit 1994

Noch hat die Natur das Gelände zwischen Hauptstraße, Rhin-, Wartenberger-, Gehrensee- und Wollenberger Straße im Griff. Wie Mahnmale ragen die Ruinen der einstigen Gastarbeiterunterkünfte zwischen den wild wachsenden Bäumen und Sträuchern hervor. Von den Gebäuden sind nur noch die Wände und Fassaden übrig. Ein Anblick, der viele Alt-Hohenschönhausener ärgert – und das seit 1994. Seit auch die letzten Nutzer – darunter etliche Vereine – ihre Umzugskartons packten, ist die Immobilie sich selbst überlassen. Nur hin und wieder machte das Areal danach Schlagzeilen, weil sich dort Obdachlose aus Osteuropa aufhielten. Mehrfach ermittelte die Polizei wegen etlicher Todesfälle: Immer wieder hatten illegale Bewohner versucht, sich an offenen Feuern in den leerstehenden Unterkünften zu wärmen. Der Tod trat vermutlich durch die Bildung von tödlichem Kohlenmonoxid ein. Bezirk, aber auch die mehrfach wechselnden Eigentümer hatten sichtlich Schwierigkeiten mit dem immer mehr verfallenden Areal. Jahrelang wurde angekündigt, dass auf dem Areal neue Wohnungen entstehen werden. Doch es blieb bei Lippenbekenntnissen.

Zwei starke Partner

Jetzt ist man im Bezirksamt sehr optimistisch, dass der Schandfleck verschwindet. Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) nährt seine Zuversicht aus der Tatsache, dass mit zwei renommierten Investoren endlich Partner gefunden wurden, die es wirklich ernst meinen. Da ist zum einen die landeseigene Wohnungsgesellschaft Howoge, der ein Fünftel der Immobilie gehört. Der wesentlich größere Teil wurde vom Projektentwickler Belle Epoque erworben, der bereits an anderen Stellen im Bezirk Wohnungen errichtet. „Das sind zwei starke Partner“, sagte Grunst im Rahmen einer Veranstaltung, zu der die Verwaltung unter der Überschrift „Stadtteildialoge“ einlud. Dass die Stühle im Saal der Katholischen Kirchengemeinde „Heilig Kreuz“ nicht ausreichten, war ein Zeichen für das große Interesse der Nachbarn an den Planungen zum Quartier Gehrenseestraße.

Fünf Wohnhöfe angedacht

Grundlage für die Entwürfe sind die Konzeptpapiere des Berliner Architektenbüros MLA+. Das hatte sich unter acht Planergemeinschaften im Rahmen eines sogenannten Werkstattverfahrens mit seinen Visionen durchsetzen können. Entstehen soll am östlichen Rand des alten Hohenschönhausener Dorfkerns eine Stadt der kurzen Wege: fünf Wohnhöfe, jeder von einem Hochhaus flankiert, dazu jede Menge grün und zwei markante Stadtplätze. Letztere sollen gleichzeitig eine Verbindung zur Nachbarschaft herstellen. Vorgesehen sind auch kleine Geschäfte, medizinische Einrichtungen und Dienstleister. Auch an die Infrastruktur ist gedacht: Zur Gehrenseestraße soll es eine Straßenbahnhaltestelle geben. Darüber hinaus wollen die Investoren eine dreizügige Grundschule und zwei Kindertagesstätten errichten. Die ganze kleine Stadt mit ihren 2.300 Wohneinheiten wird zudem autofrei sein. In Tiefgaragen ist Platz für private Pkw, aber auch für die Car-Sharing-Fahrzeuge und Elektrofahrräder zum Ausleihen.

Keine Häuser von der Stange

„Das werden keine Häuser von der Stange, mit kleinen Fenstern und niedrigen Decken“, kündigte Torsten Nehls ist der Geschäftsführer der Belle Epoque Quartier Grehensee GmbH, an. Es werde effizient gebaut, sodass kein wertvoller Platz verschenkt wird. Er spricht von bezahlbarem, kompakten Wohnen. Alle Häuser stünden frei, das Quartier werde grün und offen angelegt. Neben Wohnungen für Familien ist auch an Wohnraum für Senioren und Studierende gedacht. Auch von einem Hostel ist die Rede. Howoge-Prokurist Stefan Schautes kündigte an, dass es neben frei finanzierten Wohnungen auch mietpreisgebundene Angebote geben wird. „Intention beider Investoren ist es, 2022 mit dem Bau zu beginnen“, sagte Schautes.

Vorbereitungen für Bebauungsplanverfahren

Ein erster wichtiger Meilenstein ist schon für die kommende Woche geplant. Dann will das Bezirksamt nach Angaben von Bürgermeister Michael Grunst den Weg für einen sogenannten Aufstellungsbeschluss frei machen. Der ist die Grundlage dafür, dass ein Bebauungsplanverfahren eingeleitet wird. Mehrfach betonten Bezirk und Investoren am Mittwochabend, dass gezielt die Anwohner in die Planungsschritte einbezogen werden. So muss unter anderem die Anbindung an den Nahverkehr geklärt werden. Nicht unumstritten ist die Belastung durch den Verkehr, wie sich im Rahmen der Dialogveranstaltung zeigte. Bewohner des Malchower Weges und der Gehrenseestraße wiesen darauf hin, dass sie jetzt schon stark leiden. „Der Verkehr wird zunehmen“, sagte eine Anwohnerin des nahen Malchower Weges. Immerhin dürfte der Kiez nach Fertigstellung des neuen Quartiers um rund 4.000 Einwohner wachsen.

In den Bebauungsplan werden neben den Anmerkungen der Anwohner auch die Ergebnisse von Gutachten einfließen, die im Rahmen des Verfahrens aufzustellen sind. „Das dauert zwei Jahre, wenn alles gut geht“, sagte Grunst. Noch ist seiner Ansicht nach vieles offen. „Und nichts ist in Stein gemeißelt.“ Am Ende entscheiden die Mitglieder der Bezirksverordnetenversammlung.


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